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Hitler-Gegner
Neues Buch über Coburger Widerstandskämpfer
Georg Alexander Hansen als junger Offizier am Steuer seines Dienstwagens, vereidigt auf die Republik.
Georg Alexander Hansen als junger Offizier am Steuer seines Dienstwagens, vereidigt auf die Republik. // Sammlung Kasten Hansen
Coburg – Als „Detektivin der Vergangenheit“ hat Historikerin Franziska Bartl das Leben von Georg Alexander Hansen nachgezeichnet, einer der Verschwörer gegen Hitler vom 20. Juli. Zum Helden verklären will sie ihn aber nicht.

Es ist keine geradlinige, aber am Ende folgerichtige Entwicklung, die Georg Alexander Hansen zum Gegner des NS-Regimes macht. Über Jahre hinweg arbeitet der in Mönchröden aufgewachsene Wehrmachtsoffizier mit Gleichgesinnten auf einen Umsturz in hin, der nur gelingen kann, wenn Adolf Hitler stirbt. Mehrere Versuche scheitern von vornherein, auch das Bombenattentat am 20. Juli 1944. Doch als Helden sind andere berühmt geworden, wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Franziska Bartl zeichnet in ihrem Buch das Leben von Georg Alexander Hansen nach, der in Sonnefeld geboren wurde und das Gymnasium Casimirianum besuchte.

Franziska Bartl
Franziska Bartl // privat

Wie sind Sie auf Georg Alexander Hansen gestoßen und wieso haben Sie ihn zum Thema gemacht?

Ich beschäftige mich schon sehr lange mit der Biografie Georg Alexander Hansens. Das geht bis in meine Schulzeit am Gymnasium Albertinum zurück, als ich meine Facharbeit im Leistungskurs Geschichte schrieb. Damals jährte sich das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 zum 60. Mal und die Medien thematisierten das Ereignis bundesweit ausführlich. In diesem Zusammenhang begann ich mich intensiv für das Thema zu interessieren, insbesondere für die Frage nach der Möglichkeit von Widerstand in der NS-Diktatur.

Mein damaliger Geschichtslehrer, Rupert Appeltshauser, machte mich schließlich auf Georg Alexander Hansen aufmerksam: Es gebe da ein Familiengrab auf dem Coburger Friedhof, das an einen Offizier erinnert, der am 20. Juli beteiligt gewesen sein soll… Ich war sofort fasziniert, schließlich verband Hansens Biografie mein Interesse am Widerstand mit regionaler Geschichte, und machte mich an die Recherche. Dass ich vor einer enormen Forschungsaufgabe stand – damals gab es so gut wie keine Literatur und nur wenige greifbare Quellen zu Hansen –, die mich noch Jahrzehnte beschäftigen würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht ahnen.

Sie haben sich über Jahre mit Georg Hansen beschäftigt, Interviews mit Nachfahren geführt, sich durch Fachliteratur gearbeitet. Wie schafft man es, so auf ein Thema fixiert zu bleiben? Und notfalls sogar zu recherchieren, was bei der Kraftfahrerausbildung des Heeres vermittelt wurde?

Nicht nur, was bei der Kraftfahrerausbildung vermittelt wurde, sondern auch – und das war wirklich sehr weit von meinen Interessensschwerpunkten entfernt – wie sich die Organisationsstrukturen des militärischen Geheimdienstes unter Wilhelm Canaris, Hansens Tätigkeitsbereich, samt Frontaufklärungskommandos und Kriegsorganisationen gestalteten. Aber ganz konkret zur Frage: Sicherlich braucht es eine gewisse Leidenschaft für ein Thema, um diszipliniert am Ball zu bleiben. Und es gibt Phasen, in welchen das besser und in welchen es weniger gut funktioniert.

Letzten Endes aber war der Forschungsdrang immer größer als jede Resignation. Schließlich sind Historikerinnen und Historiker auch immer auch ein wenig Detektive der Vergangenheit, insbesondere bei einem so wenig erforschten Thema wie dem meinen. Mein Arbeitszimmer sah zeitweise aus wie ein Ermittlungsraum, mit Namen und Stichworten an der Wand, verbunden mit Pfeilen und Linien, die Zusammenhänge vor Augen führten und sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenfügten. Und auch das Gefühl nach einem langen Archivtag in einem Stapel von Akten neue Informationen zu entdecken, die Antworten auf offene Fragen zulassen, ist ein unglaubliches motivierendes Gefühl, dass mich für meinen Beruf begeistert.

Welche Erkenntnisse über Coburg in den 1920er Jahren konnten Sie mit Ihrer Forschung gewinnen?

Die Beschäftigung mit Hansens Biografie zeigt, wie brüchig vermeintliche politische Stabilitäten sein können. Seine Lebenswelten änderten sich gleich mehrfach grundlegend. Noch vor seinem 30. Geburtstag hatte er Monarchie, Republik und Diktatur erlebt. Auch in Coburg spielten sich jene historisch-politischen Entwicklungen auf mikrokosmischer Ebene ab – und verliefen noch rasanter. Hier ereignete sich die Abfolge von Herzogtum, Freistaat Coburg, Anschluss an Bayern und nationalsozialistischer Stadtratsmehrheit in nur elf Jahren und das Gefühl von Instabilität und Orientierungslosigkeit war enorm. Dass sich Coburg zuvor besonders stark mit dem herzoglichen Haus und seiner Rolle als ein dynastisches Zentrum des 19. Jahrhunderts identifiziert hatte, intensiviertes dieses kollektive Empfinden noch.

Ähnlich wie Hansen, der in seinen jungen Jahren ein Suchender war, der sich nach Sicherheit und Kontinuität sehnte und sich dabei auch von falschen Werten instrumentalisieren ließ, verlief sich auch Coburg auf der Suche nach seiner Rolle in einer neuen Welt. So entwickelte es sich schließlich von einem einst vergleichsweise fortschrittlichen und liberalen Terrain unter Ernst II. zu einem Hort antisemitischer und völkischer Strömungen und einer frühen nationalsozialistischen Stadt. Die Rolle, die Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha als Identifikationsfigur verirrter Coburger in diesem Zusammenhang spielte, ist nicht zu unterschätzen.

Was lässt sich daraus lernen?

Für unsere Gegenwart können wir daraus erkennen, wie wichtig es ist, gesellschaftspolitische Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, sich nicht von falschen Versprechen und einfachen Wahrheiten beeindrucken zu lassen, sie kritisch zu hinterfragen und klare Stellung zu beziehen. Die Demokratie ist nicht selbstverständlich, sie muss am Leben gehalten werden.

Junge Leute würden sich sehr für die NS-Zeit interessieren, sagt eine neue Studie. Gleichzeitig fehlt ihnen grundlegendes Wissen. Wie sollte Geschichte vermittelt werden, damit das Interesse an und das Verantwortungsbewusstsein für diese Zeit erhalten bleiben?

Ich halte es für sehr wichtig, Geschichte anschaulich zu vermitteln und persönliche Zugänge zur Vergangenheit zu schaffen. Neben den Ergebnissen der Geschichtswissenschaft – klassischerweise Publikationen oder Formate wie Vortragsveranstaltungen, Ausstellungen und Symposien – gibt es vielfältige Möglichkeiten, Geschichte greifbar zu machen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für Jugendliche und junge Erwachsene insbesondere die Auseinandersetzung mit Geschichte, die mit Aktivitäten und Anschaulichkeit verbunden ist, Interesse weckt. Das können Stolpersteinrundgänge und Gedenkstättenfahrten ebenso sein wie die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen oder auch die aktive Arbeit mit personenbezogenen Quellen wie Briefen oder Tagebüchern.

Auch der Einsatz neuer Medien und digitaler Möglichkeiten spielen eine immer stärkere Rolle bei der Geschichtsvermittlung. Spannend fand ich beispielsweise das Projekt von SWR und BR „Ich bin Sophie Scholl“, das im vergangenen Jahr den Widerstand der Weißen Rose anhand eines Instagram-Profils aus Sicht von Sophie Scholl nachgezeichnet hat und fast 600.000 Follower erreichen konnte.

Wofür steht Georg Alexander Hansen in Ihren Augen?

Es liegt mir fern, Georg Alexander Hansen als einen Helden verklären zu wollen. Er war ein Kind seiner Zeit, geprägt durch die soziokulturellen Umstände seiner Kindheit und Jugend. Wie so viele seiner Mitverschworenen war er in seinen jungen Jahren dem Nationalsozialismus gegenüber nicht abgeneigt und erkannte erst im Laufe der Zeit dessen verbrecherisches Ausmaß.

So ist Georg Alexander Hansens Weg in den Widerstand als ein andauernder Entwicklungsprozess zu verstehen, der sich, begünstigt durch berufliche Einblicke und persönliche Netzwerke, über partielle Kritik und innere Opposition bis hin zum Widerstand erstreckte. Durch seine führende Funktion innerhalb des „Amtes Ausland/Abwehr“ hatte er schließlich die Möglichkeit, die Staatsstreichpläne des 20. Juli 1944 aktiv vorzubereiten und eine zentrale Rolle innerhalb des militärischen Widerstandes gegen Hitler einzunehmen.

Georg Alexander Hansen vor dem Volksgerichtshof am 10. August 1944 als Zivilist: Die Wehrmacht hatte ihn ausgestoßen. Er wurde zum Tod verurteilt.
Georg Alexander Hansen vor dem Volksgerichtshof am 10. August 1944 als Zivilist: Die Wehrmacht hatte ihn ausgestoßen. Er wurde zum Tod verurteilt. // Sammlung Karsten Hanse

Seine Lebensleistung war es, Unrecht zu erkennen und sich ihm mit allen Konsequenzen entgegenzustellen. Er entschied sich für den richtigen Weg, zeigte Haltung und Mut und lebte für seine Überzeugung. Das ist es, was wir von ihm lernen können.

Die Fragen stellte Redaktionsmitglied Simone Bastian per E-Mail, Franziska Bartl antwortete auf gleichem Weg.

Hintergrund

„20. Juli“ Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres, versuchte Adolf Hitler am 20. Juli 1944 durch ein Bombenattentat während einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier zu töten. Der Versuch misslang; noch in der Nacht wurden Stauffenberg und weitere Mitverschwörer ermordet.  Schon 1938 war Hansen in Putschpläne seines damaligen Vorgesetzten Wilhelm Canaris eingeweiht. Stauffenberg kannte er von der Militärakademie her. Hansen war wesentlich an den Vorbereitungen für das Attentat und die Machtübernahme danach beteiligt. Er wurde am 22. Juli 1944 verhaftet, am 10. August zum Tode verurteilt und am 8. September gehenkt.


Autorin Franziska Bartl, geboren 1985 in Coburg, studierte Germanistik und Geschichte  und  promovierte mit der Arbeit über Georg Alexander Hansen am Institut für Europäische Studien und Geschichtswissenschaften der TU Chemnitz. 2015 übernahm sie den geschäftsführenden Vorsitz der Prinz-Albert-Gesellschaft. Seit 2021 ist sie zudem  stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin des  Bereichs historisch-politische Bildung der Franken-Akademie in Schloss Schney. Von 2014 bis 2020 gehörte sie dem Coburger Stadtrat an. 

Buchvorstellung Mittwoch, 15. März, 19 Uhr, Leise am Markt (Herrngasse 2) in Coburg. Vortrag und Gespräch mit Franziska Bartl; Veranstalter: AK Lebendige Erinnerungskultur, Initiative Stadtmusuem Coburg, DGB Oberfranken, EBW Coburg.

Buch Franziska Bartl. Der vergessene Verschwörer. Georg Alexander Hansen und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Be.bra Verlag Berlin, 2023. ISBN 9783954103133. 36 Euro, im Buchhandel

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