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Coburger Convent
Coburger Stadträte des Marktplatzes verwiesen
Mathias Schmidt, umringt von der Polizei. Dem Stadtrat wurde am Montagabend der Zutritt zum Marktplatz zunächst verweigert. Kurz nachdem er dann doch der Feierstunde beiwohnen durfte, erhielt er einen Platzverweis.
Mathias Schmidt, umringt von der Polizei. Dem Stadtrat wurde am Montagabend der Zutritt zum Marktplatz zunächst verweigert. Kurz nachdem er dann doch der Feierstunde beiwohnen durfte, erhielt er einen Platzverweis. // Tuncer Yilmaz
Coburg – Matthias Schmidt (Pro Coburg) und Melanie Becker (Grüne) erhielten bei der Feierstunde des Coburger Convents Platzverweise. War es Zufall, dass ausgerechnet sie herausgegriffen wurden – oder steckt mehr dahinter? Der CC nennt die Vorwürfe „albern".

Obwohl der Pfingstkongress des Coburger Convents (CC) nun schon ein paar Tage vorbei ist: Matthias Schmidt, Stadtrat der Wählergemeinschaft Pro Coburg, ist noch immer aufgebracht. Zu sehr habe es ihn geschockt, sagt er im Gespräch mit dem Tageblatt, was er am Montagabend erlebt hat. Aufgrund zweier Vorfälle beim Fackelzug und bei der anschließenden Feierstunde hat Matthias Schmidt nun Anzeige gegen Unbekannt erstattet sowie eine Beschwerde gegen das Verhalten mehrerer Polizisten eingelegt.

Was ist passiert? Matthias Schmidt war am Montag mit seiner Stadtratskollegin Melanie Becker (Grüne) unterwegs. Sie besuchten zunächst die Anti-Fackelzug-Veranstaltung auf dem Albertsplatz; Melanie Becker trat dort auch als Rednerin auf. Außerdem hatte sie ein Plakat dabei. Der Spruch darauf war eine Anspielung auf den Inhalt diverser CC-interner Mails, die vor dem Pfingstkongress enthüllt worden waren. Coburgs Oberbürgermeister war darin abschätzig als „Regenwurm“ bezeichnet worden. Auf Beckers Plakat stand deshalb der Reim: „Grüne gegen CC-Ansturm, wir stehen zu unserem Regenwurm!“

„Ein Chargierter machte den Hitlergruß“

Nach der Demo auf dem Albertsplatz liefen Melanie Becker und Matthias Schmidt in die Goethestraße und schauten sich den Fackelzug an. Und was mussten sie dort sehen? „Ein Chargierter machte den Hitlergruß“, berichtet Schmidt; der Hitlergruß sei kurz darauf abgewandelt worden in den sogenannten „Kühnengruß“, der dem Hitlergruß ähnlich und deshalb ebenfalls verboten ist. Schmidt war geschockt und wollte, dass die anwesenden Polizisten etwas dagegen tun: „Ich habe gerufen: Schaut euch das doch bitte mal an!“ Denn ihm sei aufgefallen, dass die Polizisten eigentlich nur die Gegendemonstranten beobachtet hätten. Aber: Laut Schmidt hätten die Polizisten nicht auf seinen Hinweis reagiert. Deshalb sei es ihm wichtig, den Vorfall jetzt publik zu machen. Weil er nicht weiß, welcher Verbindung der Chargierte angehörte, erstattete er Anzeige gegen Unbekannt.

Fackelzug und Feierstunde sind zwei umstrittene Programmpunkte während des alljährlichen Pfingstkongresses des Coburger Convents in Coburg.
Fackelzug und Feierstunde sind zwei umstrittene Programmpunkte während des alljährlichen Pfingstkongresses des Coburger Convents in Coburg. // Christoph Winter

Was das Verhalten der Polizei betrifft, war Schmidt zwar ebenfalls verärgert. Doch es sollte – nach seiner Darstellung – sogar noch schlimmer kommen an diesem Abend. Zusammen mit Melanie Becker wollte er gegen 23.20 Uhr auf den Marktplatz, um sich die Feierstunde anzuschauen. Aber: „Wir wurden von Polizeibeamten am Betreten des Marktplatzes gehindert!“ Als Begründung sei ihnen genannt worden, dass sie „Demonstrationsmittel“ bei sich hätten. Gemeint war damit wohl vor allem das „Regenwurm-Plakat“ von Melanie Becker. Es folgte eine längere Diskussion, in der sich die beiden auch als Mitglieder des Coburger Stadtrats zu erkennen gaben. Letztlich durften den Marktplatz betreten – unter der Auflage, wie Schmidt erzählt, das Plakat nicht hoch zu halten und die Veranstaltung nicht zu stören. 

Melanie Becker und Matthias Schmidt suchten sich einen Platz an der Ecke zur Nägleinsgasse. Um 23.30 Uhr begann „oben“ auf der Hebebühne vor dem Rathaus die Ansprache des CC, doch bereits eine Minute später überschlugen sich „unten“ bei der Nägleinsgasse die Ereignisse. „Plötzlich stürmten vier Polizisten auf uns zu und erteilten uns einen Platzverweis“, erinnert sich Matthias Schmidt. Auf Nachfrage hätten sie aber keinen Grund dafür nennen können.

Interessanterweise existieren zu dieser Szene zwei Videoaufnahmen. Darauf zu sehen und zu hören ist, dass Schmidt mehrmals wissen möchte: „Was ist der Grund für den Platzverweis?“ Als Antwort ist unter anderem zu hören: „Sie sind kein Teilnehmer dieser Veranstaltung.“ Stattdessen wird den beiden vorgeworfen, Teil einer „Gegenveranstaltung“ zu sein. Schmidt beteuert in diesem Zusammenhang, dass Melanie Becker das „Regenwurm-Plakat“ konsequent nach unten gehalten habe. Und: „Eine Störung ist von uns zu keinem Zeitpunkt ausgegangen.“

Die Coburger Stadträtin Melanie Becker (Grüne) mit ihrem Regenwurm-Plakat.
Die Coburger Stadträtin Melanie Becker (Grüne) mit ihrem Regenwurm-Plakat. // 

Der verbale Schlagabtausch ging zunächst weiter. Schmidt will dann mitbekommen haben, wie sich einer der Polizisten – „vermutlich bei einem Vorgesetzten“ – noch einmal rückversicherte. Anschließend hätten die Polizisten mitgeteilt, dass sie „den Auftrag“ hätten, Melanie Becker und Matthias Schmidt des Platzes zu verweisen. Über die mögliche Bedeutung dieser Formulierung grübelt Schmidt noch heute: „Wir können nur spekulieren, warum gerade wir des Platzes verwiesen wurden. War es Willkür? Oder geschah es auf Geheiß des Convents?“

So oder so: Die Polizisten griffen laut Schmidt schließlich zu: „Sie haben an mir gezogen und gezerrt.“ Auf dem Video ist zu hören, wie Schmidt ruft: „Das ist ja wirklich das Allerletzte!“ Dann sei er vom Marktplatz abgeführt worden. Auf dem Video ist noch zu sehen, wie Melanie Becker – „aus Trotz“, wie Schmidt erklärt – kurz das „Regenwurm-Plakat“ hochhält. Aber dann war die Feierstunde für die beiden Stadtratsmitglieder wirklich zu Ende. Abgehakt ist für die beiden die Sache jedoch keineswegs.

Schmidt stellt klar: „Ich erwarte eine umfassende Aufklärung, insbesondere darüber, ob der CC, der in der guten Stube unserer schönen Stadt Coburg mit Fackeln und Marschmusik seine bizarren Rituale aufführt, nun auch entscheiden darf, wer sich diese Veranstaltung ansehen darf.“ Denn, was Schmidt besonders ärgert: Menschen, die mit Trillerpfeifen die Feierstunde gestört hätten, seien nicht des Platzes verwiesen worden – Melanie Becker und er aber schon.

Der CC weist die Vorwürfe zurück

Als „albern“ und „grotesk“ bezeichnet der Sprecher des Coburger Convents, Martin Vaupel, die von Matthias Schmidt erhobenen Vorwürfe, wonach die Platzverweise bei der Feierstunde möglicherweise gezielt ausgesprochen worden sein könnten. „Welcher Veranstalter würde sich denn auf so ein Glatteis begeben und bestimmte Personen ins Visier nehmen?“

Auch den Vorwurf, dass ein Chargierter den Hitlergruß gezeigt habe, weist Vaupel „komplett“ zurück. Mit Blick auf den Hitlergruß-Vorfall von 2018, der jetzt noch einmal in die Schlagzeilen geraten war, betont der CC-Sprecher: „Wir sind bei diesem Thema jetzt noch sensibler als sonst.“ Sprich: „Wenn so etwas passiert wäre, würden wir dem selber sofort nachgehen.“ Denn der Vorfall von 2018 sei ein „Einzelfall“ gewesen und solle es auch bleiben. Er befürchte jedoch, dass mit solchen Vorwürfen versucht werde, die „Flamme am Lodern“ zu halten, was Kritik am Coburger Convent betrifft.

Was sagt die Polizei dazu?

Die Beschwerde über das Verhalten der Polizisten hat Matthias Schmidt am Mittwoch bei der Polizeiinspektion Coburg eingelegt. Aus Neutralitätsgründen wurde der Fall zur weiteren Bearbeitung aber umgehend an das Polizeipräsidium Oberfranken in Bayreuth weitergegeben.  Diese teilte am Donnerstag auf eine Anfrage des Coburger Tageblatts mit, dass die Beschwerde mittlerweile „zur externen und neutralen Prüfung" an das Bayerische Landeskriminalamt übergeben worden sei. Weitere Informationen könnten im Hinblick auf das „laufende Verfahren" derzeit aber nicht mitgeteilt werden.

Was die Strafanzeige bezüglich des Hitlergrußes betrifft, bestätigt das Polizeipräsidium den Eingang der Anzeige. Die Bearbeitung übernehme die Kriminalpolizei Coburg. 

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