Udo Altenfelder kann vieles. Zum Beispiel Akupunktur, ebenso ist er Diätassistent, ausgebildeter Heilpraktiker, Trainer für Sportrehabilitation, Erste-Hilfe-Ausbilder sowie Ernährungscoach. Eines aber kann der 59-Jährige nicht: sich eine Verschnaufpause gönnen oder zumindest mal einen Gang runterschalten. „Privatleben?“, fragt Udo Altenfelder erstaunt und deutet auf den Übungsraum im Fitnessstudio: „Das hier ist mein Leben!“ Er gebe Gas, sagt er, weil er anderen Menschen helfen wolle. Mit leiser Stimme fügt er aber noch hinzu: „Mich treibt auch die Angst an, dass ich wieder alles verlieren könnte.“ Seinen Job, seinen Halt. Von Rückschlägen hatte Udo Altenfelder nämlich bereits genug in seinem Leben. Beziehungsweise: in seinen zwei Leben.
Ein sehr persönliches Gespräch
Wir treffen uns mit Udo Altenfelder im besagten Übungsraum. Im „Sportshouse“, das Standorte in Coburg, Rödental und Sonneberg hat, bietet er seine Reha-Kurse an. Weil Udo Altenfelder grundsätzlich ein Freund der klaren Worte ist, berichtet er an dieser Stelle von einem Vorurteil: „Viele sagen ja, dass Reha-Kurse Gediller sind.“ Kurze Pause, die Augen funkeln. „Aber nicht bei mir!“ Wenn er Gas gibt, sollen bitte auch die Teilnehmer seiner Kurse Gas geben – schließlich wollen sie doch wieder gesund werden oder zumindest ein bestimmtes Leid etwas mindern.
Sollte doch mal jemand einen Durchhänger haben und gefrustet sein, kann ihm Udo Altenfelder wertvolle Tipps geben, und zwar auf eine sehr authentische Weise. „Ich weiß, wie es ist, ganz unten zu sein!“
28. September 1997, 10.30 Uhr
Die Zeit, als Udo Altenfelder „ganz unten“ war, begann am 28. September 1997. An diesem Tag um 10.30 Uhr endete sozusagen sein erstes Leben. Dass er anschließend noch ein zweites Leben beginnen konnte, hätten selbst die meisten Mediziner damals nicht für möglich gehalten. Denn eine Hirnblutung, ausgelöst durch ein Aneurysma, überleben nur wenige. Auch um Udo Altenfelder stand es zwischendurch sehr schlecht. Bis heute erinnern auf seinem Kopf zwei kleine Vertiefungen an diese schlimme Zeit. Weil durch die Hirnblutung der Druck stark stieg, mussten kleine Löcher in den Schädel gebohrt werden. Die äußerlichen Wunden sind gut verheilt. Wie es mit den innerlichen aussieht, weiß nur Udo Altenfelder. Fest steht aber: Er will über die vielen Operationen und auch über die Zeit, die er im Koma lag, eigentlich gar nicht mehr groß reden. Stattdessen zeigt er auf ein Tattoo an seinem Unterarm. In römischen Ziffern ist dort das Datum 28.9. zu lesen. An diesem Tag begann sein zweites Leben.
“Ich weiß, wie es ist, ganz unten zu sein!
”
Udo Altenfelder zählt aber nicht nur seine Leben, sondern auch seine großen Schockmomente. Klar, Schock Nummer eins war die Hirnblutung. Er hat sie zwar überlebt. „Aber ich war ein Pflegefall“, sagt er klipp und klar. Doch der nächste Schock kam bereits drei Jahre später: Die Rentenversicherung teilte Udo Altenfelder mit, dass sie ihm nur noch zwölf Monate lang eine Erwerbsminderungsrente bezahlt. „Das hat mich umgehauen“, erinnert er sich. Er sei zu diesem Zeitpunkt zwar schon wieder „lebensfähig“ gewesen, „aber nicht arbeitsfähig“. Immerhin bot ihm die Rentenversicherung an, eine Fortbildung zu finanzieren. Denn sein alter Job als Maschinenführer in einem Rödentaler Unternehmen kam nicht mehr infrage.
Udo Altenfelder entschied sich, eine Fortbildung zum Diätassistenten zu machen. Es sollte der Einstieg in eine Branche sein, in der man sich einen ehemaligen Maschinenführer zunächst eher weniger vorstellt. Nach der ersten Fortbildung machte Udo Altenfelder sogar noch sein Staatsexamen als Diätassistent – jetzt unterstützt vom Coburger Arbeitsamt. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Fitness-Reha-Trainer. Er nennt das „Wissenshunger“. Sein Interesse am Körper, an der Medizin und an allem, was damit zu tun hat, sei immer mehr gewachsen. Angetrieben wurde er dabei immer wieder von einer Frage: Was war da eigentlich im September 1997 in meinem Kopf los?
Die Nahtoderfahrung und ihre Folgen
Der Rödentaler, der mittlerweile in Coburg wohnt, schaffte tatsächlich den Weg zurück ins Arbeitsleben. „Ich habe nicht aufgegeben, weil ich mir ständig ein neues Ziel gesetzt habe.“ Wenn er eine Fortbildung absolvierte, wollte er sie nicht nur einfach schaffen, sondern er wollte sie gut schaffen. Seine Erklärung für diesen Ehrgeiz: „Mir wurde gesagt, das sei die Unruhe, die man nach einer Nahtoderfahrung hat.“
Doch obwohl er viele seiner weiteren Aus- und Fortbildungen gut schaffte, näherte sich leider so langsam das Schockerlebnis Nummer 3. Gleich zu Beginn der Corona-Pandemie musste sein damaliger Arbeitgeber Personal abbauen. Auch Udo Altenfelder erwischte es.
„Akupunktur wirkt!“
2020 war das, und er fühlte sich schon wieder „ganz unten“. Er schrieb hunderte Bewerbungen, wie er sagt, und er bekam hunderte Absagen. Am Ende war es ein Zufall, dass er eines Tages Michael Haust traf, den Inhaber vom „Sportshouse“. Es war der Beginn einer neuen beruflichen Herausforderung: Seit 2021 gibt Udo Altenfelder Kurse, die kein „Gediller“ sind, hilft Menschen, die Schmerzen haben, und schwört inzwischen auch auf die Wirkung von Akupunktur.
Es scheint so, als ob da jemand seine Berufung gefunden hat. Endlich. Aber nicht zuletzt die zwei Vertiefungen am Kopf erinnern Udo Altenfelder täglich daran, wie schnell sich alles im Leben ändern kann. Deshalb ist bei ihm vor allem eine große Sorge allgegenwärtig: Wird es eines Tages noch einen vierten Schock geben?
80 Prozent schwerbehindert
Diese Sorge lähmt ihn allerdings nicht. Im Gegenteil. Sie treibt ihn an. „Ich bin in einem Hamsterrad“, sagt Udo Altenfelder erneut mit leiser Stimme. Doch bereits im nächsten Moment muss er lächeln: „In meinen Kursen habe ich den Spitznamen Schinderhannes.“ Jemand, der schon mal ein Pflegefall war und bis heute als „80 Prozent schwerbehindert“ eingestuft ist, darf das als Kompliment verstehen. Mal kurz Aussteigen aus dem Hamsterrad? Kommt nicht in Frage. Es scheint so, als ob er sehr gut da drinnen zurechtkommt, weil es eben auch ein geschützter Raum ist. Weil er nicht schon wieder seinen Job, seinen Halt verlieren möchte. Bitte bloß kein vierter Schock! „Urlaub?“, fragt Udo Altenfelder, „Nein. Aber wenn es passt, gehe ich mal ein paar Stunden früher.“
Der Freund der klaren Worte will aber gar nicht verschweigen, dass nicht jeder (und nicht jede) mit seiner Art zurecht kommt. Vor allem nicht mit dem Udo Altenfelder, wie er in seinem zweiten Leben geworden ist oder vielleicht auch werden musste. „Ich bin schon bisschen ein Egomane geworden“, sagt er selbstkritisch. „Einzelkämpfer“ dürfte es aber auch gut treffen. Ein Einzelkämpfer, der noch dazu hilfsbereit sein kann. Das Wörtchen „kann“ ist an dieser Stelle deshalb wichtig, weil Udo Altenfelder an ein paar Grundsätze im Leben glaubt. Wer in einer schwierigen Phase mutlos oder traurig sei, sollte eines wissen: „Jeder bekommt Chancen. Aber man muss diese Chancen auch sehen und dann nutzen.“ Es sei der sprichwörtliche „Strohhalm“, den es zu ergreifen gebe. Udo Altenfelder sagt: „Ich kann dieser Strohhalm sein.“ Aus einem Strohhalm könne irgendwann eine Latte werden, an der man sich aus einer Krise herausziehen kann. „Aber man muss auch etwas dafür tun!“ Wichtig sei auch Folgendes, sagt Udo Altenfelder: „Man muss lernen, Hilfe anzunehmen. Man sollte nicht versuchen, alles nur mit sich alleine auszumachen.“
60. Geburtstag im Juli
Apropos: Seinen 60. Geburtstag, der im Juli ansteht, wollte er eigentlich gar nicht groß feiern. Zum Glück konnten Freunde ihn umstimmen. Auch einen solchen Tag sollte man nicht nur mit sich alleine ausmachen – erst recht nicht, wenn es einem medizinischen Wunder gleicht, diesen 60. Geburtstag erleben zu können.
Besondere Gäste
Zu den Geburtstagsgästen wird dann auch der Gehirnchirurg Marc Schmidt gehören, dem Udo Altenfelder sein zweites Leben zu verdanken hat. Außerdem kommen die „Sportshouse“-Inhaber Michael Haust und Andre Netzgau, die dafür sorgen, dass Udo Altenfelder jetzt einen Halt in diesem zweiten Leben finden kann. Wir treffen die beiden am Ende unseres Gesprächs. Freudig erklärt Udo Altenfelder: „Es wird ein Artikel über mich geschrieben!“ Michael Haust schaut skeptisch – denn er kennt ja seinen Schinderhannes, der oft und gerne Klartext redet, und der bereits drei große Schockereignisse in zwei Leben hatte: „Ich glaube, das muss wohl eher ein Buch werden.“
















