Oberflächlich betrachtet ist um 21.27 Uhr der Höhepunkt des Konzerts erreicht. Kontra K zieht sich Shirt und Jacke aus und präsentiert den mehr als 10.000 Menschen endlich seinen gestählten Oberkörper, für den er so bekannt ist. Einen Oberkörper, der alle Klischees eines Rappers erfüllt: Ein Tattoo reiht sich dort ans nächste…
Aber Kontra K, der eigentlich Maximilian Diehn heißt, passt ja gar nicht ins übliche Rapper-Klischee. Das zeigt sich allerspätestens um 22.10 Uhr, als der wahre Höhepunkt des Open Airs auf dem Coburger Schlossplatz erreicht ist: Der 36-Jährige bittet um Ruhe und denkt kurz über die Welt und das Leben nach. „Wenn wir hier auf diesem Platz, 10.000 Leute, wie einer sein können: Warum ist es dann da draußen so, dass jede scheiß Nachricht uns spaltet?“ Sein Vorschlag: „Lasst uns mehr Musik machen, lasst uns mehr eins sein!“ Und dann ruft er „Ahu“, was als Appell fürs Zusammenhalten zu verstehen ist, „Ahu Coburg!“
Kontra K ist der etwas andere Rapper. Ein Rapper mit Gefühl, der aber klare Botschaften hat. Er spricht viel mit dem Publikum, und er wirkt dabei immer offen und ehrlich. Ja, sagt Kontra K, er selber habe schon schwierige Momente im Leben gehabt. Deshalb wisse er, wie wichtig jeder einzelne Tag sei. Die Botschaft „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ mag nicht sonderlich neu sein. Aber aus dem Munde eines Rappers klingt sie authentisch, und sie erreicht vielleicht auch deutlich mehr Menschen.
Nicht als Psychologe unterwegs
Bevor jetzt allerdings der Eindruck entsteht, Kontra K sei in Coburg als Psychologe unterwegs gewesen: Nein, er kann auch anders. Gleich mehrmals frotzelt er zum Beispiel über die Polizeibeamten, die von den Arkaden aus den Schlossplatz beobachteten. Als es – in der Phase bis 21.27 Uhr – immer wieder Zwischenrufe gibt, dass er sich doch bitte „oben rum“ endlich nackt machen soll, hat Kontra K eine Idee: „Ja – aber nur, wenn die da oben (gemeint sind die Polizeibeamten) sich auch ausziehen!“
Kontra K ist aber keinesfalls gegen die Polizisten eingestellt. Wiederum mit Blick auf die Arkaden sagt er sogar extra: „Viele vergessen, dass die da oben zu uns gehören!" Zum Thema Gewalt hat er sowieso seine klare Meinung: Als er das Publikum auffordert, die „Waffen" zu ziehen, meint er damit die Hände. Denn: „Schaut mal, was man damit machen kann." sagt's, und formt aus seinen zwei Händen ein Herz.
Spaß auf der Bühne
Kontra K, das ist unschwer zu erkennen, hat richtig viel Spaß auf der Bühne. Er spult sein Programm nicht einfach nur ab, sondern packt in jedes seiner Lieder jede Menge Emotionen. Dazwischen möchte er Botschaften loswerden: für ein gutes Miteinander, für den Frieden. Er spricht es beim Konzert auf dem Coburger Schlossplatz nicht direkt an, aber jeder weiß, dass Kontra K russisch-ukrainische Wurzeln hat. „99,9 Prozent gibt es geile Menschen“, sagt er, aber zu 0,1 Prozent gebe es eben auch böse Menschen. Denen widmet er sogar ein eigenes Lied: „Besser geh“.
Aber Kontra K glaubt ja an eine gute Welt. Zumindest will er ein bisschen mithelfen, dass die Welt wieder besser wird, oder zumindest schon einmal das menschliche Miteinander.
In seiner wunderbaren Ballade „Nur für Dich“ singt er etwa: „Ich geb’ dir mein Wort: Wenn die Welt dir zu grausam ist, lass ich den Mond für dich lächeln, wenn du traurig bist – nur für dich.“ Während da viele Fans Gänsehaut bekommen, geht über dem Schlossplatz tatsächlich der Mond auf. Die wichtigste Nachricht aus meteorologischer Sicht lautet an diesem Abend jedoch: Das Wetter hält!
Nachdem am Nachmittag noch ein kräftiges Gewitter durch die Stadt gezogen war, hatten viele schon eine Absage des Konzerts befürchtet. Doch am frühen Abend klarte der Himmel wieder auf. Vielleicht kann das ja sogar symbolisch gesehen werden: So bewölkt die Welt zurzeit auch sein mag, so berechtigt ist die Hoffnung, dass alles gut wird – vorausgesetzt, die Menschen reißen sich zusammen. Vielleicht sollten sie einfach mehr Musik zusammen hören…
Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist dann „Summertime Sadness“. Dieser Rap-Remix des einstigen Sommerhits von Lana Del Rey war erst am Tag zuvor veröffentlicht worden; in Coburg wird er von Kontra K zum ersten Mal live auf der Bühne gesungen. Den Reaktionen des Publikums zufolge liegt Kontra K mit einer Vermutung vielleicht gar nicht mal so falsch: „Das könnte meine erste Nummer 1 Single in meiner ganzen Karriere werden.“ Wir drücken die Daumen.
Bevor Kontra K den Abend mit einem „Ahu Coburg“ und einem „Dankeschön, Coburg“ beendet, frotzelt er noch ein bisschen. Ausnahmsweise geht es aber nicht gegen die Polizei, sondern gegen „die Presse“. Die würde nämlich immer negativ über ihn berichten, so die Klage. Aber so ist das eben mit den Vorurteilen. Denn, jetzt mal ehrlich, lieber Maximilian: In diesen Zeilen hier steckte doch nun wirklich sehr viel Lob und Anerkennung – für einen tollen Open-Air-Abend mit einem bemerkenswerten Rapper, der richtig gute Texte hat. Ahu Kontra K!
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