„Atmen“ heißt das Stück recht schlicht. Aber es ist kompliziert.
Der Zustand der Welt ist kompliziert. Die Beziehungen sind kompliziert. Also tief durchatmen? Einfach nur konsequent atmen, was schwer genug ist? Oder sich gleich umbringen und die Erde von Zigtausenden an Kilos CO₂ bewahren, die jeder Mensch verursacht, statt einen neuen Menschen in die Welt zu setzen?
Die Zuspitzung zeigt es schon: Ohne Humor geht so ein Stück zur aktuellen Lage der Welt und der Menschheit nicht. Duncan Macmillans Schauspiel „Atmen“ ist im Inhalt schwer erträgliche Bewusstmachung des Dilemmas, in der Ausführung des Landestheaters Coburg aber witziges, überschäumendes Theater-Live-Erlebnis. Begeisterung nach der Premiere am Freitag in der Reithalle.
Die beiden inmitten der Zuschauer Agierenden haben keine Namen, sie stehen ja für uns alle. Sie stehen zwischen vollgepackten Ikea-Lastkarren in der Schlange vor der Kasse. Sie sind gute, bewusste, bemühte Menschen, können sich dem Konsum aber doch nicht entziehen. Und plötzlich geht es darum, ob sie endlich ein Kind wollen oder nicht angesichts der auf uns zukommenden Umweltkatastrophe.
Milena Weber und Benjamin Hübner als sich liebendes, lange vertrautes Paar, streiten wie verrückt. In der nun Schlag auf Schlag niederprasselnden Szenenfolge schleudern uns die beiden wendigen Darsteller vom krassen Weltuntergangsszenario in intimes Bettdesaster, in all die Ängste, die mit Schwangerschaft, Familienwerdung, drohenden persönlichen Belastungen verbunden sind. Die „Ungeheuerlichkeit“, einen neuen Menschen „zu machen“, macht vor allem sie fertig. Er kriegt beim Sex nach wie vor „diesen Pornoblick“, den sie sonst zwar mag, der ihr genau jetzt aber, in diesem womöglich zukunfts- und schicksalsträchtigen Moment Angst macht. „Scheiße!“
Dass dies alles den Zuschauern nicht peinlich wird, sondern im Blick in den vorgehaltenen Spiegel sogar befreiendes Gelächter auslöst, ist die Kunst von Milena Weber und Benjamin Hübner. Sie hat letztes Jahr schon bei „Prima Facie“ – auch da schon in der Regie von Kathrin Sievers – im Landgericht verblüfft, Benjamin Hübner sowieso in zig Rollen am Landestheater.
Erneut weiß die offensichtlich mit großem Gespür für die Inszenierung von Zwischentönen begabte Regisseurin die Figuren und das Publikum atemberaubend hineinzutreiben, schockartig anzuhalten, zu tragen. Sie braucht als äußeren Rahmen dafür nur die Möbelkartons samt allmählich schräg etabliertem Regal. Annette Wolfs zunächst als vermeintlich enttäuschend schlicht eingerichtete Bühne zwischen den Zuschauerblöcken greift allmählich aus als pappkarton-wüstes Umfeld für das wüste Seelenleben der Menschen.
Milena Weber gibt die schon beim Autor völlig überzeichnete Frau – früher nannte man das hysterisch – in atemberaubendem Tempo. Benjamin Hübner muss als wirklich bemühter, moderner, hoffnungslos überforderter Mann viel aushalten, bringt die Szenerien mit Wort, Geist und vor allem auch Körper aber immer wieder zum Platzen.
Bei allem Spaß im Desaster muss man doch ein Stück weit protestieren gegen die ziemlich einseitige, ja irre Zeichnung der Frau als heutige, ständig fordernde, überfordernde, eben völlig überkandidelte Erscheinung. Denn es geht Macmillan in seiner gekonnten Überzeichnung um die Darstellung des aktuellen Zustandes der menschlichen Gesellschaft und der Beziehungen, weshalb auch die grotesk nicht-funktionierende zwischenmenschliche Kommunikation ein ständiges Thema ist. Dabei die weibliche Seite der heutigen Menschheit dann einseitig zu zeichnen als eine mit viel Intelligenz, gleichzeitig aber völlig chaotisch ihren egozentrischen Gefühlen folgende Gefühlstyrannin, ist im Grunde übles, uraltes Klischee.
Na jedenfalls: Milena Weber macht auch das prächtig.
Das Stück bleibt übrigens keineswegs nur bei der inhaltsreichen Momentaufnahme. Es erzählt am konkreten Beispiel im Ganzen eine weitgreifende, leider alltäglich dramatische, berührende Lebensgeschichte, von der man hier der Spannung wegen nichts weiter berichten darf.
Nur soviel: Steht am Ende nicht über allem die Aufgabe des Menschen, zu atmen? Trotz allem zu leben!
Der Autor
Duncan Macmillan, britischer Film- und Theaterautor, geboren 1980, gewann mit „Atmen“ 2013 bei den Off West End Awards den Preis für das beste neue Stück. Ebenfalls 2013 war er mit seiner zusammen mit Katie Mitchell und Lyndsey Turner erarbeiteten Bühnenfassung von Friederike Mayröckers „Reise durch die Nacht“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. „The Forbidden Zone“ feierte seine Premiere bei den Salzburger Festspielen, bevor es ins Repertoire der Schaubühne Berlin aufgenommen wurde.
Die Produktion
Landestheater Coburg: Atmen. Schauspiel von Duncan Macmillan (deutsch von Corinna Brocher). Inszenierung Kathrin Sievers, Ausstattung Annette Wolf, Dramaturgie Mia Massmann, Anne Verena Freybott. Darsteller Milena Weber, Benjamin Hübner.
Weitere Termine: 4., 8. Oktober, 20 Uhr, 5. Oktober, 18 Uhr in der Reithalle.













