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Vorm Amtsgericht Bamberg
„Wenn ich weiter so konsumiere, dann sterbe ich bald“
Der Angeklagte und sein Rechtsanwalt Andreas Dräger aus Strullendorf
Der Angeklagte und sein Rechtsanwalt Andreas Dräger aus Strullendorf // Foto: Udo Güldner
Bamberg/Walsdorf – Ein Mann attackiert wildfremde Menschen in Bamberg. Sein Leben ist geprägt von Drogen, Kriminalität und nun einem letzten Hoffnungsschimmer.

Der Supermarkt irgendwo in Bamberg hat nur noch eine halbe Stunde offen. Ein Software-Ingenieur will nach einem anstrengenden Arbeitstag noch etwas einkaufen. Da begegnet er vor dem Geschäft einem wildfremden Mann. Der ruft ihm über den Platz ein „Hey, Ex-Knacki!“ zu. Tatsächlich befand sich der Supermarkt-Kunde einmal kurz in Untersuchungshaft. Den Mann mit dem hochroten Kopf aber kennt er nicht.

Es kommt zum Versuch, die Sache zu klären – völlig vergebens. Außer wirren Reden und lautem Geschrei hat der Mann nichts zu sagen. Es sind wohl Alkohol und einige andere Dinge im Spiel. Sein Nachbar im Steigerwald nennt ihn dann immer einen unberechenbaren „Werwolf“, erfährt man am Amtsgericht Bamberg.

Schlägerei vor einem Bamberger Supermarkt

Ohne Vorwarnung eskaliert die Lage. Erst ist ein „Leute wie Du gehören aufgeschlitzt“ zu hören. Dann schlägt der Mann dem Supermarkt-Kunden unvermittelt mit der Faust ins Gesicht. Die Folge: ein Nasenbeinbruch, der im Klinikum Bamberg behandelt wird, und entsprechende Schmerzen.

Als der Verletzte seinen Gehstock hebt, um weitere Angriffe abzuwehren, dreht sich der Mann kurz um und hat plötzlich ein Eisenrohr in Händen. „Das Spielchen kann ich auch“, soll er gesagt haben. Ob er den gefährlichen Gegenstand hinter einer Parkbank oder aus seinem Mantel hervorgeholt hat, kann auch am Amtsgericht Bamberg nicht geklärt werden. Jedenfalls bedroht er den Supermarkt-Kunden damit. Nach einem kleinen Katz-und-Maus-Spielchen kann der Verletzte mit blutender Nase doch noch flüchten.

Lesen Sie hier alles zum ersten Prozesstag:

Es bleibt nicht bei diesem einen verstörenden Vorfall. Zwei Monate später greift der Mann wieder an. Diesmal im Bus der Linie 989 von Bamberg nach Schönbrunn im Steigerwald.

Ein junger Pflegehelfer und seine Freunde unterhalten sich während der Fahrt. Offenbar stört das den Mann, oder er glaubt, sie sprächen über ihn. Nach der Haltestelle in Walsdorf fragt er den Pflegehelfer, ob er ein Problem hätte. Und noch bevor der antworten kann, bekommt er eine Ohrfeige mit der Rückhand. Es bleibt bei einer Rötung und Schmerzen.

Wie im Prozess zur Sprache kommt, liefert sich der Mann zuvor noch ein Scharmützel mit einem anderen Fahrgast und der Busfahrerin. Wohl, weil er betrunken ist und daran mit weiteren Schlucken aus der Dose auch nichts ändern will.

Viele Straftaten und Gefängnisaufenthalten: Angeklagter hat turbulente Vergangenheit

Das Leben des Mannes besteht seit nunmehr fast dreißig Jahren aus Straftaten, Gefängnisaufenthalten, Drogen- und Alkohol-Exzessen und gesundheitlichen Problemen. Wobei er bereits als siebenjähriger Junge erstmals Schnaps trinkt und mit 15 Jahren Ecstasy, Crystal Meth, LSD und Heroin nimmt.

Ein erster Warnschuss erfolgt, als einer seiner besten Kumpels an einer Überdosis stirbt. Der Mann wagt sich an eine Entgiftung im Nervenklinikum Bamberg, die zumindest einige Zeit lang Schlimmeres verhindert. Doch das alte Umfeld und die alten Gewohnheiten lassen ihn wieder abstürzen.

Der Auszug aus dem Bundeszentralregister ist endlos, die Aussichten sind trostlos. Entweder geht es darum, sich mit Diebstählen, Betrugstaten oder Hehlerei die finanziellen Mittel für seine Rauschgiftsucht zu beschaffen.

Oder es handelt sich um die Folgen des Konsums: Trunkenheitsfahrten, eine Unfallflucht und mehrere Vollräusche, aber auch die Abgabe von Betäubungsmitteln an Minderjährige. Hinzu kommen Verstöße gegen das Waffengesetz und das Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen.

Großteil der Verurteilungen wegen Gewalttaten

Die meisten Verurteilungen erhält der Mann allerdings wegen Gewalttaten. Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, alle nur denkbaren Formen der Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung, Nötigung, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung …

Inzwischen aber haben ihn die langjährige Sucht und die wiederholte Haft gezeichnet. Obwohl er erst 46 Jahre als ist, sieht er aus wie ein alter Mann. Das Herz hat einen schweren Schaden. Psychische Probleme hat er obendrein.

Am Ende verurteilt Strafrichter Matthias Bachmann den Mann wegen gefährlicher, vorsätzlicher und versuchter Körperverletzung, sowie vorsätzlichen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Bedrohung. Darin sind die Vorfälle im Linienbus und vor dem Supermarkt, aber auch zwei Attacken auf seinen Nachbarn und eine völlig unbekannte Familie auf einem Radweg bei Lisberg enthalten. Es gibt eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten mit Bewährung.

Angesichts der kriminellen Vergangenheit des Mannes ist das ungewöhnlich. Es erklärt sich allerdings mit der Kehrtwende vor knapp acht Monaten. Damals begibt sich der Mann freiwillig in die soziotherapeutische Einrichtung Schloss Neuhof bei Coburg. Er will endlich von Drogen und Alkohol loskommen.

Diese letzte Chance will man ihm geben. Falls er sie vertut, wird er wohl nicht mehr lange zu leben haben.

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