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Atomkraftwerk-Rückbau
Ohne Kulmbachs Strahlenschutz-Expertise geht nichts
Auf dem Gelände des Landesamtes für Umweltschutz (LfU) in Melkendorf entsteht ein High-Tech-Labor.
Auf dem Gelände des Landesamtes für Umweltschutz (LfU) in Melkendorf entsteht ein High-Tech-Labor. // Uschi Prawitz
Kulmbach – Das Landesamt für Umweltschutz wächst. Von hier wird auch der Rückbau des AKW Grafenrheinfeld begleitet.

Es war ein tragisches Ereignis der Weltgeschichte, das für das historische Schloss in Steinenhausen die Weichen stellte: Das Reaktorunglück in Tschernobyl am 26. April 1986 war der Auslöser dafür, dass in den ehemaligen Gemäuern des Freiherrn von Guttenberg, am Zusammenfluss des Roten und des Weißen Mains gelegen, heute Umweltfachleute aus sechs Referaten und fünf Fachabteilungen arbeiten. 1988 gab es den Startschuss für die damalige Außenstelle des Landesamtes für Umweltschutz, kurz LfU.

Viele Regionalpolitiker hatten sich vor 35 Jahren für den Standort stark gemacht, auch der damalige CSU-Ministerpräsident Franz-Josef Strauß setzte sich für Kulmbach ein. Von hier aus wird die Luftüberwachung für Nordbayern koordiniert, werden über 50 Prozent aller Messstationen des bayerischen Luftgütemessnetzes regelmäßig gewartet und ausgewertet. Kulmbach ist Stammsitz der zentralen Stelle für die Sonderabfallüberwachung für den gesamten Freistaat – und es ist ein wichtiges Strahlenschutzlabor in Zeiten der – abgewickelten – zivilen Nutzung der Kernenergie.

Bayerns Zentrallabor für wesentliche Messungen

Derzeit läuft die Ausweitung der Stellen für die Radioaktivitätsmessungen sowie der „Vollzugsaufgaben im Strahlenschutz“, wie es offiziell heißt: Mit dem Bau eines neuen Strahlenschutzlabors wurde im Frühjahr begonnen.

Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) war beim Spatenstich dabei. „Bayern setzt hier Maßstäbe zum Schutz der Bevölkerung. Mit dem neuen Kompetenzzentrum Strahlenschutz sorgen wir für höchstmögliche Sicherheit.“

Die LfU-Dienststelle in Steinenhausen werde zum Zentrallabor für die notwendigen Freigabemessungen beim Rückbau der bayerischen Kernkraftwerke, darunter das Akw Grafenrheinfeld. Auch das beim Rückbau eingesetzte Personal wird hier strahlenschutztechnisch überwacht. Die zweite wesentliche Aufgabe sei die Vorsorge für einen „möglichen radiologischen Ereignisfall“.

Bau in Melkendorf liegt im Zeitplan

Glaubers Parteikollege Rainer Ludwig, wiedergewählter Landtagsabgeordneter sowie energiepolitischer Sprecher der FW-Fraktion, bewertet den Baufortschritt als bemerkenswert. „Die Maßnahme ist ein Leuchtturmprojekt für den Standort Kulmbach und einzigartig in Bayern. Der Bau läuft nicht nur reibungslos, sondern liegt auch präzise im Zeitplan.“ Dabei handelt es sich, so Ludwig, um kein gewöhnliches Bauvorhaben, „sondern ein High-Tech-Labor, das international modernsten Anforderungen gerecht wird.“ Bei der Konzeption seien besondere Aspekte des Denkmal- und Naturschutzes für das Schloss und seine naturnahe Umgebung berücksichtigt worden. Die Fertigstellung ist für Herbst 2025 geplant, die Kosten liegen bei geplanten 43 Millionen Euro. 15 neue Stellen sollen entstehen. „Entsprechend der Raumkapazität wurden bislang die Arbeitsplätze von acht Beschäftigten nach Kulmbach verlagert. Hierbei handelt es sich um vier Arbeitsplätze für Laboraufgaben und weitere vier für Vollzugsaufgaben.“ Alle verlagerten Arbeitsplätze sind, so heißt es seitens des Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz, dem Bereich Naturwissenschaft und Technik zuzuordnen.

Und die Arbeit ist anspruchsvoll. Das Amt begleitet seit über sieben Jahren unter anderem den Rückbau des Atomkraftwerks in Grafenrheinfeld, das 2015 vom Netz ging. 175 Beschäftigte braucht es dafür statt der ursprünglich 310, die es zu Hochzeiten des Meilers im Dienste von Eon waren. Das Endziel ist ein hehres: die Herstellung der „grünen Wiese“ direkt neben einem Atommüll-Zwischenlager. Die beiden markanten, je 143 Meter hohen Kühltürme sollen im nächsten Jahr fallen. Der sogenannte Nachbetrieb dauerte vom Zeitpunkt der Abschaltung bis 2018, danach sprechen die Experten vom Restbetrieb mit einem Zeitfenster bis 2033. Der komplette Gebäudeabriss dürfte bis 2035 über die Bühne gegangen sein.

600 Brennstäbe müssen ins Zwischenlager

Für Grafenrheinfeld reden die LfU-Fachleute vom Ziel der „Kernbrennstoff-Freiheit“. Heißt: Alle Brennelemente (laut Eon fast 600) mussten dafür aus der Anlage entfernt werden. Dazu wurden sie zunächst aus dem Reaktor ins Abklingbecken befördert. Nach fünf Jahren soll das verstrahlte Material so weit abgekühlt sein, dass es in Schutzbehälter (Castoren) verpackt und auf dem Kraftwerksgelände ins Zwischendepot transportiert werden kann. Das trägt die wohlklingende Abkürzung „BELLA“ und steht für BrennELementeLAger. 19 Brennelemente passen in einen Castor, er wiegt beladen 120 Tonnen. 50 davon werden im „BELLA“ zwischengelagert. Der Zeithorizont reicht 40 Jahre – ein Endlager existiert bis dato nicht.

Besagte Brennstäbe machten 99 Prozent der Radioaktivität in der gesamten Anlage aus. Darüber hinaus sind auch alle Bauteile, die mit Strahlung in Berührung kamen, zu reinigen und gegebenenfalls zwischenzulagern. Der Abbau erfolgt nach dem Prinzip „von innen nach außen“. Besonders knifflig ist das Zerlegen des Reaktordruckbehälters und seines Betonmantels; beides ist am stärksten kontaminiert. Die Komponenten werden dabei unter Wasser zerkleinert, um die Strahlung abzuschirmen.

Was kann zurück in den Stoffkreislauf?

Was beim Akw-Rückbau insgesamt an belastetem Material zusammenkommt? Die Rede ist von rund 31000 Tonnen (das komplette Reaktorgebäude in Grafenrheinfeld brächte mehr als das Zehnfache auf die Waage). Im Rahmen des Freigabeverfahrens wird entschieden, was von dieser Menge als radioaktiver Abfall entsorgt werden muss und was in den konventionellen Stoffkreislauf zurückgeführt werden kann. Der Grenzwert für eine Rückführung ist laut LfU extrem niedrig: Es gilt ein Dosiswert von 10 Mikro-Sievert pro Jahr. Zum Vergleich: Die mittlere Strahlenbelastung der Bevölkerung in Deutschland auf Grund natürlich vorkommender Radioaktivität beträgt 2100 Mikro-Sievert. 90 Prozent des Materials halten den Wert ein.

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