Er hat ein schönes Leben in Tirana. In einem der mehr als 8.000 Cafés in der albanischen Metropole arbeitet der Mann als Barista und Barkeeper. Dann heißt es umziehen. Denn seine Ehefrau hat einen neuen Job in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. In einem der zahllosen Callcenter, die dort wie Pilze aus dem Boden schießen. Weil die gewerblichen Mieten und die Personalkosten so niedrig sind.
Und weil die Ehefrau in der Branche etwas zu sagen hat, verschafft sie ihrem Mann einem Posten. Es gibt den für Balkan-Verhältnisse guten Monatslohn von 1.000 Euro und eine Dienstwohnung. Er kümmert sich um das Büromaterial, rekrutiert Mitarbeiter mit Italienisch-Kenntnissen, erfasst die Anwesenheitszeiten und sorgt dafür, dass die Callcenter-Agents keine elektronischen Geräte ins Gebäude schmuggeln.
Der Angeklagte war ein klassischer Strohmann
Damit sie mit Smartphones oder Smartwatches nicht heimlich filmen und das Material als „Whistleblower“ an irgendwelche Investigativ-Journalisten verkaufen. Das gefährdet schließlich die Gewinne. Und damit sie die für rund 1.000 Euro illegal eingekauften Datensätze der lukrativen Kunden nicht kopieren und auf dem Schwarzmarkt verhökern. Das schmälert nämlich die Gewinne.
Vor allem aber stellt er seinen Namen zur Verfügung – als Geschäftsführer des Callcenters. Ein klassischer Strohmann, der den Kopf hinhalten soll, weil die Hintermänner unerkannt bleiben wollen. Bedenken hat er dabei nicht. Schließlich macht das Unternehmen, an dessen Spitze er auf dem Papier steht, einen seriösen Eindruck. Nicht zuletzt weil man Trikotsponsor eines spanischen Fußball-Erstligisten, mehrfachen Landesmeisters und Champions-League-Teilnehmers ist.
Die Opfer des Betrugs sind ahnungslos
Irgendwann aber kommen ihm Zweifel. Er fragt seinen Chef, den alle nur „den großen Mischka“ nennen, was in dem Callcenter abläuft. Der gibt ganz offen zu, dass die etwa hundert Mitarbeiter ahnungslose Opfer im deutschsprachigen Raum um ihr Vermögen bringen.
Mit einem großangelegten Betrug, der den mehr als 400 Geschädigten riesige Gewinne verspricht, wenn sie in Kryptowährungen investieren. Dadurch erbeutet die Bande, die von der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg zur Organisierten Kriminalität gezählt wird, im Laufe der Zeit über mehrere Cyber-Trading-Plattformen mehr als 26 Millionen Euro.
Die Bamberger Zentralstelle Cybercrime überführt die Bande
Ans Aufhören ist nach all der Zeit nicht zu denken. Zu tief steckt der Mann in den mafiösen Strukturen. Zumal man ihn warnt, wenn er das Callcenter verlasse, werde er seine Ehefrau und die kleine Tochter nie mehr wiedersehen. „Die haben mich benutzt und mein Leben zerstört“, so der Mann auf der Anklagebank.
Vor drei Jahren ist dann doch alles zu Ende. Die Zentralstelle Cybercrime Bayern in Bamberg lässt mit Hilfe mazedonischer Ermittler an einem „Action Day“ die Betrügerbande auffliegen. Das Callcenter wird durchsucht, Beweismittel werden sichergestellt. Nur den Mann findet man nicht. Er hat sich mit der Familie nach Italien abgesetzt. Ob er gewarnt worden ist, oder es sich nur um ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen handelt, bleibt während der Verhandlung am Landgericht Bamberg unklar.
Der Angeklagte sitzt in der JVA Bamberg
An seiner Freiheit kann er sich aber nicht lange erfreuen. Die Zielfahnder spüren ihn in Rom auf. Er landet einige Wochen in Auslieferungshaft im berüchtigten Regina-Coeli-Knast und sitzt seither in Untersuchungshaft in der JVA Bamberg.
Am Landgericht Bamberg gelten auf Anordnung des Vorsitzenden Richters Jochen Götz erhöhte Sicherheitsmaßnahmen. Welche genau, das soll nicht verraten werden. Immerhin rechnet man mit Racheakten, weil der Mann im Gefängnis sein Schweigen gebrochen hat. „Ich habe Angst um mein Leben und meine Familie.“ Denn in Albanien tickten die Uhren in Sachen Gewalt anders, so sein Strafverteidiger André Wallmüller aus Essen. Sogar an Suizid habe der Mann in seiner Zelle gedacht.
Amtsgericht Bamberg: Der Angeklagte gibt sein Wissen preis
Im Gerichtsaal gesteht der Mann seine Beteiligung und nennt Namen. Allerdings sind es solche, die man bei der Kriminalpolizei für Zentralaufgaben in Bayreuth schon kennt. Zudem fehlen die großen Fische. Was in solch mafiösen Systemen mit vielen kleinen Rädchen und kaum Kontakten zu den Hintermännern aber nicht ungewöhnlich ist.
Aber was er weiß, das gibt der Mann preis. Die übrigen Erkenntnisse sammeln die Ermittler aus Bayreuth. Sie stoßen immer wieder auf dieselben Decknamen, Telefonnummern, IP-Adressen und Software-Accounts. Damit können sie nachweisen, dass mehrere Callcenter ein dutzend Cyber-Trading-Plattformen betrieben haben.
Der Fünfte Strafkammer verhängt eine Freiheitsstrafe
Am Ende verurteilt die Fünfte Strafkammer den bislang nicht vorbestraften Mann wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betruges zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren. Er muss die 31.000 Euro Gehalt als Tatertrag abgeben, die er im Laufe der fast drei Jahre erhalten hat.
Zudem hat er die zivilrechtlichen Ansprüche zweier Betrugsopfer aus München und Prien am Chiemsee anerkannt. Es geht um Schadenersatz von fast 34.000 Euro. Ob der Gerichtsvollzieher allerdings jemals etwas pfänden kann, steht in den Sternen.













