Wir erreichen Christian Limpert am Montag auf dem Handy. Der Empfang ist erstaunlich gut. Nur ab und zu ist ein Piepston zu hören. „Ach“, sagt der 43-Jährige, „bitte nicht stören lassen, das ist meine Raketen-App.“ Jedes Mal, wenn im israelischen Luftraum eine Rakete geortet wird, gibt’s ein akustisches Signal. „Ich habe die App allerdings für Gesamt-Israel eingestellt“, sagt Christian Limpert und will damit offenbar beruhigen. Denn: „Hier in Tel Aviv ist die Lage recht sicher.“ Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird Christian Limpert diese Aussage aber relativieren: In Tel Aviv sei die Lage noch recht sicher. Schließlich kann derzeit niemand sagen, wie sich der Nahost-Konflikt in den kommenden Tagen entwickelt.
Christian Limpert, der aus Coburg stammt und sein Abitur am Gymnasium Albertinum gemacht hat, leitet seit Anfang 2022 das ARD-Studio in Tel Aviv. Er hat in dieser Zeit schon so einiges erlebt und sich auch schon an so einiges gewöhnt. An Raketenalarm zum Beispiel. Doch das, was er in den vergangenen Tagen in Israel mitansehen musste, stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Die Hamas habe ein „Massaker“ angerichtet, habe Kinder und Familien regelrecht „abgeschlachtet“. „Das sind Bilder, die kann man sich nicht vorstellen“, sagt Christian Limpert, „das ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe.“
Selbst wenn Tel Aviv – noch – relativ weit entfernt ist vom Kriegsgeschehen: Christian Limpert muss mit seinem Team regelmäßig Bildmaterial sichten, um daraus Beiträge fürs deutsche Fernsehen zu produzieren. Viele Bilder sind allerdings so furchtbar, dass sie im Fernsehen gar nicht gezeigt werden können. „Das ist sehr belastend“, gibt Christian Limpert zu. Es gebe aber die Möglichkeit, auf psychologische Hilfe zurückzugreifen. Außerdem berichtet Christian Limpert von einem wichtigen Ritual: „Am Ende eines Arbeitstages trifft sich unser Team und wir gehen aufs Dach des Sendestudios. Dann sprechen wir noch einmal über alles, um es gemeinsam besser verarbeiten zu können.“
Es sind aber nicht nur die schrecklichen Fotos von ermordeten Menschen, die kaum zu ertragen sind. Christian Limpert berichtet von vielen persönlichen Schicksalen und Leidensgeschichten. Beispiel: „Vor Monaten war ich mit meinem Team für einen Fernsehbeitrag in der Nähe des Gazastreifens. Auf dem Rückweg haben wir noch ein Kibbuz besucht. Eine israelische Mitarbeiterin zeigte uns einen Fahrradladen. Wir wurden sehr herzlich empfangen und haben uns lange mit den dort arbeitenden Menschen unterhalten.“ Vor gut einer Woche, am 7. Oktober 2023, wurde auch genau dieses Kibbuz namens Beeri von der Hamas brutal überfallen. Es gab weit mehr als einhundert Tote. „Meine Mitarbeiterin hat Handynummer von allen Menschen aus dem Fahrradladen – aber seit dem 7. Oktober ist von ihnen keiner mehr zu erreichen.“
Kontakt zur Familie in Coburg
Christian Limpert weiß, dass sich Familie und Freunde Sorgen machen. Deshalb schickt er regelmäßig Fotos und Updates, um zu zeigen, dass es ihm gut geht. Auch ist ihm der Hinweis wichtig, dass er in Tel Aviv mit einem erfahrenen Team zusammenarbeite und dass die Sicherheitsvorkehrungen hoch seien. Hinzu komme ein großes Vertrauen in das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“. Dass Sirenen heulen oder regelmäßig ein Schutzraum aufgesucht werden muss, sei zwar auf gewisse Weise „Routine“ in Israel. Doch der beispiellose Angriff der Hamas vom 7. Oktober habe alles verändert. „Der Schock sitzt tief. Im ganzen Land ist ein Gefühl der Verletzlichkeit und der Verunsicherung zu spüren.“
Außerdem wächst die Angst vor einer weiteren Eskalation. „Mich und viele andere treibt die Sorge um, wie sich der Konflikt entwickelt, falls die Hisbollah eingreift“, sagt Christian Limpert. Dazu muss man wissen, dass die islamistische-schiitische Terrororganisation Hisbollah – im Gegensatz zur Hamas im Gazastreifen – über hochmoderne Waffen verfügt. Sollte die Hisbollah zum Beispiel massiv Raketen auf Israel abfeuern, würde das die Situation auch in Tel Aviv völlig verändern. Was würde das für die Arbeit und vor allem auch fürs Leben von Christian Limpert und seinem Team bedeuten? „Dann darf und muss jeder für sich entscheiden, ob er hier bleibt oder nach Deutschland möchte.“ Wie seine eigene Entscheidung ausfallen wird, darüber mag Christian Limpert zum jetzigen Zeitpunkt nicht spekulieren. Grundsätzlich sagt er aber: „Ich bin ein Korrespondent, der auf Krisen vorbereitet ist. Aber ich bin kein Kriegsreporter.“
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