0
Coburger Original
Sauerkraut und flotte Sprüche
Coburger Original Adolf Schramm
Gilt als „Coburger Original“, obwohl er seit 40 Jahren in Oberlauter wohnt: Adolf Schramm, besser bekannt als „der Brücken-Adolf“. Hier steht er vor dem kleinen Laden an der Mohrenbrücke, den er 43 Jahre lang betrieben hat. // Foto: Oliver Schmidt
Coburg – Adolf Schramm und sein Geschäft an der Mohrenbrücke waren Kult. Jetzt feiert er 80. Geburtstag und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Außerdem verrät er, wann es ihm heute „ganz schummrig“ wird.

Für Genussmenschen war das ein Paradies: Aus einem offenen Fass duftete frisches Sauerkraut. Gleich daneben stand ein großer Eimer mit Salzgurken. Außerdem im üppigen Angebot: Obst und Gemüse, Süßigkeiten und Getränke.

Ein Coburger Original

Doch der vielleicht wichtigste Grund, warum sehr viele Menschen knapp 43 Jahre lang so gerne in dem kleinen Laden an der Mohrenbrücke eingekauft haben, befand sich nicht in irgendwelchen Fässern, Eimern oder Regalen, sondern stand davor: Adolf Schramm, besser bekannt als „der Brücken-Adolf“.  Er darf mit Fug und Recht als Coburger Original bezeichnet werden, obwohl er auch 40 Jahren in Oberlauter gewohnt hat.

Wer bei Adolf Schramm einkaufte, der wusste: Es gibt immer noch etwas dazu. Einen flotten Spruch, einen weisen Rat, vielleicht einen kurzen Plausch oder zumindest ein charmantes, manchmal spitzbübisches Lächeln.

Obst und Gemüse an der Mohrenbrücke in Coburg
1997 feierte Adolf Schramm das 25-jährige Bestehen seines Obst- und Gemüsegeschäfts an der Mohrenbrücke in Coburg. Im Schaufenster links hängt deshalb auch ein Plakat: „Berste Glückwünsche zum 25-jährigen Geschäftsjubiläum von den TSV-Mädels“. Hintergrund: Adolf Schramm engagiert sich seit Jahrzehnten beim TSV Oberlauter. // privat

„Ob jung, ob alt – ob arm oder reich – beim Brücken-Adolf sind alle gleich!“ Diesen Reim hat Adolf Schramm nicht nur häufig laut ausgerufen, sondern er hat ihn auch beherzigt. Er konnte (und kann!) gut mit Menschen, wie man so schön sagt. Deshalb haben sie auch alle bei ihm eingekauft: der Berufsschüler, der unterwegs war in Richtung Kanalstraße, der HUK-Vorstand, der zum Bürogebäude am Bahnhofsplatz lief oder die Hausfrauen, die noch frische Zutaten fürs nächste Kochen benötigten. Nicht zu vergessen auch die vielen Busfahrer, die „beim Brücken-Adoolf“ regelmäßig kurz „rausgesprungen“ sind aus ihren Fahrzeugen, um sich mit Frühstück, Mittagessen oder einem Snack zu versorgen.

Beliebter Treffpunkt an der Itz

Lange Zeit war gleich hinter seinem Geschäft, am Ufer der Itz, ein beliebter Treffpunkt für Menschen, die bereits ab dem Vormittag viel Bier tranken. Adolf Schramm nennt sie liebevoll „Spezialisten“ und sagt nicht ohne Stolz: „Sogar mit denen bin ich gut ausgekommen!“

2014 hat Adolf Schramm seinen Laden für immer geschlossen. Wenn er heute an dem nur noch als Ausstellungsraum genutzten Gebäude vorbeikommt, wird er etwas wehmütig: „Aber mir war ja klar, dass nicht wieder ein Geschäft reinkommt...“

„Es hat riesigen Spaß gemacht!“

Doch Adolf Schramm ist auch dankbar dafür, dass er ein so abwechslungsreiches Berufsleben hatte und dass es ihm bei allem Stress und sehr langen Arbeitszeiten immer „einen riesigen Spaß“ gemacht habe, wie er sagt.

Die Lebensleistung von Adolf Schramm ist umso bemerkenswerter, wenn man auf die schwierigen Umstände schaut, mit denen sein Leben vor ziemlich genau 80 Jahren begann.

Hochschwanger auf der Flucht

Im Juli 1944 tobte der Zweite Weltkrieg. Familie Schramm lebte in der Ukraine und musste flüchten. Während der Vater und die zwei ältesten Söhne zum deutschen Volkssturm eingezogen wurden und später in russische Kriegsgefangenschaft gerieten, machte sich die hochschwangere Mutter zusammen mit den drei weiteren Kindern auf den Weg nach Westen. Am 15. Juli, sie hatten gerade die Grenze nach Polen überquert, setzten die Wehen ein: zur Welt kamen die Zwillingsbrüder Adolf und Fritz. Als Geburtsort wurde Belchental vermerkt, doch die Flucht musste weiter fortgesetzt werden.

Kaufmannslehre in Kronach

Eine neue Heimat fanden die Schramms in Windheim, das zur Gemeinde Steinbach am Wald im Landkreis Kronach gehört. 1945 war der Krieg endlich zu Ende. Der kleine Adolf spielte gerne Fußball und war noch dazu in der Schule richtig gut. Die Lehrer empfahlen, dass er nach der Volksschule auf eine höhere Schule geht. Doch die Mutter, die noch immer alleinerziehend war, konnte sich das nicht leisten. So begann Adolf im Alter von 14 Jahren eine Kaufmannslehre in einem Lebensmittelgeschäft in Kronach. Die Arbeit macht ihm Spaß, sodass er in dieser Branche blieb. Er wechselte zu einem Obst- und Gemüse-Großhändler nach Coburg. Der Kontakt war zustande gekommen, weil dieser Großhändler auch das Geschäft in Kronach belieferte.

Liebe zur Blasmusik

1964 hatte es noch ein sehr privates, sehr bedeutsames Ereignis im Leben von Adolf Schramm gegeben: Im Alter von 20 Jahren sah er zum ersten Mal seinen Vater wieder. Der war 1955 aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden, durfte jedoch erst 1964 ausreisen. „Er wurde in Windheim mit Blasmusik empfangen“, erinnert sich Adolf Schramm. Möglich, dass dieses Ereignis auch ein Grund dafür ist, warum der „Brücken-Adolf“ die Blasmusik bis heute sehr liebt.

Über Rewe und Edeka an die Itz

Beruflich folgten Stationen bei Rewe und Edeka, ehe er 1972 die Chance bekam, das kleine Geschäft an der Coburger Mohrenbrücke zu übernehmen. Der Anfang war nicht leicht, wie er sagt. Denn vor allem die Konkurrenz zu einem weiteren Obst- und Gemüsegeschäft, das sich direkt daneben befand, war groß und kräftezehrend. Doch irgendwann fanden Adolf Schramm und Klaus Prentki einen Weg, gut miteinander auszukommen.

Obst und Gemüse an der Mohrenbrücke in Coburg
Auch dieses Foto des Obst- und Gemüsegeschäfts von Adolf Schramm stammt aus dem Jahr 1997. // privat

Adolf Schramm gönnte sich kaum Verschnaufpausen. Sein Wecker klingelte immer pünktlich um 2.55 Uhr. „Dann bin ich aufgestanden, nach Coburg gefahren und habe im Geschäft erstmal die Bild-Zeitung gelesen und gefrühstückt.“ Ab 4 Uhr sei er damit beschäftigt gewesen, Ware einzuräumen, Wurstbrötchen zu belegen und auch ansonsten alles vorzubereiten für die Öffnung um 6 Uhr. Adolf Schramm muss schmunzeln: „Wenn mal vorher jemand an die Tür geklopft hat, hat er natürlich auch schon was bekommen.“

Schlüsselerlebnis bei Behördengang

Ein Schlüsselerlebnis führte dazu, dass er sich nach 20 Jahren zumindest den Samstag als weiteren Ruhetag gönnte. Was war passiert? „Ich musste einen Behördengang erledigen“, erzählt Adolf Schramm. Doch als er an einem Freitag gegen 12 Uhr in einen Büroflur kam, starteten dort bereits die ersten Mitarbeiter ins Wochenende. Als Adolf Schramm an diesem Tag zurück in sein Geschäft kam, sagte er zu seiner Mitarbeiterin: „Wie blöd sind wir eigentlich?“ Bereits in der darauffolgenden Woche blieb sein Laden samstags zu.

 „Da wird mir immer ganz schwummrig!“ 

Dass er den Laden erst 2015 für immer geschlossen hat, sieht Adolf Schramm heute kritisch. „Ich hätte schon fünf bis zehn Jahre früher aufhören sollen.“ Denn spätestens nach der Jahrtausendwende stieg die Zahl der Supermärkte und Discounter immer mehr an, und damit auch die Zahl der Obst- und Gemüseabteilungen. Deren Qualität und vor allem Auswahl wird von Adolf Schramm sehr wohl gelobt: „Mir wird immer ganz schwummrig, wenn ich sehe, was die alles haben!“ Die besondere persönliche Note, für die der „Brücken-Adolf“ in seinem Laden immer stand, lässt sich aber kaum in einem der Supermärkte nachmachen.

Eine Brücke voller Obst und Gemüse
Eine Brücke voller Obst und Gemüse: Diese Art der Warenpräsentation gab es lediglich einmal, und zwar aus Anlass des 25-jährigen Bestehens des Geschäfts von Adolf Schramm. Diese komplette Ware stellte er damals kostenlos Alten- und Pflegeheimen zur Verfügung. // privat

Bliebe noch die Frage, wie sich Adolf Schramm mit seinen 80 Jahren körperlich und vor allem geistig fit hält. Zum einen erfreut er sich an seinen insgesamt sieben Enkeln. Aufgrund seiner üppigen Geschwisterschar zählt er außerdem nicht weniger als 35 Nichten und Neffen. Eng verbunden ist er dem TSV Oberlauter, wo er bis heute regelmäßig Schafkopf spielt und lange Zeit den Flohmarkt und den Kinderfasching organisiert hat.

Tipp: Sauerkraut!

Was eine gesunde Ernährung betrifft, zitieren wir an dieser Stelle einen Rat, den er selbst stets seinen Kunden gab: „Esst täglich ein halbes Pfund Sauerkraut, dann braucht ihr nicht zum Doktor!“ Und sobald mal wieder eine frische Lieferung eingetroffen war, reimte und rief der „Brücken-Adolf“: „Liebe Leute, ich sag'euch laut, es gibt fei wieder Sauerkraut!“

Der „Brücken-Adolf“ wird 80: Große Feier in Oberlauter

Hintergrund Adolf Schramm wird am Montag, 15. Juli, 80 Jahre alt. Groß gefeiert wird aber erst am Freitag, 19. Juli, und zwar ab 16.30 Uhr beim TSV Oberlauter (je nach Wetter im Sportheim oder draußen). Es gibt Kaffee und Kuchen sowie Bratwürste und Salzgurken. Für Musik sorgt die Stadtkapelle Seßlach. Von Geschenken bittet Adolf Schramm abzusehen. Stattdessen wird er eine Spendenbox aufstellen. Das Geld, das zusammenkommt, wird er für einen guten Zweck spenden.

Lesen Sie auch:


 

Inhalt teilen
  • kopiert!