Eine eigens anberaumte Informationsveranstaltung im Rathaussaal, ausgelöst durch das Bürgerbegehren des FDP-Stadtrats Michael Zimmermann für eine größere Freibad-Fläche, machte die tiefen Risse in der Stadtgesellschaft sichtbar.
Während Stadtspitze und SÜC Coburg die finanzielle Notwendigkeit des geplanten „Pflichtkatalogs“ betonten, prallten die Forderungen nach einer großzügigen Freibadanlage für die Sommermonate deutlich auf diese Argumentation. Zimmermann erklärte: „Mit den Hallenbad-Plänen sind wir grundsätzlich einverstanden, aber wir können nicht nachvollziehen, warum für den Außenbereich so wenig getan wurde.“
Oberbürgermeister Dominik Sauerteig verwies auf die angespannte Haushaltslage der Stadt, die vor allem durch die finanzielle Schieflage des Regiomed-Klinikverbunds geprägt sei. Zwar seien Coburg Stadt und Land durch die Entscheidung, nicht in das Sanierungsverfahren einzusteigen, in einer „sehr, sehr hohen Millionendimension“ entlastet worden, dennoch blieben die Mittel knapp.
„In dieser Situation war uns allen in der Stadtpolitik bewusst, dass wir vielleicht auch Entscheidungen gegen das Herz treffen müssen, um andere Projekte für die Bürgerinnen und Bürger noch ermöglichen zu können“, so Sauerteig.
Die 60 Millionen Euro für das Aquaria-Projekt umfassen einen Bausparvertrag über 50 Millionen Euro, der sich je zur Hälfte aus angespartem Kapital und einem Darlehen zusammensetzt, „kein 50-Millionen-Cash-Betrag“, wie Sauerteig betonte.
Diese Zahl griff die FDP-Stadtratskandidatin Christine Heister, gekleidet in ein auffälliges Meerjungfrau-Kostüm, auf. Sie stellte dem Oberbürgermeister die provokante Frage, ob Coburg ohne diesen „glücklichen“ Bausparvertrag nun ganz ohne Schwimmbad dastünde. Das Projekt bezeichnete sie als „teuersten Schwimmbadbau Bayerns, ohne wettkampftaugliche Becken und ohne Freibad“.
Altbürgermeister Norbert Tessmer, nach eigener Aussage ein passionierter Aquaria-Besucher, erzählte, er sei „erst heute Nachmittag wieder 1000 Meter geschwommen“. Trotzdem verteidigte auch er die beschlossenen Pläne mit verkleinertem Freibadbereich.
Zweiter Bürgermeister Hans-Herbert Hartan wies die Forderung nach einer größeren Außenfläche zurück und forderte die FDP auf, konkrete Vorschläge zur Finanzierung zusätzlicher Kosten vorzulegen, bekannte jedoch, er selbst würde sich „ein paar Bahnen mehr“ im Außenbereich durchaus wünschen.
Mitmachen und Verstehen: Planspiel zeigt Kostenfallen
Um die Komplexität der Planung nachvollziehbarer zu machen, hat die Stadt eine interaktive Beteiligungsplattform eingerichtet. Im Internet unter der Adressehttps://mitmachen.coburg.de „Aquaria, was geht? Ein Planspiel“ können Bürger simulieren, wie schnell zusätzliche Wünsche den Kostenrahmen sprengen.
SÜC-Geschäftsführer Franz-Josef Loscar verwies auf zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie rasch insbesondere ein größerer Freibadbereich die Gesamtkosten in die Höhe treiben würde.
Warum ein Neubau unumgänglich ist
Loscar präsentierte die technische Ausgangslage: Das 52 Jahre alte Bad weist gravierende statische Probleme, Brandschutzmängel, veraltete Technik und eine äußerst schlechte Energieeffizienz auf. Eine Generalsanierung des Hallenbads allein hätte bereits 35 Millionen Euro verschlungen, ohne Erweiterung und ohne Zukunftssicherheit.
„Die Zahlen stammen von Fachingenieuren, die sind nicht ausgewürfelt“, betonte er.
Die Planung beinhaltet einen Hallenbereich mit Schwimm- und Lehrschwimmbecken sowie Trennmöglichkeiten für Schulen, ein ganzjährig nutzbares Außenbecken (drei Bahnen mit 25 Metern Länge), einen erweiterten Kinderbereich, Eventrutsche und Sprungzonen, eine KI-gestützte Beckenüberwachung sowie ein vollständig energieeffizientes Gebäude.
Die Gesamtkosten für Hallenbad und vorgesehenen Freibadteil belaufen sich auf rund 60 Millionen Euro brutto (ohne Baupreisindex). Größere Außenbecken oder zusätzliche 50-Meter-Bahnen würden diesen Rahmen sofort sprengen.
Was Bürger fordern und befürchten
In der Diskussion äußerten viele Besucher Zweifel am verkleinerten Freibadbereich. Angesichts immer heißerer Sommer sei eine größere Außenanlage unverzichtbar, argumentierten sie. Familien ohne Garten oder Balkon seien besonders auf ein Freibad als Urlaubsersatz und sozialen Treffpunkt angewiesen.
Auch der Erhalt des Wellenbeckens und eines größeren Außenschwimmbeckens wurde gefordert. Die engagierte Aquaria-Besucherin Melanie Härer bat um Einsicht in das Schadensgutachten sowie eine Begehung vor Ort, um die Unmöglichkeit einer Renovierung nachvollziehen zu können. Loscar reagierte direkt: Sie sei eingeladen, sich den bröckelnden Beton selbst anzusehen, „da ist nichts mehr zu machen.“
Lars Mesch, Abteilungsleiter Schwimmen im Schwimmverein Coburg, stellte sich klar hinter die bestehenden Pläne. Da rund 70 Prozent der Wasserflächen von Vereinen und anschließend von Schulen genutzt würden, sei die Verdopplung der ganzjährig verfügbaren Bahnen zwingend notwendig. Die Vereine seien überfüllt, der Schwimmverein Coburg habe wegen fehlender Kapazitäten sogar einen Aufnahmestopp, besonders für das Schwimmenlernen von Kindern brauche es mehr Raum.
Andere Bürger hielten dagegen, dass die Vereine die Halle in den Sommerferien kaum nutzten, gerade dann sei ein großer Freibadbereich für Familien unverzichtbar.
Architekt Oliver Lederer stellte schließlich die Frage, warum keine Büros mit nachweislicher Erfahrung im Schwimmbadbau beteiligt wurden. Ein Blick auf die Referenzen zeige kein einziges vergleichbares Projekt, so seine Kritik.
Ein weiterer Punkt betraf die Sauna: Die erst 2018 eröffnete Anlage muss dem Neubau weichen. Die dafür veranschlagten 5 bis 6 Millionen Euro für einen neuen Saunabereich sorgten für zusätzliche Irritationen, viele empfanden diese Kosten als vermeidbare Mehrbelastung.
Eine Annäherung der Positionen zeichnete sich an diesem Abend nicht ab. Während Stadt und SÜC auf Finanzierbarkeit und ganzjährige Nutzung setzen, fordern viele Bürger ein zukunftsfähiges Familienfreibad für die heißen Sommermonate.
Der Stadtrat hat die aktuelle Planung bereits mit deutlicher Mehrheit gebilligt. Baubeginn wäre nach aktuellem Stand am 1. August 2028, die Eröffnung am 1. Oktober 2030, vorbehaltlich weiterer politischer Entscheidungen und möglicher Bürgerbegehren.























