Was ist eigentlich das Leben? Über diese Frage hat Maren in den vergangenen Monaten sehr viel nachgedacht. Sie hat gegrübelt am Tag, und sie hat gegrübelt in der Nacht. An Schlaf war lange Zeit ja sowieso nicht zu denken. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um diese Schlägerei, die sich am 16. September 2022 in der Badergasse in Coburg ereignet hat. Das Bild von ihrem Vater, der blutüberströmt auf dem Boden liegt, nachdem zwei junge Männer auf ihn eingeprügelt haben, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, sagt sie heute, da sie dieses Schicksal angenommen und akzeptiert hat. Maren und ihre Familie haben auf tragische Weise vor Augen geführt bekommen, wie schnell sich das Leben ändern kann. Von einem Moment auf den anderen. Um so mehr hat Maren jetzt einen völlig anderen Blick aufs Leben. Die 30-Jährige gibt offen zu, dass sie monatelang verzweifelt war, dass sie wütend war; sie hat viel geweint und sich oft die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Inzwischen, zehn Monate nach dem Vorfall, hat sie sich zurückgekämpft ins Leben. Woher sie die Kraft dafür genommen hat, weiß sie selber manchmal gar nicht mehr genau. „Ich habe erfahren dürfen, wie sehr ich kämpfen kann und was mein Körper für Reserven hat – und, dass es sich lohnt zu kämpfen wie ein Löwe.“ Wie passend, dass sie sich bereits vor vielen Jahren einen Löwen auf ihren Arm hat tätowieren lassen. Es ist aber auch die enge Beziehung zu ihrem Vater, die sie immer wieder angespornt hat: „Ich habe Papa sehr viel zu verdanken – und jetzt will ihm ich etwas zurückgeben.“
Gespräch im Coburger Hofgarten
Wir treffen uns mit Maren im Coburger Hofgarten. Frische Luft tut gut, wenn über etwas gesprochen wird, das einem eigentlich die Luft abschnürt. „Wir sind durch die Hölle gegangen“, erzählt Maren, „wir sind in ein Loch gefallen, das nicht tiefer hätte sein können.“ Ihr Vater, heute 56 Jahre alt, sei der Mittelpunkt der Familie gewesen. Fürsorglicher Ehemann und liebevoller Papa; auch für seinen kleinen Enkelsohn hatte er immer ein großes Herz, unternahm mit ihm regelmäßig tolle Sachen. Doch seit dem 16. September 2022 ist nichts mehr, wie es einmal war. Eben noch saß die gesamte Familie vergnügt in einem italienischen Restaurant in der Coburger Innenstadt beisammen.
Der damals noch 55-Jährige und seine Frau verließen das Lokal als Erste, weil er sich zu Hause das Halbfinale mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Basketball-EM anschauen wollte. Anpfiff des Spiels: 20.30 Uhr. Doch auf dem Weg zur Bushaltestelle, gegen 20.20 Uhr, kam es zu dieser schicksalhaften Begegnung mit zwei betrunkenen und noch dazu unter Drogen stehenden Männern. Einem Wortgefecht folgten Schläge. Feste Schläge. Immer wieder. Und obwohl der Familienvater ein sportlicher Typ ist: Gegen zwei aggressive Angreifer hatte er keine Chance. Plötzlich dann dieser verdammte Sturz. Mit dem Kopf auf einen Betonpoller. Blut. Überall Blut. Polizei und Rettungskräfte kamen, und auch die zwei Töchter, die wegen des gemeinsamen Essens noch in der Stadt waren, eilten herbei.
Maren erinnert sich: „Als ich Papa dort liegen sah, habe ich gedacht, er ist tot.“ Doch nach vielen schwierigen Operationen konnten die Ärzte sein Leben retten. Aber dieses Leben war ab sofort ein anderes. Durch den Sturz wurde das Gehirn so stark und irreparabel beschädigt, dass er für immer auf fremde Hilfe angewiesen sein wird. Aber nicht nur sein eigenes Leben ist jetzt ein anderes. Die ganze Familie leidet mit. Ist hineingefallen in dieses riesige Loch. Das zehrt an den Kräften, geht an die Substanz. Aber wenn es darum geht, mit Ärzten und Therapeuten die nächsten Schritte zu besprechen, braucht es einen Ansprechpartner, der irgendwie noch Kraft hat. Gut, wenn dann jemand so stark sein kann wie ein Löwe.
Das Leben zeigt eine grässliche Fratze
„Lächle, und das Leben lächelt zurück!“ Maren sagt tatsächlich diesen Satz. Eine Frau, die vom Leben soeben eine grässliche Fratze gezeigt bekommen hat. Doch für Maren ist dieser Spruch, den sich andere Menschen an die Pinnwand hängen, um ihn dann aber doch nicht zu befolgen, zu einem Art Lebensmotto geworden. Sie erzählt, dass sie monatelang überhaupt nicht lachen konnte. Zu sehr haben die Ereignisse vom 16. September 2022 alles überschattet. Eine Familie im Ausnahmezustand. Ohne Aussicht auf Besserung? „Das Leben kann trotzdem schön sein“, sagt Maren. Vor ein paar Monaten hätte sie aber selber nicht daran geglaubt, dass sie es schaffen würde, neuen Lebensmut zu fassen. Dass sie es geschafft hat, das liegt an mehreren Dingen. „Unsere Familie ist eng zusammengerückt“, sagt Maren. Außerdem seien Freundinnen und Freunde wichtige Stützen gewesen. Von großer Bedeutung war für Maren auch die Gerichtsverhandlung, die vergangene Woche nach fünf Verhandlungstagen zu Ende gegangen ist. „Für mich war das wichtig, um damit abschließen zu können“, sagt sie.
Das Urteil, das am Ende gefällt wurde, sei ihr gar nicht mal so wichtig gewesen. „Es gibt sowieso keine gerechte Strafe für so etwas.“ Als sehr schwierig hat sie es empfunden, im Gerichtssaal den beiden Tätern immer wieder in die Augen schauen zu müssen. Ihre Mutter konnte sich das nicht antun. Dass die Täter bis zuletzt keinerlei Reue zeigten, hat Maren zusätzlich sehr weh getan. Nach dem vierten Verhandlungstag kamen zwar die Eltern von einem der zwei Schläger auf sie zu und haben um Entschuldigung gebeten. Aber eine solche Geste des Mitgefühls hätte sich Maren schon viel früher gewünscht. Aber gar nicht mal von den Eltern, sondern direkt von den Tätern. Andererseits: „Was kann man von solchen Menschen erwarten…“
Dankbar ist Maren, dass sie während des Gerichtsprozesses auch wieder von vielen Freunden moralisch unterstützt wurde. Allen voran von ihrer besten Freundin Christina. „Als das Urteil gesprochen war, habe ich zu Christina einfach nur gesagt: Wir haben es geschafft!“
Den Glauben an das Gute nicht verlieren
Die Sache mit dem Lächeln ist ein schwieriges Thema. Heute sagt Maren: „Ich habe Stück für Stück mein Lachen wieder gefunden.“ Und das ist auch gut so. Doch wenn sie lacht, sind manche Menschen auch schon wieder irritiert: Darf jemand lachen, der in seiner Familie mit so viel Leid konfrontiert ist? Ja. Und nochmals: Ja. Maren hat beschlossen, jetzt wieder fröhlich durchs Leben zu gehen. Sie will sich an den kleinen Dingen erfreuen. Und sie will den Glauben an das Gute im Menschen nicht verlieren – gerade weil sie erlebt, wie böse manche Menschen sein können. Es klingt erneut nach einem Postkartenspruch, doch Maren würde sich wünschen, dass es weniger Hass und mehr Liebe auf dieser Welt gibt. Dass sich die Menschen an die Hand nehmen und gemeinsam das Leben genießen. Schließlich kann bereits morgen alles anders sein. „Aber viele haben das leider noch immer nicht kapiert.“
Die Welt braucht mehr Liebe – und mehr Löwen
Neulich ist Maren an einer Gruppe Jugendlicher vorbeigelaufen. Zunächst war es nur ein Geschubse, doch dann bahnte sich eine Schlägerei an. „Ich bin hingegangen und habe gesagt, dass sie aufhören sollen – sonst rufe ich die Polizei.“ Maren weiß schließlich, wie eine Schlägerei enden kann. Die Welt braucht mehr Liebe. Und mehr Löwen und mehr Zivilcourage. Außerdem sollten alle mal über den Sinn des Lebens nachdenken: Sind Geld und Karriere wirklich das Wichtigste? Nein. Für Maren stehen heute die Zeit mit Familie und Freunden an oberster Stelle. Sie erzählt in diesem Zusammenhang von einer Überraschung an ihrem 30. Geburtstag: „Mein Papa kam vorbei und hat mir eine Sonnenblume geschenkt.“ Maren kämpft mit den Tränen: „Selbst, wenn ich an diesem Tag noch ein Haus und ein Auto bekommen hätte: Die Sonnenblume wäre immer das Tollste gewesen. Ich habe mich riesig gefreut.“ Ihr Vater konnte nicht lange bei dieser Geburtstagsfeier bleiben. Seine körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen lassen eine Teilnahme am Familienleben, wie es früher einmal war, nicht mehr zu. Doch Maren hat gelernt, damit umzugehen. Sie sieht das Positive: „Papa hat die Chance bekommen, weiterzuleben.“ Und sie sieht die Sonnenblume: „Die steht für Zuversicht.“
Weinen ist erlaubt
Kann Maren Ratschläge geben, wie auch andere Menschen nach einem Schicksalsschlag den Weg zurück ins Leben finden? „Man darf ruhig mal vom Weg abkommen“, sagt sie, „aber man sollte nie das Ziel aus den Augen verlieren.“ Weinen sei erlaubt, das Ertrinken in Selbstmitleid aber nicht. „Ich habe zehn Monate gebraucht, um alles aufzuarbeiten. Es hat weh getan, es war hässlich. Aber es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben.“ Heute geht sie sehr viel achtsamer durchs Leben als früher. Wenn sie Zeit mit einer Freundin oder einem Freund verbringt, geht ihr jetzt oft der Satz über die Lippen: „Schön, dass es Dich gibt.“ Denn sie ist dankbar für diese gemeinsame Zeit, für diese wertvolle Zeit. „Mit Geld kann man sich alles kaufen – aber Gesundheit nicht, und Freunde auch nicht.“
„…und ich halte ihm die Hand dabei“
Neulich hatte Maren eine Idee: „Eigentlich braucht Papa auch ein Löwen-Tattoo!“ Denn: „Wenn jemand mit Stolz einen Löwen auf der Haut tragen darf, dann er.“ Er, der sich ebenso wie seine Tochter langsam zurückkämpft ins Leben. Maren hat sogar schon eine Vorstellung, wie das ablaufen könnte: „Egal, ob das erst in ein paar Jahren möglich ist: Irgendwann machen wir uns einen schönen Vater-Tochter-Tag. Zum Abschluss bekommt er dann das Löwen-Tattoo – und ich halte ihm die Hand dabei.“
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