Mit dem Stück „Das Vermächtnis“ eröffnet das Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater am 6. Oktober die neue Saison. Darüber setzte Intendantin Sibylle Broll-Pape am Mittwoch die Theateröffentlichkeit in Kenntnis.
Hinter dem Bamberger Theater liegen aufwühlende Wochen. Broll-Pape wollte ihren Vertrag als Intendantin um zwei Jahre bis 2027 verlängern. Was lange Zeit als verwaltungspolitische Formalie erschien, geriet in seinem letzten Akt zu einem bühnenreifen Drama. Als der Vorhang sich senkte, hatte der Bamberger Stadtrat den Daumen gesenkt.
Zuvor hatte sich Broll-Pape für ihren Führungsstil rechtfertigen müssen und auch für ein Theater, das nach Ansicht ihrer Kritiker die politische Belehrung gegenüber dem erbauenden Kunstgenuss bevorzuge.
Ein Stadttheater steht unter Legitimationsdruck
Anders als die freie Szene kann sich ein mit öffentlichen Mitteln finanziertes Stadttheater tatsächlich keinen elitären Kulturbegriff erlauben.
Aus diesem Grund darf sich das E.T.A.-Hoffmann-Theater auch nicht allein an Auszeichnungen und Jury-Preisen messen. Der entscheidende Parameter ist der Zuspruch des heimischen Publikums. Ein Stadttheater ohne Publikum würde sich nicht nur selbst verleugnen. Es würde auch gegen seinen Daseinszweck verstoßen.
Deshalb muss Broll-Pape noch lange kein gefallsüchtiges Theater für die Massen machen. Für ein breites, kulturell grundsätzlich aufgeschlossenes Publikum dagegen schon.
Dieser Verpflichtung ist sich die Intendantin auch bewusst. „Das heißt aber nicht, einfach dem Publikumsgeschmack hinterherzulaufen“, sagt Broll-Pape. Stattdessen gelte es, „unser Publikum immer wieder aufs Neue zu überraschen".
„Das Vermächtnis“ verleiht dem Theaterverständnis Broll-Papes eine konkrete Form. Der amerikanische Dramatiker Matthew Lopez entwirft darin ein breites Tableau homosexueller Figuren. Sie alle verbindet die Sehnsucht nach Liebe, einem glücklichen Leben und einem sicheren Ort in der Welt.
"Das Vermächtnis" verknüpft das Amerika der Gegenwart mit den Erfahrungen, die Homosexuelle in den Jahren der HIV-Epidemie erleiden mussten. Broll-Pape wird das Stück in zwei Teilen auf die Bühne bringen.
Kim de l’ Horizon schreibt ein Volksmärchen neu
Den Auftakt in der Studiobühne bestreitet eine deutsche Erstaufführung. Wilke Weermann inszeniert ein Stück von Kim de l’ Horizon. Für seinen Roman „Blutbuch“ wurde ihm 2022 der Deutsche Buchpreis zugesprochen.
In „Hänsel & Greta & The Big Bad Witch“ überschreibt de l’ Horizon ein deutsches Volksmärchen mit den Erzählungen von Klimawandel, gesellschaftlichen Kooperationskrisen und selbst berufenen Weltrettern. Dramaturg Armin Breidenbach antizipiert ein „abgefahrenes und trashiges Stück“.
Bei aller Leidenschaft für zeitgenössisches Theater: Sibylle Broll-Pape ist nicht blind für die Vergangenheit. In der kommenden Saison stehen mit Goethes „Werther“ und Schillers „Maria Stuart“ gleich zwei Klassiker auf dem Spielplan.
Dass sich das E.T.A.-Hoffmann-Theater auch auf die Inszenierung kanonisierter Stücke versteht, bewies zuletzt Regisseur Philipp Arnold auf besonders eindrucksvolle Weise. Sein formal selbstbewusster Zugriff auf Büchners „Dantons Tod“ zählt zu den Glanzstücken der laufenden Saison.
In der neuen Spielzeit wird sich Arnold „Maria Stuart“ annehmen. Dramaturgin Petra Schiller verspricht einen „packenden Politthriller über zwei Herrscherinnen, die im Zentrum einer von Männer beherrschten Welt stehen“.
Zu großen Erwartungen Anlass gibt das Auftragswerk „Jahre ohne Sommer“. Amanda Lasker-Berlin setzt sich darin mit der Verfolgung und Ermordung von als Hexen denunzierter Frauen im 30-jährigen Krieg auseinander.
Auch in "Jahre ohne Sommer" zielt das E.T.A-Hoffmann-Theater auf psychodynamische Kontinuitäten, die das Gestern mit dem Heute verbinden.
Philine Bührer verlässt das Ensemble
Die Stunde der Bewährung schlägt für Marlon Otte. Der junge Regieassistent darf das Jugendstück „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“ inszenieren. „Marlon Otte bekommt das ganz sicher großartig hin“, sagte Broll-Pape.
Auch ihrem Ensemble flocht die Intendantin am Mittwoch rhetorische Girlanden. „Wir haben derzeit großartige Schauspielerinnen und Schauspieler."
Mit Jeremias Beckford zählt das Ensemble in der kommenden Saison nur einen einzigen Neuzugang. Die in der laufenden Saison pausierende Ewa Rataj kehrt zurück, im Gegenzug verlässt Philine Bührer des Ensemble.
Die Premieren in der Spielzeit 2023/2024
Das Vermächtnis, Teil 1 (Matthew Lopez) am 6. Oktober 2023
Hänsel & Greta & The Big Bad Witch (Kim de’ l Horizon) am 8. Oktober 2023
Die Leiden des jungen Werther (Johann Wolfgang von Goethe) am 10. November 2023
Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch (Michael Ende) am 11. November 2023
Marie-Antoinette oder Kuchen für alle! (Peter Jordan) am 1. Dezember 2023
Jahre ohne Sommer (Amanda Lasker-Berlin) am 19. Januar 2024
Das Vermächtnis, Teil 2 (Matthew Lopez) am 26. Januar 2024
Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte (Dita Zipfel) am 8. März 2024
Maria Stuart (Friedrich Schiller) am 15. März 2024
Olm (Philipp Gärtner) am 26. April 2024
Die Ärztin (Robert Icke) am 3. Mai 2024
Das Spiel von Liebe und Zufall (Pierre Carlet de Marivaux) am 29. Juni 2024
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