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Kunst im Münzmeisterhaus
„Reibung hat mich gemacht": Anna Deller-Yee über ihre Kunst
Künstlerin mit Blumen: Anna Deller-Yee vor ihrem Diptychon „Hymne IV“.
Künstlerin mit Blumen: Anna Deller-Yee vor ihrem Diptychon „Hymne IV“. // Simone Bastian
Coburg – Von Coburg in die weite, glitzernde Welt der Mode und der Kunst: Anna Deller-Yee ist diesen Weg gegangen. Was hat es für sie bedeutet, in und für Coburg eine Ausstellung zu gestalten?

Die Blumen sind über die Leinwand hinausgewachsen, in die Längswand des Projektraums im Münzmeisterhaus. Dort waren zweieinhalb Monate Werke von Anna Deller-Yee zu sehen, in Coburg aufgewachsen und international erfolgreich. „Interlude“ war die Ausstellung betitelt, „Zwischenspiel“. Etwas, was sich Künstler selten gönnen. Sich selten erlauben können.

Die Bilder und Objekte, die dort zu sehen waren, hat Anna Deller-Yee für diesen Raum gestaltet. Das gilt auch für den mit Farbe skulptierten Mantel, den sie für die Frankfurter Kunsthalle Schirn geschaffen hat. Der Mantel, der symbolisch für vieles steht. Dafür, dass die junge Künstlerin ein zweites Standbein als Designerin in der Mode hat. Dafür, dass Kleider Leute machen – in vielerlei Hinsicht. Der Mantel steht für den Körper, auch, wenn gar kein Körper da ist. Kleider schützen den Körper, aber engen ihn auch ein, bestimmen, wie er gesehen wird. Es ist erkennbar ein Mantel für Frauen. Ein Körper ohne Körper. „Ich habe sehr viel Potenzial in der Idee erkannt“, sagt Anna Deller-Yee.

Der eigene Weg und der Erfolg

Sie malt, sie schafft Objekte. Das zweite in der Coburger Ausstellung war ein Biedermeierstuhl ohne Sitz, darüber drapiert bemalter und bestickter Stoff. Ihr Werk ist schwer einzuordnen: Einige Blüten sind zart hingetupft, bei anderen verwendet sie Gelmedium in den Farben, um die Blüten plastisch herauszuarbeiten. Schwarz ist fast immer dabei, Ausdruck ihrer „wilden Seite“, wie sie selbst sagt.

Anna Deller-Yee hat schon immer die Dinge lieber so getan, wie sie es für richtig hielt. Das sei schon in ihrer Schulzeit am Coburger Gymnasium Albertinum so gewesen, erzählt sie beim Künstlergespräch mit der Kunsthistorikerin Jana Rosenzweig (Kunstsammlungen der Veste Coburg) zum Abschluss der Ausstellung. Sie hat lieber auf ihre Weise gelernt, gerade in der Kunst. „Reibung hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.“

Anna Deller-Yee: Designerin, die malt

Das setzte sich fort beim Master-Design-Studium in London. Ihren Dozenten habe sie zu viel gemalt, erzählt sie, und dass sie ihr empfohlen hätten, lieber digital zu arbeiten. „Ich habe mich dazu entschieden, nicht darauf zu hören“, und hatte den Erfolg, der recht gibt. Nun hat sie zwei Standbeine: eins im Modedesign (Stoffe), eins in der Kunst. „Ich will da nicht raus“, sagt sie. Denn in und zwischen diesen zwei Welten gebe es keinen Stillstand.

Und sie zieht für jede dieser Welten das für sie Beste aus beiden. Sie liebt das Haptische, wie sie sagt. Liebt es, mit unterschiedlichen Stoffen zu arbeiten, wie sie es im Design muss – und nutzt die verschiedenen Stoffe auch als Malgrund, von Nessel bis Seide. Bestickt ihre Gemälde mit Perlen.

Auszeit für Coburg

Für die Ausstellung in Coburg spann sie bewusst das Blumenthema weiter, mit dem sie ihre letzte große Ausstellung in Berlin gestaltet hatte. Nur „weniger wild, weniger laut“, wie sie selbst sagt. Mit dem Interlude habe sie sich eine Gelegenheit gegeben, zur Ruhe zu kommen und nach Coburg. Heimzukommen, nachdem sie nun in London, Mailand und Berlin gelebt hat. Sich für die Coburger Ausstellung einmal kurz zurückzuziehen aus dem Mode- und dem Kunstbetrieb, der immer Neues will von Künstlern und Designern. Der zumindest in den sozialen Medien Präsenz verlangt. Und immer Neues. Aber: „Wie soll ich etwas Neues schaffen, wenn ich nur damit beschäftigt bin, dem Algorithmus und der Industrie gerecht zu werden?“

Einflüsse von Anselm Kiefer und Claude Monet

Für Coburg schuf sie bewusst ruhigere, stillere Bilder. Denn Coburg selbst sei ja sehr ruhig, sagt sie. So ruhig, dass sie als Jugendliche eben unbedingt hinaus wollte, in eine schnellere, lautere Welt, wo sie Menschen kennenlernen konnte, „die crazy drauf sind“. Nun schätzt sie die „wahnsinnige Schönheit“ der Stadt, den Raum, für den sie die Werke schaffen konnte. Denn Räume, sagt sie, werden immer wichtiger. Natürlich blieb sie während der Ausstellung in Coburg nicht untätig. Reiste, kontaktierte Kunden. Sah sich Kunst an – Anselm Kiefer in Mailand, Claude Monet in Paris. Gerät ins Schwärmen über die emotionale Wucht, die sie beim Anblick von Kiefers Werken in der Salla delle Cariatidi spürte, und über die Symbiose von Kunst und Raum in der Orangerie des Louvre, wo Monets Seerosen den Raum bestimmen, so, als wäre man in seinem Garten in Giverny. Zwei weltbauende Künstler, ein Werk, das einen einhüllt, sagt Anna Deller-Yee. „Das arbeitet noch in mir.“

In Spannungsfeldern

Laut und leise, impressionistisch und expressionistisch: Anna Deller-Yee sieht sich und ihre Kunst selbst in diesen Spannungsfeldern. „Ich bin froh, wenn meine Bilder laut werden“, sagt sie – weil es von Frauen erwartet werde, dass sie eben nicht laut seien, sich zurücknehmen. Sie würde auch gern im großen Format malen können, sagt sie. Nicht dass sie es nicht könnte – aber für eine Leinwand mit vier auf sechs Metern Größe braucht man auch das entsprechende Atelier und Ausstellungsräume.

Wann ist ein Bild fertig?

Sie setzt sich selbst intensiv mit ihren Werken auseinander. „Wenn ich früh genug aufhören kann, lege ich das Bild noch mal weg und warte.“ Eben weil sie nah dran sei in ihrem Studio, suche sie den Abstand. „Ich lass das Werk mal für sich sein.“ Denn es sei schon vorgekommen, dass sie „über den Punkt hinaus“ gemalt hat, wie sie sagt.

Was wird sie also nun machen? Weiterhin in der Modebranche arbeiten, eine weitere Ausstellung in Berlin vorbereiten (Richtung Jahresende). Ihre zwei Standbeine, Mode und Kunst, verschaffen ihr auch eine bessere finanzielle Absicherung, sagt sie. Denn sie arbeitet freischaffend. Da muss man sich Zwischenspiele erst einmal leisten können.

Inspiration und Ausstellungen

Anselm Kiefer Bis zum 27. September präsentiert Anselm Kiefer die Installation „Die Alchemistinnen“ in Palazzo Reale in Mailand. Zu sehen sind 23 monumentale Leinwände, die für die Sala delle Cariatidi konzipiert wurden.  Die Ausstellung würdigt sechs vergessene Wissenschaftlerinnen (Alchemistinnen) früherer Jahrhunderte.

Claude Monet Im Musée de l’Orangerie am Louvre in Paris sind seit 1927 zwei Säle Monets Seerosen („Nymphéas“) gewidmet;  die Gemälde bilden wie eine Art Panorama auf 100 Metern Länge Monets Seerosenteich in Giverny ab. Die größte Sammlung von Monets Werken in Paris findet sich im Musée Marmottan, das zur Académie des Beaux-Arts gehört.

Anna Deller-Yee Die Galerie Jaeger Art in Berlin präsentierte zusammen mit dem Sammlerehepaar Fritz und Angelika Stahlberg die Ausstellung Interlude im Münzmeisterhaus. Derzeit läuft in Berlin bei Jaeger Art die Schau „Reset“, die ebenfalls ein Werk von Anna Deller-Yee enthält. Weitere Gemälde von ihr sind online unter jaeger.art zu sehen. Für das Jahresende planen Anna Deller-Yee und Jaeger Art eine weitere Ausstellung in Berlin.

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