Es war eine Wahl. Rund 60 Prozent der etwa 48.300 Wahlberechtigten im Landkreis Sonneberg nahmen teil, 53 Prozent von ihnen wollen, dass Robert Sesselmann von der AfD für die nächsten sechs Jahre ihr Landrat ist. Die Wahl war notwendig geworden, weil der 2018 gewählte Hans-Peter Schmitz (parteilos) wegen einer langwierigen Erkrankung in den Ruhestand versetzt worden ist. Seit März 2021 hatte der 1. Beigeordnete Jürgen Köpper (CDU) die Amtsgeschäfte übernommen. Köpper war in der Stichwahl am Sonntag dem AfD-Mann unterlegen. Zuvor hatten auch SPD, Grüne, FDP und Linke in Thüringen zu Köppers Wahl aufgerufen, sowie der SPD-Bundesvorsitzende Lars Klingbeil.
Auch aus Bayern erhielt Köpper Unterstützung: Coburgs Landrat Sebastian Straubel hatte mehr oder weniger direkt für Köppers Wahl geworben. Seine Reaktion auf das Ergebnis vom Sonntag fiel entsprechend zurückhaltend aus: „Als Landrat des Landkreises Coburg habe ich das Wahlergebnis in Sonneberg nicht zu bewerten. Ich nehme das Ergebnis zur Kenntnis. Eine Prognose, wie sich unsere bisher von guter Nachbarschaft geprägte Zusammenarbeit entwickeln wird, verbietet sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt.“ Regionale Themen hätten bei der Wahl aber offensichtlich keine Rolle gespielt. „Die Zuspitzung auf meist bundespolitische Themen im Sonneberger Wahlkampf ist in dieser Form außergewöhnlich und für eine Perspektive unserer Zusammenarbeit nicht hilfreich.“ Denn auf regionaler Ebene sei viel auf den Weg gebracht worden: Straubel nennt in diesem Zusammenhang das „erfolgreiche Tourismus-Marketing im Verein Coburg-Rennsteig“, in dem der Landkreis Sonneberg Mitglied ist.
„Allen Menschen Heimat“
Straubel wendet sich deshalb an die „politischen Gremien“ im Nachbarlandkreis wie den Kreistag: „Der Landkreis Coburg glaubt an die Fortsetzung der gemeinsamen Projekte und weiß um den Willen der lokalen Politik, die Region voran zu bringen. Unsere Erwartung ist deshalb, dass wir diesen Weg auch weiter gemeinsam bestreiten.“ Zur künftigen Zusammenarbeit sagt Straubel: „Der Landkreis Coburg – und dafür stehe ich als Landrat – ist ein Landkreis, der den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Gänze fördert. Wir sind ein Landkreis, der allen Menschen Heimat ist, die bei uns wohnen und leben. Wir sind ein Landkreis, der allen Chancen eröffnet und sich mit aller Kraft auf die Aufgaben vor Ort konzentriert. Und an diesem Maßstab halte ich fest!“
Auch Oberbürgermeister Dominik Sauerteig hat die Wahl in Sonneberg kommentiert – noch am Sonntagabend, als das Wahlergebnis gerade bekannt war: „Meine persönliche Haltung zur inhaltlichen Programmatik der AfD und ihren Funktionären ist bekannt.“ Sauerteig lehnt das Programm ab und hält Distanz zu AfD-Vertretern. Aber es habe eben eine Mehrheit für den AfD-Kandidaten gestimmt, schreibt er. „Dies ist ein klarer Wählerwille. Ich bin der Meinung, dass es mir als Oberbürgermeister der Stadt Coburg nicht zusteht die mehrheitliche Entscheidung des Souveräns, nämlich der Bürger des Landkreises Sonneberg, negativ zu kommentieren oder gar die Wähler zu schelten.“ Er habe deshalb im Vorfeld auch keine Wahlempfehlung abgegeben.
„Als Mensch allerdings habe ich durchaus eine Erklärungsansatz für das Ergebnis: Das permanente Gezänk zwischen den bisher staatstragenden Parteien bei den multiplen Krisen und Herausforderungen bereitet den Nährboden für eine Stimmung des immer radikaler werdenden Protests. Die Regierungs- und Oppositionsparteien müssen zurückkehren zu einem konstruktiven und pragmatischen Kurs der Entscheidungsfindung bei existenziellen Fragen wie: Klimawende, Inflation, Energiepreiskrise und Zuwanderung.“
„Es wird klare Ansagen geben"
Dabei nehme er seine eigene Partei nicht aus, sagte Sauerteig auf Nachfrage. Und: Es müsse auch analysiert werden, wer alles mit bundes- und landespolitischen Themen Wahlkampf in Sonneberg gemacht habe. Die Hoffnung, dass eine höhere Wahlbeteiligung Jürgen Köpper von der CDU zugute komme, habe sich ja nicht erfüllt.
Was die Arbeit vor Ort angehe, wolle er „Herrn Sesselmann ganz konkret in die Pflicht nehmen“, kündigt Sauerteig an. „Ich bin bekannt dafür, dass ich auch ein Mann der klaren Worte bin, und es wird bei unserem ersten Treffen ganz klare Richtlinien geben.“ Dieses Treffen dürfte eine Sitzung im Zusammenhang mit Regiomed sein – sei es eine Zusammenkunft des Aufsichtsrats oder der Gesellschafterversammlung. In beiden vertreten die Politiker die beteiligen Städte und Landkreise. Denn: „Kommunalpolitik und das konkrete Lösen von Aufgabenstellungen in der Praxis vor Ort funktioniert nämlich nicht mit einem ausschließlichen Kurs des Dagegenseins und des Zeigens auf Berlin oder Erfurt.“
Süßigkeitenhersteller wirbt für Wahl
Für eine höhere Wahlbeteiligung hatte in Thüringen der Süßwarenhersteller Viba in sozialen Netzwerken geworben. In der Anzeige hieß es auch: „Wir sind stolz, in einem demokratischen und weltoffenen Thüringen zu produzieren.“ Doch anscheinend reichte das schon für feindselige Kommentare, weshalb bereits am Freitag klargestellt wurde: „Wir rufen mit unserer Anzeige lediglich dazu auf, das Wahlrecht bewusst zu nutzen und motivieren zu einer möglichst hohen Wahlbeteiligung. Denn Demokratie ist ein hohes Gut.“ Weil die Wahlbeteiligung am Sonntag immerhin um gut 11 Prozent höher war als zwei Wochen zuvor, gab es am Montag in Sonneberg Nougatstangen um 11 Prozent billiger.












