Die Diagnose kam kurz vor Weihnachten. Krebs! Seitdem ist bei Melanie Becker nichts mehr, wie es vorher einmal war. Aber: Die Hoffnung ist groß, dass alles wieder gut wird. „Der Tumor wurde zum Glück sehr frühzeitig entdeckt“, erzählt die 41 Jahre alte Stadträtin aus Coburg. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte seien aufgrund dieses frühen Stadiums sehr zuversichtlich, dass sich der Tumor mithilfe einer Chemotherapie sowie durch etliche Bestrahlungen entfernen lassen kann. „Eine Operation steht zurzeit nicht zur Debatte.“
„Dieser Krebs wäre vermeidbar gewesen!“
Dass Melanie Becker so offen über ihre Erkrankung spricht, hat vor allem zwei Gründe. Erstens: Die 41-Jährige ist grundsätzlich bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wenn es zum Beispiel um Themen wie Tierschutz oder Frauenrechte geht, dann kann sie sehr leidenschaftlich dafür streiten - auch, wenn sie sich dadurch nicht nur Freunde macht... Zweitens: Der Tumor, der bei Melanie Becker entdeckt worden ist, wurde ausgelöst durch eine sogenannte HPV-Infektion. Mit Blick auf Impfungen, die gegen HPV möglich sind, sagt die 41-Jährige deshalb: „Dieser Krebs wäre vermeidbar gewesen!“ Deshalb will sie mit ihrer Offenheit auch für genau jene HPV-Impfungen werben.
Weil Melanie Becker als streitbar gilt, wird sie auch regelmäßig in den sozialen Medien beleidigt. Das wird wohl auch jetzt nicht anders sein, wenn ihre Erkrankung bekannt wird. „Ja“, sagt Melanie Becker, „es wird Menschen geben, die sich darüber freuen.“ Doch das sei ihr egal. Beziehungsweise: „Es ist mir wichtiger, mit meiner Geschichte Menschen zu erreichen, die im Moment vielleicht noch überlegen, ob sie sich oder ihre Kinder impfen lassen sollen.“ Dazu muss man wissen: Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Impfung gegen HPV sowohl für Mädchen als auch Jungen. Möglich ist die Impfung ab einem Alter von neun Jahren; spätestens sollte sie vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgen.
Erinnerungen an den Vater
Warum sich Melanie Becker nie gegen HPV hat impfen lassen, kann sie heute gar nicht mehr so genau erklären. Noch nicht einmal, als ihre große Tochter (heute 13 Jahre alt) diese Impfung erhielt, habe sie darüber nachgedacht. „Das war so weit weg!“ Und das, obwohl Melanie Becker durchaus erblich vorbelastet ist.
„Mein Vater war 44 Jahre alt, als er an Krebs gestorben ist“, erzählt Melanie Becker. Aus diesem Grund unterzieht sie sich - auf Anraten ihrer Frauenärztin - regelmäßig einer Darmspiegelung. Im Dezember 2023 stand wieder eine an. Der behandelnde Arzt bat sie daraufhin zu einem Gespräch: „Wir haben etwas gefunden, was da nicht hingehört.“ Für Melanie Becker war das natürlich ein Schock. Mehr noch. „Mein Vater hat seine Krebsdiagnose einst an einem 23. Dezember bekommen - es war dann sein letztes Weihnachten.“
Der erste Schock ist inzwischen aber sehr viel Kampfesmut gewichen. „Geschichte darf sich nicht wiederholen“, sagt sie mit Blick auf ihren Vater. Und mit Blick auf ihre drei Kinder sagt sie: „Alle kämpfen dafür, dass Mama wieder gesund wird.“
Zu wenige Menschen lassen sich impfen
Ja, immer wieder betont Melanie Becker, dass sie sich bei ihren Ärzten sehr gut aufgehoben fühlt. Doch immer wieder stößt sie eben auch auf das Thema HPV-Impfung. „Ein Arzt vom Klinikum Coburg hat mir erzählt, dass es diese Art von Tumorerkrankung gar nicht mehr geben würde, wenn sich alle Menschen dagegen impfen lassen würden.“ Die Wahrheit sehe aber leider so aus, dass in Deutschland nur etwas mehr als 50 Prozent aller Mädchen geimpft werden, bei Jungs sind es sogar weniger als zehn Prozent.
Sobald sie geheilt ist, will Melanie Becker die Impfung bei sich nachholen lassen. Ebenso ist für sie klar, dass sie auch ihre beiden weiteren Kinder (heute 10 und 6 Jahre alt) impfen lassen wird.
HPV-Impfung: Das sagt ein Kinderarzt dazu
Der Coburger Kinderarzt Mathias Zimmer ist ebenfalls ein großer Befürworter von HPV-Impfungen. Zum einen deshalb, weil es sich bei den Erkrankungen, die von einer HPV-Infektion ausgelöst werden, sehr oft um aggressive Krebsarten handelt. Als besonders tragisch bezeichnet es Zimmer, dass vor allem junge Frauen um die 30 Jahre davon betroffen sind.
Ein weiteres Argument für die Impfung ist laut Mathias Zimmer die gute Verträglichkeit der Impfstoffe. „Wir verwenden den Impfstoff Gardasil 9.“ Dieser deckt - ebenso wie der Impfstoff Cervarix - die häufigsten und damit wichtigsten onkogenen HPV-Typen ab.
Impfung nicht nur für Mädchen wichtig!
Wichtig ist Mathias Zimmer noch folgender Hinweis: Die HPV-Impfung ist keineswegs nur bei Mädchen beziehungsweise jungen Frauen von großer Bedeutung, wie früher fälschlicherweise angenommen wurde. Denn: „Auch Männer können an einer HPV-Infektion erkranken. Außerdem können sie Infektionen übertragen." Eine Impfung könne somit auf vielfache Weise dazu beitragen, das Risiko von Krebserkrankungen zu reduzieren. Um so mehr bedauert es Mathias Zimmer, dass es in Deutschland schon lange keine Kampagne mehr für HPV-Impfungen gab - weder von der Politik noch von der Pharmaindustrie.
Beratung ab U10 und U11
Aber zumindest im Zentrum für Kinder- & Jugendmedizin in Coburg, in dem Mathias Zimmer tätig ist, wird „pro-aktiv“ dafür geworben. „Wir beraten ab den Vorsorgeuntersuchungen U10 und U11 über die Möglichkeit der HPV-Impfung, und wir empfehlen sie auch.“ Außerdem könne umfangreiches Informationsmaterial zur Verfügung gestellt werden.
Was ist eine HPV-Infektion?
Als Papillomviren werden Krankheitserreger bezeichnet, die Entzündungen und Hautveränderungen auslösen können. Weil einige dieser Viren ausschließlich bei Menschen vorkommen, werden sie als Humane Papillomviren, kurz HPV, bezeichnet.
HPV sind grundsätzlich weit verbreitet. Es heißt sogar, dass sich jede Frau und jeder Mann im Laufe eines Lebens mindestens einmal damit ansteckt – die meisten dieser Infektionen bleiben jedoch unbemerkt. Entweder, weil sie lediglich kleine und zudem ungefährliche Warzen im Genitalbereich auslösen, oder weil der Körper stark genug ist, die HPV abzuwehren. Wenn ein Körper allerdings nicht stark genug ist, kann durch bestimmte HPV-Typen das Risiko für Krebserkrankungen erhöht werden. Als häufigste Erkrankung tritt bei Frauen Gebärmutterhalskrebs, bei Männern sind es vor allem Krebserkrankungen im Mund- und Rachenraum.
Eine Krebserkrankung kann auch erst viele Jahre oder sogar Jahrzehnte nach einer HPV-Infektion ausbrechen.
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