Der Schwarzwälder Knödelfresser ist ein lustiger Geselle: Zu jeder vollen Stunde sorgt ein Uhrwerk dafür, dass er seinen Arm hebt und sich einen Knödel in den Mund führt. Doch vor kurzem ist eines der vielen kleinen Zahnräder kaputtgegangen. Und Ersatzteile für die gut 150 Jahre alte Standuhr gibt es schon lange nicht mehr.
Familienbetrieb in vierter Generation
Aber zum Glück hat der Geselle jetzt seinen Meister gefunden: Stefan Stahl, der sowohl Uhrmacher- als auch Goldschmiedemeister ist (und noch dazu Silberschmied), wird das gute Stück wieder zum Laufen und den hungrigen Schwarzwälder wieder zum Knödel essen bekommen. „Wir stellen das erforderliche Zahnrad einfach selbst her“, sagt Stefan Stahl, der den Familienbetrieb „Juwelier Stahl“ in mittlerweile vierter Generation führt.
Der heutige Juwelier Stahl, der sich in der Coburger Spitalgasse befindet, wurde 1895 von Emil Stahl als „Gold- und Silberwarengeschäft“ im Steinweg gegründet. Seit 130 Jahren läuft der Betrieb so verlässlich wie die meisten Uhrwerke – obwohl sich sowohl in der eigenen Branche als auch in der gesamten Welt immer wieder viel verändert hat. Doch sämtliche Herausforderungen – und sei es, dass mal ein Tier ins Schaufenster rannte– wurden erfolgreich bewältigt.
Vom Knödelfresser bis zu Porsche Design
Im Gespräch mit Stefan Stahl wird deutlich, was das Erfolgsrezept sein dürfte: Hier sind Menschen mit sehr viel Leidenschaft und Herzblut dabei. So kann sich Stefan Stahl zum Beispiel für den Schwarzwälder Knödelfresser mindestens genauso begeistern wie für seine moderne Uhr der Marke „Porsche Design“, die er am Arm trägt und für die Juwelier Stahl die exklusive Vertretung im Coburger Raum hat (ebenso wie für Union Glashütte und Mühle Glashütte).
„Eine Uhr gehört zum Leben“, sagt Stefan Stahl und erklärt: „Eine Uhr tickt, das Leben tickt.“ Ebenso gehöre für ihn eine Uhr zum Lebensstil – denn: „Eine Uhr ist ein Schmuckstück.“
Wie viele Armbanduhren er privat besitzt, kann er gar nicht sagen – es sind zu viele. Außerdem betont er: „Jede Uhr hat ihren Reiz – egal, ob mechanische Uhr, Quarz- oder Funkuhr.“ Wobei: Eine Einschränkung macht er dann doch. „Bei Billig-Uhren schüttelt es mich!“
Juwelier Stahl: Die Sache mit den Jubiläen
An seiner Porsche-Uhr gefällt ihm besonders gut, dass sie schick und zugleich robust sei. Deshalb passe sie zu jeder Lebenslage. „Man kann sie in der Oper tragen und bei Outdoor-Aktivitäten.“ Oder bei der Jubiläumsfeier, die es jetzt bei Juwelier Stahl gibt.
Das 130-jährige Bestehen wird deshalb besonders groß gefeiert, weil es etwas nachzuholen gibt. Die Festlichkeiten zum 125. Geburtstag mussten kurzfristig abgesagt werden, wie Stefan Stahl berichtet. „Wir hatten für den Mai 2020 schon einiges geplant – doch dann kam ein weiterer Corona-Lockdown …“
Es war nicht das erste Mal, dass ein Meilenstein der Firmengeschichte von einem anderen Ereignis überschattet wurde. So konnte das 50-jährige Bestehen nicht gefeiert werden, weil am 1. Mai 1945 noch der Zweite Weltkrieg im Gange war.
Was wollten diese Leute bei der 120-Jahr-Feier?
Mit einem unguten Gefühl denkt Stefan Stahl auch noch an die 120-Jahr-Feier im Mai 2015 zurück, die eher klein im Ladengeschäft gefeiert wurde. „Plötzlich trieben sich hier ein paar Leute herum, die mir suspekt vorkamen.“ Bis heute ist er überzeugt davon, dass diese Leute die Feier nutzten, um die Sicherheitsanlagen auszuspionieren. Denn wenige Tage später wurde eingebrochen.
Zwei Einbrüche, ein Überfall – und ein tierischer Besuch
Insgesamt gab es in 130 Jahren Firmengeschichte zwei größere Einbrüche sowie – in den 1980er Jahren – einen bewaffneten Überfall. Der wohl kurioseste Vorfall hatte sich bereits um 1900 ereignet, als sich das Geschäft noch im Steinweg befand, nur wenige Meter neben der damaligen Fleischerei Schlick. Stefan Stahl erzählt: „Eines Tages büxte ein Bulle aus, der geschlachtet werden sollte. Das Tier rannte durch den Steinweg und dann geradewegs in eines unserer Schaufenster – und nach einer Runde im Laden lief es durch das andere Schaufenster wieder heraus…“
Branche im steten Wandel
Was dabei alles zu Bruch gegangen ist, ist nicht bekannt. Was aber feststeht: Juwelier Stahl hat es gut überstanden – so wie später auch so mancher Wandel in der Branche gemeistert wurde. „Mein Großvater war noch reiner Goldschmied“, erzählt Stefan Stahl. „Für meine Eltern wurde der Verkauf von hochwertigem Besteck zu einem weiteren Standbein.“ Doch heute sei damit kein Geschäft mehr zu machen.
Abwechslungsreicher Beruf
Stattdessen hat Stefan Stahl viel Geld investiert in eine moderne Ausrüstung der Werkstatt. Denn dort werden nicht nur Uhren aller Art repariert (und seit 2008 sogar Turmuhren!), sondern auch hochwertige Schmuckstücke hergestellt. Ein weiterer Grund, warum Stefan Stahl seinen Beruf so abwechslungsreich und spannend findet. Denn außer handwerklichem Geschick ist auch regelmäßig Kreativität gefragt.
Coburger Bratwurst als Schmuckstück
Ein besonders schönes Beispiel ist die Coburger Bratwurst. Die gibt’s von Juwelier Stahl versilbert und zum Teil vergoldet sowohl als Anhänger für eine Kette, als Ring oder sogar als Ohrring. Sieht toll aus und macht noch viel mehr Appetit als ein Knödel aus dem Schwarzwald.
130 Jahre Juwelier Stahl: Ein Blick in die Firmengeschichte
- Die Geschichte des heutigen Juweliergeschäfts Stahl in der Coburger Spitalgasse begann mit einem Streit. Weil sich Emil Stahl nicht mit seinem Bruder einigen konnte, wie und von wem der elterliche Betrieb in Pforzheim weitergeführt werden soll, verließ Emil Stahl die Stadt im Nordwesten Baden-Württembergs und zog nach Coburg. Der heutige Inhaber Stefan Stahl vermutet, dass die Wahl auch deshalb auf Coburg gefallen sein könnte, weil es – wie Pforzheim – überwiegend evangelisch war und ist.
- Sein „Gold- und Silberwarengeschäft“ eröffnete Emil Stahl am 1. Mai 1895 im Steinweg 25. Später zog er auf die andere Straßenseite in die Hausnummer 32.
- Der Sohn von Emil Stahl, der ebenfalls Emil hieß, traf 1933 eine wegweisende Entscheidung: Er kaufte das Haus Spitalgasse 26. Beim weiteren Umzug, der daraufhin folgte, kam der ursprüngliche Schriftzug „Emil Stahl“ erneut mit, und er ist auch bis heute ein Blickfang an der Fassade.
- Die aufgeblendete Blechfassade steht übrigens unter Denkmalschutz, denn sie ist keineswegs ein Produkt der Neuzeit, sondern hat auch schon weit mehr als hundert Jahre auf dem Buckel.
- Einen weiteren Einschnitt in der Unternehmensgeschichte gab es 1977. Das Geschäft wurde mittlerweile in dritter Generation von Hans-Joachim Stahl geführt. Weil durch die Spitalgasse damals noch jede Menge Verkehr rollte, wurde die Eingangstür etwas nach hinten versetzt. Dadurch entstand Platz für eine kleine Passage. Schließlich sollten die Menschen einigermaßen in Ruhe vor den Schaufenstern stehen und die Auslagen betrachten können.
- Im Jahr 2002 übernahm Stefan Stahl das Geschäft. In der Spitalgasse, die in den 1980er Jahren zur Fußgängerzone und damit auch zu Coburgs wichtigster Einkaufs- und Flaniermeile wurde, ist Juwelier Stahl eines der letzten noch inhabergeführten Geschäfte überhaupt.
- Mit Steffi Stahl ist die fünfte Generation bereits in Sicht. Die heute 31-Jährige kann sogar auf eine etwas noch umfassendere Ausbildung verweisen als ihr Vater Stefan (62). So ist sie Uhrmachermeisterin, Goldschmiedemeisterin, Silberschmiedemeisterin und hat zudem Schmuckdesign studiert. Unter anderem besuchte sie die Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule in Pforzheim – also genau dort, wo einst auch die Geschichte von Juwelier Stahl ihren Anfang nahm.
- An diesem Samstag, 24. Mai, beginnen drei Jubiläumswochen mit allerhand Aktionen und auch Rabatten.
Mehr Informationen zum Schwarzwälder Knödelfresser gibt es hier






















