0
Kinderschutz
Lehrermangel: Coburgs Kinder sind die Opfer
IIn Bayern herrscht Lehrermangel. In Coburg werden Lehrkräfte auf dem freien Markt gesucht.
IIn Bayern herrscht Lehrermangel. In Coburg werden Lehrkräfte auf dem freien Markt gesucht. // Patrick Pleul, dpa
Coburg – Jedes fünfte Kind ist von Armut betroffen. Die Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Bettina Dörfling, schlägt Alarm und fordert mehr Geld für pädagogisches Personal.

Die Vorsitzendes des Coburger Kinderschutzbundes ist „voll genervt“: Ob Medikamenten-Mangel, Therapeuten-Mangel, Bildungslücken, Termin-Schwierigkeiten bei Kinderärzten und Fachkliniken – „wo ich hinschaue werden so viele Kinder alleine gelassen“, schreibt Bettina Dörfling in ihrem Blog auf der Seite des Kinderschutzbundes. Und dann kam dieser Tage noch die Nachricht: Jedes fünfte Kind ist mittlerweile von Armut bedroht. Bisher war es jedes siebte.

Das Tageblatt prangert seit Jahren die Missstände auch in Coburg an, aber an der Situation für benachteiligte Kinder hat sich nichts merklich verändert.

Jetzt hat sich Dörfling mit einem Brief an alle bayerischen Parteien (außer der AfD) gewandt, in dem sie auch die Aussage von Heinz Hilgerns, dem Präsidenten des Bundesverbandes, „Kindheit brennt“ untermauert.

Zu wenig Personal

Darin heißt es unter anderem: „Vor zwei Tagen berichtete der Schulleiter eines Gymnasiums in Coburg, dass er den Lehrer*innen-Mangel deutlich spürt und zwei Klassen zusammenlegen muss oder die Kinder der Klasse haben „Stillarbeit“, also erhalten Unterrichtsmaterial und beschäftigen sich damit (allein). Das ist mit Sicherheit auch in anderen Schulen und für andere Kinder/Jugendliche eine alltägliche Situation.

Das gleiche gilt für Kitas, in denen Gruppen zusammengelegt werden. Was bedeutet das für Kinder in der Bildungsinstitution Schule und dem Lernen und der Wissensvermittlung? Sicherlich sind die Folgen für Kinder unterschiedlich. Auch weil der Background der Familien unterschiedlich ist. Viele Eltern unterstützen ihre Kinder im schulischen Bereich, manche wollen, können aber aufgrund ihrer Berufstätigkeit das nicht tun, andere Eltern sind so belastet, dass sie diese schulische Förderung zuhause nicht leisten können. Und dann gibt es ja Eltern, die aufgrund von sprachlichen Barrieren noch mal größere Schwierigkeiten haben schulisch zu unterstützen.

Emotionale Folgen

Zudem haben die Kinder, die aktuell in der Schule sind, die Corona-Pandemie voll mit erlebt. Es gab Schulschließung, Kitaschließung, hier fehlten Bildungsangebote komplett. Und ich spreche hier noch nicht mal von den emotionalen Folgen aus dieser Zeit.

Bildungsarbeit ist auch Beziehungsarbeit. Lehrer*innen und Kitapersonal die fehlen, Ersatzkräfte, die mal da sind und wieder weg sind, können nur wenig Beziehungsarbeit leisten. Wir haben jetzt einen Fachkräftemangel, weil wir es auch in der Vergangenheit versäumt haben das Potenzial vieler Kinder zu fördern.

Es ist doch Auftrag einer Schule jedes einzelne Kind zu fördern, schließlich besucht das Kind von 8 bis (in einer Ganztagesklasse inkl. Mittagsbetreuung) 15/16 Uhr die Schule. Schule und Kita sind Bildungsinstitutionen!

Frust und Gewalt

Ich bin bereits sehr lange besorgt und meine Unruhe verstärkt sich, wenn ich an die nächsten Jahre denke. Auch weil überforderte Kinder, wechselndes Personal, keine Zeit für das einzelne Kind, bei dem einen oder anderem Kind Frust auslöst oder Rückzugsverhalten. Verständlich für mich, wenn sich der ein oder andere Jugendliche vielleicht denkt, ,ich bin nicht wichtig!’. Dieses Gefühl plus keine beruflichen Perspektiven führen mit Sicherheit zu noch mehr Frust und womöglich zu Gewalt oder Drogenmissbrauch oder psychischen Krisen.

Bildung und Teilhabe der Kinder sind immer noch an den finanziellen Möglichkeiten der Eltern gekoppelt. Die Kindheit brennt schon sehr lange und die bisherigen politischen Maßnahmen scheinen wenig zu wirken und scheinen meiner Meinung nach auch nicht nachhaltig genug zu sein, sonst gäbe es eine sichtbare Veränderung!“

Vieles schuldig geblieben

„Die Gesellschaft ist Kindern und Jugendlichen und jungen Erwachsenen bislang vieles schuldig geblieben“, sagt Alena Buyx vom Deutschen Ethikrat. Dies bezog sich auf die Zeit der COVID-19-Pandemie.

Der Eindruck von Bettina Dörfling sei jedoch, dass die Politik das alles aussitzt. „Wir sprechen hier aber von der Lebenssituation von Kindern, die die Zukunft unserer Gesellschaft sind. Es braucht mehr Anstrengungen und mehr Geld für vielfältige Angebote, um Kindern wenigstens ähnliche Startbedingungen für das Leben und die spätere Berufstätigkeit zu ermöglichen“, sagt die Vorsitzende des Kinderschutzbundes in Coburg.

Geld für mehr Pädagogen

Von den angeschriebenen Parteien erhofft sie sich, dass große finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, um mehr Personal in Schulen und Kitas einstellen zu können. Auch der Kinderschutzbund würde gerne eine Sozialpädagogin beschäftigen, die Kinderrechte vermittelt oder Elternkurse anbietet.

Lehrkräfte arbeiten am Limit

BLLV Als Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnen Kreisverbandes (BLLV) Coburg/Stadt zeichnet Susanne Gerhardt folgendes Bild von der aktuellen Situation im Schulwesen:

„Die Grundschulkinder sind derzeit mit vielen Sorgen belastet. Krieg, Energiekrise, die Umweltproblematik gehen nicht spurlos an den Kindern vorbei. Dazu kommen die Coronajahre, in denen die Kinder grundlegende soziale Erfahrungen aufgrund der Kita-Schließungen nicht machen konnten. Eigentlich bräuchten wir in dieser Zeit kleine Gruppen und gut ausgebildetes Personal. Wünschenswert wären multiprofessionelle Teams in den Klassen, so dass jedem Kind zugehört werden kann und jeder die richtige Förderung erhält.

Aufgrund des Lehrermangels ist dies nicht möglich. Die Klassen werden bis zur Höchstklassenstärke aufgefüllt. Bei Klassenstärken mit 28 Kindern in den ersten Klassen (auch die FleGS-Klassen werden auf 28 Kinder aufgefüllt, z.B. bei uns in Creidlitz) ist es einer Lehrkraft nicht möglich jedes Kind individuell zu fördern. So können die unverschuldet entstandenen Defizite nicht ausgeglichen werden. Lehrkräfte arbeiten am Limit um den ,Normalbetrieb’ am Laufen zu halten.“

Geld allein reicht nicht

Zu wenig Lehrkräfte fordert die Kreativität der Schulleiter. Die größte Herausforderung für Stephan Feuerpfeil, Oberstudiendirektor am Gymnasium Alexandrinum: Er muss sich, wie viele seiner Kollegen auch, seine Lehrer auf dem freien Markt suchen. „Wenn das Kultusministerium uns nicht genügend Kräfte zur Verfügung stellt, gibt es Mittelzuweisungen. Also Geld, mit dem wir uns Personal suchen dürfen“, sagt der Schulleiter. Durchaus gefrustet. Denn Coburg ist keine Universitätsstadt, wo Lehramtsanwärter auf der Straße stehen.

Rund 23 Stunden müsste er zusätzlich abdecken – in den Fächern Französisch, Mathematik und Geschichte. Aber „am Geld liegt es nicht“, sagt er. Es fehlt einfach an ausgebildeten Fachkräften. Feuerpfeil befürchtet, dass sich das auch in den nächsten Jahren nicht entspannt. Der Lehrerberuf sei zunehmend anspruchsvoller, die Lehrkräfte stark belastet. Belegt werde dies durch die vielen Teilzeitstellen, die in Anspruch genommen werden, weil die Belastung zu hoch ist.

Immer höhere Anforderungen, wie die Förderung der digitalen Kompetenz oder Erziehungsprobleme, die in die Schule verlagert werden, seien nur zwei Gründe dafür.

Lesen Sie dazu auch

 

Inhalt teilen
  • kopiert!