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Geschichte
Weimarer Republik: Das Ende begann in Coburg
19. Oktober 1935: Adolf Hitler spricht im Coburger Rathaus. Die Nazis hatten in Coburg schon früh Rückhalt in bürgerlichen Kreisen und ab 1929 die Mehrheit im Coburger Stadtrat.
19. Oktober 1935: Adolf Hitler spricht im Coburger Rathaus. Die Nazis hatten in Coburg schon früh Rückhalt in bürgerlichen Kreisen und ab 1929 die Mehrheit im Coburger Stadtrat. // Staatsarchiv Coburg, Bildsammlung 4594, mit freundlicher Genehmigung
Coburg – Dass die Weimarer Republik scheiterte, liegt auch an Coburg, sagt der Historiker Eckart Conze. Und: Die gleichen Mittel und Methoden der Demokratiefeinde von damals bringen auch heute wieder die Demokratie in Gefahr.

„In Koburg wurde damit zum ersten Male seit dem Jahre 1914 die Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetz wiederhergestellt“, schreibt Adolf Hitler in „Mein Kampf“. „Damit“ bezieht er sich auf die Schlägereien und Straßenschlachten, die sich die „Sturmabteilung“ (SA) von Hitlers Partei am 14. und 15. Oktober 1922 in Coburg mit demonstrierenden sozialdemokratischen Arbeitern geliefert hatten. Hitler war mit einigen hundert Mann zum dritten „Deutschen Tag“ gereist, der vom Deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbund in Coburg veranstaltet wurde.

Eine Gruppierung unter vielen

Hitlers Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) war damals eine rechtsnationale gewaltbereite Splittergruppe unter vielen, und ihr Revier war bis dahin München und Oberbayern gewesen. Ihr Auftreten in Coburg verschaffte der Gruppe zumindest in der rechten Szene überregional Aufmerksamkeit und in Franken großen Zulauf.

Später stilisierte Hitler den „Marsch nach Coburg“ zum Kampf für „Freiheit“ und „Gleichheit“ um. Allerdings nicht für die Freiheit und die Gleichheit, die in der Verfassung der Weimarer Republik gemeint war. „Die junge NSDAP übernahm geschickt demokratische Begriffe und wendete sie gegen die Demokratie“, sagt der aus Coburg stammende Historiker Eckart Conze, Professor an der Phillips-Universität Marburg. Conze sprach am Dienstag über „Hitlers Durchbruch in Coburg: Der Deutsche Tag 1922 und die Zerstörung der Weimarer Republik.“

Klima der Gewalt geschaffen

Die Verwendung von Begriffen wie „Freiheit“ und „Gleichheit“, aber auch „Ruhe und Ordnung“ war „Teil einer perfiden Strategie“, sagt Conze. Denn die Nationalsozialisten (und andere extreme Gruppierungen) sorgten ja mit ihrer Gewalt selbst dafür, dass die „Ruhe und Ordnung“ verloren ging. Sie schufen ein Klima der Gewalt und machten dann den demokratischen Staat dafür verantwortlich. Freiheit, so Conze, „war ein Zentralbegriff der Republikfeinde“. Gemeint war die „Befreiung aus der Knechtschaft des Versailler Vertrags“, aber auch die „Befreiung“ von Juden, Kommunisten und demokratischen Kräften.

„Es sollte aufhorchen lassen“

Für Conze verläuft die Linie vom „Freiheitskampf“ der Nazis in Coburg, wo sie für ihre „Freiheit der Straße“ Gegendemonstranten aus dem Weg prügelten, direkt zum Zweiten Weltkrieg, der in der Diktion der Nazis ein „Freiheitskampf“ des deutschen Volkes war. „Es sollte aufhorchen lassen, wenn heute Feinde der Demokratie von Freiheit reden“, fasst Conze zusammen.

Der Republik fehlten die Unterstützer

Allerdings wäre es den Nazis allein oder auch allen rechtsextremen Gruppierungen zusammen wohl kaum gelungen, die Weimarer Republik zu zerstören, hätte die Demokratie Freunde in der Mitte der Gesellschaft gehabt, sagt Conze. In Coburg sei das politische Klima im national denkenden Bürgertum vom früheren Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha geprägt gewesen. „Der war eine zentrale Figur der völkisch-nationalen Szene.“ Carl Eduard habe diese Gruppen mit Geld und Waffen unterstützt, sogar Mitgliedern der „Organisation Consul“ Unterschlupf gewährt, die politisch motivierte Morde beging. Carl Eduard nahm an den Veranstaltungen des „Deutschen Tags“ teil, applaudierte Hitler am 14. Oktober und empfing am nächsten Tag den Umzug der Nazis auf der Veste.

Opfer ehren

Rund um den 14. Oktober 2022 soll in Coburg nicht nur an den „Deutschen Tag“ vor hundert Jahren und seine Folgen erinnert werden. Am Freitag wird ein Platz nach einem aus Coburg stammenden Opfer des Holocaust benannt. Ilse Kohn wurde in Coburg geboren, wanderte nach ihrer Heirat in die Niederlande aus und wurde in Auschwitz ermordet. Sie stehe stellvertretend für alle Opfer des Holocaust, sagt Conze. Der Tag für die Neubenennung des Bereichs am Gräfsblock Tag sei richtig gewählt, betont Conze, wenngleich er das „Unbehagen verstehen“ könne, das einige Mitglieder des Coburger Arbeitskreises für Erinnerungskultur geäußert haben.

Conzes Argumentation: Der 14. Oktober 1922 stehe auch dafür, dass schon damals „die Bedrohung und Einschüchterung der jüdischen Bevölkerung“ in Coburg begann. Das Haus des Geschäftsführers der Schlachterei Großmann, Abraham Friedmann, wurde von den angereisten SA-Männern regelrecht belagert. Friedmann wurde unterstellt, er habe die Demonstrationen der Arbeiter gegen die Nazis finanziell unterstützt.

„Erinnerung durchbrechen“

Es waren die Nazis, die den 14. Oktober 1922 zum Gedenktag machten, ihn instrumentalisierten. Sie hätten ihm eine Bedeutung verliehen, „die sich von der Realität durchaus löste“, sagt Conze und fragt: „Muss man da nicht die von den Nazis geformte Erinnerung durch ein anderes Gedenken brechen?“ Denn man könne der Opfer nicht gedenken, ohne von den Tätern zu sprechen. Die Täter freilich waren nicht die Nazis allein. Dass es – nicht nur in Coburg – Jahrzehnte dauerte, bis eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begann, führt Conze auf die Tatsache zurück, dass die „Täter“ eben aus der Mitte der Gesellschaft kamen beziehungsweise „die Mitte der Gesellschaft“ die Täter duldete. „Auch dafür steht Coburg“, sagt Conze.

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