0
Sportfördergesetz
Spitzensport für 7,41 Euro die Stunde?
Paris 2024 - Leichtathletik
Speerwerfer Julian Weber engagiert sich in der deutschen Athleten-Vertretung und fordert Änderungen am neuen Sportfördergesetz. // Sven Hoppe/dpa
Kulmbach – Die Bundesregierung will die Spitzensportförderung erstmals in einem Gesetz verankern. Doch darin fehlten wichtige Aspekte, kritisiert die deutsche Athleten-Vereinigung. Etwa mehr Geld.

Die deutschen Sportler werden bei Großereignissen immer öfter von anderen Ländern abgehängt. Das will die Bundesregierung wieder ändern. „Ziel ist es, die Zahl der Medaillen und ersten Plätze insbesondere bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften langfristig zu erhöhen“, schreibt das Innenministerium. Deshalb Kernpunkt des neuen Gesetzes ist die Gründung einer unabhängigen Sportagentur in Form einer Stiftung, die die Verteilung der nun erstmals gesetzlich garantierten Fördergelder für die Athleten übernehmen soll.

Doch der Entwurf, den Innenministerin Nancy Faeser am Mittwoch präsentierte, enttäuscht die deutschen Spitzensportler, die 2017 mit dem Verein Athleten Deutschland eine eigene Interessensvertretung ins Leben gerufen haben, der inzwischen rund 1100 Bundeskader-Mitglieder angehören. „Das Gesetz hat Potenzial und Chancen, bleibt aber weit unter seinen Möglichkeiten“, sagt Maximilian Klein, stellvertretender Geschäftsführer von Athleten Deutschland.

Lesen Sie auch:

Forderung 1: Anspruch auf Grundsicherung

Drei Hauptkritikpunkte haben die Lobbyisten der Spitzensportler. Vor allem wünschen sie sich eine bessere finanzielle Würdigung der sportlichen Leistungen. „Politik und Gesellschaft haben hohe Erwartungen an die Sportler. Der muss eine angemessene Absicherung gegenübergestellt werden. Wer für Deutschland an den Start geht, darf keine existenziellen Sorgen haben“, meint Klein. Deshalb fordert seine Organisation, dass alle Sportler mit der Aufnahme in einen Bundeskader einen automatischen Anspruch auf eine monatliche Grundsicherung über zwei Jahre hinweg erwerben. „ Klein bringt dabei eine Summe von etwa 1800 Euro ins Gespräch und begründet das so: „Das wäre die Summe, wenn man den Mindestlohn berechnet. Derzeit kommt ein Spitzensportler aber nur auf einen Stundenlohn von 7,41 Euro.“

Rund 4.000 Kaderathleten gibt es derzeit in Deutschland. Davon sind mehr als die Hälfte Schüler, Studenten oder Auszubildende. 27 Prozent haben eine Sportförderstelle bei der Bundeswehr, der Bundespolizei oder dem Zoll. Für alle gibt es finanzielle Unterstützung durch die Deutsche Sporthilfe, die bislang die staatlichen Mittel weiterreicht. Diese Förderung reicht von 100 Euro monatlich für Nachwuchskräfte bis maximal 1800 Euro für Top-Sportler ohne Sportförderstelle.

Bundesinnenministerin Faeser
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, mit dem Deutschland seine EU-Verpflichtungen zum Schutz der kritischen Infrastruktur umsetzen will. // Alina Grünky/dpa

Fabienne Königstein: Sorgen in der Schwangerschaft

Auf eine weitere Lücke im neuen Sportfördergesetz macht die deutsche Top-Marathonläuferin Fabienne Königstein (Bestzeit 2:25:48) aufmerksam. Als sie ein Kind bekam und aus dem Bundeskader ausschied, brach auch ihr eh schon dürftige Zuwendung in Höhe von 700 Euro durch die Deutsche Sporthilfe weg. „Neben den Sorgen, wann der Körper nach der Schwangerschaft wieder fit wird, reihen sich Sorgen finanzieller Art“, schildert die 31-Jährige ihre Situation und kritisiert: „Strukturen im System, die mich unterstützt hätten, gab es nicht.“

Lesen Sie auch:

Deshalb fordert der Verein Athleten Deutschland neben der Aufnahme eines umfassenden Versicherungsschutzes, einer Altersvorsoge, Schutzfristen beim Kaderausschluss auch die des Mutterschutzes ins neue Sportfördergesetz. Dabei lohne ein Blick in Nachbarländer wie Italien, Spanien oder Kroatien, wo Sportler per Gesetz schon gut abgesichert seien. Die finanzielle Unsicherheit, so glaubt Maximilian Klein, hindere auch so manches Talent, sich für eine Sportkarriere zu entscheiden.

Athleten wollen Vertreter selbst wählen

Noch zwei weitere Änderungen am neuen Sportfördergesetz fordern die deutschen Spitzen-Athleten.  Zum einen möchte die Athleten-Organisation selbst entscheiden, wen sie in die Aufsichtsgremien (Stiftungsrat und Sportfachbeirat) der neuen Sportagentur entsendet. Der aktuelle Gesetzentwurf sieht vor, dass der Deutsche Olympische Sportbund die Athleten-Vertreter auswählt. „Das können wir nicht akzeptieren“, meint Maximilian Klein. Auch der ehemalige Speerwurf-Europameister Julian Weber fordert: „Wir Athleten brauchen eine unabhängige Stimme.“

Lesen Sie auch:

Eine dritte Forderung der Athleten ist die Verankerung eines wirksamen Schutzes und das Ziel fairer Arbeitsbedingungen für Sportler im neuen Sportfördergesetz. Viele Athleten müssten „Gewalt, Machtmissbrauch, Willkür und intransparente Entscheidungen“ in ihren Sportarten erleben. Gerade im Spitzensport gebe es „enorme Abhängigkeitsverhältnisse“.  

Maximilian Klein, dass das Gesetz vor seiner Verabschiedung dringend eine Überarbeitung benötige, verpasse es doch in seiner aktuellen Fassung „eine historische Chance“. Zumal Deutschland in den 30er oder 40er Jahren die Olympischen Spiele ausrichten möchte. „Doch dafür müssen jetzt die Weichen gestellt werden“, so der stellvertretende Geschäftsführer von Athleten Deutschland.

Inhalt teilen
  • kopiert!