Seit gut einer Woche läuft für die Basketball-Nationalmannschaft der Vorbereitungs-Countdown Richtung Olympia (erstes Gruppenspiel am 27. Juli gegen Japan). Als amtierender Weltmeister gehören die deutschen Korbjäger mit dem NBA-Quartett Dennis Schröder, Franz und Moritz Wagner sowie Daniel Theiss zu den „Gejagten“. An den großen Erfolgen in den beiden letzten Jahren mit EM-Bronze und dem WM-Gold gebührt auch Armin Andres, seit 2014 DBB-Vizepräsident und Verantwortlicher für den gesamten Leistungssport von der U16 bis zu den Olympia-Teams der Herren und Damen, ein hoher Anteil abseits des Parketts.
Der Bamberger, der von 1984 bis 1991 in seiner Geburtsstadt für den FC und TTL auf Korbjagd ging und von 1999 bis 2001 als Headcoach des TSK Bamberg fungierte, ist olympiaerfahren: Nach 1992 als Spieler in Barcelona (Siebter, bislang beste DBB-Platzierung) und als DBB-Vize 2021 in Tokio steht er nun vor seinem Olympia-Triple.
Im Interview gibt der 146-fache Nationalspieler einen Einblick in seine Olympia-Erinnerungen als Aktiver und seine Rolle im Vorfeld des Großereignisses, spricht aber auch über den Vorrundenstandort Lille und das Problemfeld Eröffnungsfeier sowie die Situation bei den Damen und 3x3, die mit ihren Qualifikationen schon jetzt für ein deutsches Basketball-„Sommermärchen“ sorgen. Nicht zu vergessen: Wer wird Nachfolger von Gordon Herbert?
DBB-Vizepräsident Armin Andres im Interview
Herr Andres, gehen wir über drei Jahrzehnte in Ihrer Basketball-Vita zurück: Olympische Spiele Barcelona 1992: Welche Erinnerungen, ob nun aktiv auf dem Parkett oder im olympischen Dorf, bleiben unvergesslich und gibt es da noch Erinnerungsstücke?
Armin Andres: Das damalige „Dream Team“ der USA mit Michael Jordan, Charles Barkley, Magic Johnson etc. überschattete nicht nur das Basketball-Turnier. Das war die Crème de la crème. Dazu kamen natürlich noch viele andere Ausnahmesportler wie Boris Becker, der bekanntlich ja großer Basketball-Freund ist, und Steffi Graf. Während die Amerikaner nicht im olympischen Dorf untergebracht waren, wurden Graf und Becker wie die anderen Superstars mit Rang und Namen immer umlagert und um Fotos gebeten. Als die US-Stars einmal zum Pizza-Essen auftauchten, musste die Mensa wegen des Ansturms sogar gesperrt werden.
Ich erinnere mich auch gut daran, wie uns Coach Svetislav Pesic zum Training bat und die NBA-Stars wie Michael Jordan aus ihrem Nobel-Hotel mit dem Hubschrauber zum Golfen flogen. Tags darauf erteilten sie uns eine Basketball-Lektion. Im Vorrundenspiel gegen USA wurden wir mit „50“ so richtig abgezockt (Anm. d. Red.: 68:111-Niederlage). Auf dem Feld hatte ich es mit Scottie Pippen zu tun, war schon eine sehr ungewöhnliche Situation. Der Spielberichtsbogen dieses historischen Spiels hängt bei mir gerahmt im Arbeitszimmer und ist immer im Blickfeld wie das Foto mit Steffi Graf.
Eröffnungsfeiern sind bei Olympia immer besondere Momente. In diesem Jahr wird Dennis Schröder sogar als Fahnenträger gehandelt. Welchen zeitlichen Konflikt gibt es heuer in Frankreich?
Es ist ja ein spektakuläres Opening auf der Seine geplant. Sollten wir dort dabei sein wollen, ist unsere Rückkehr ins Hotel in Lille wohl erst zwischen 1 und 2 Uhr in der Nacht. Die erste Partie gegen Japan steht aber bereits um 13.30 Uhr an. Den Spielern haben wir die Fakten nahegelegt. Und sie müssen entscheiden, was sie wollen. Wir werden es vom Verband aus nicht verbieten und keinerlei Druck aufbauen. Sie sollen selbstständig entscheiden. Auch wenn die Zeremonie ohne Zuschauer in Tokio nicht mit dem Spektakel in Paris vergleichen kann. Wenn wir das 2021 verboten hätten, wäre wohl ein Mannschafts-Streik die Folge gewesen. Unterhält man sich mit Teilnehmern von 2008, als Dirk Nowitzki die Fahne trug, kommen alle Beteiligten ins Schwärmen. Ich bin sehr gespannt, wie die Mannschaft sich entscheidet.
Apropos Lille: Basketball ist in der Vorrunde komplett dort und 220 Kilometer entfernt an der belgischen Grenze, „ausgelagert“. Kann da Olympia-Feeling aufkommen?
Basketball gehört zu den Top-Mannschaftssportarten bei Olympia und ist nun so weit ab vom Schuss. Eine Katastrophe! Diese Planung war ein riesiger Fehler, es gibt zwar ein kleines olympisches Dorf, das aber eher einem eingezäunten Hotel gleicht. Die Amerikaner reisen immer aus Paris an, die haben auch ein anderes Budget. Das ist beim DBB einfach finanziell nicht machbar. Nach der Vorrunde geht es Gott sei Dank ins Pariser Zentrum, während dann die Handballer nach Lille müssen. Da haben wir also noch Glück gehabt.
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Seit dem Vorjahreserfolg sind wir nicht mehr der Underdog früherer Zeiten. Wir haben nun eine ganz andere Rolle, die natürlich viel schwieriger ist, denn jeder will den WM-Champion schlagen. Der Mannschaft ist dies voll bewusst und sie nimmt dies gut an. Schon in den ersten Besprechungen wurde gefordert und bekräftigt, dass unbedingt ein weiterer Step notwendig ist. Wir müssen nach EM und WM nun noch eine Schippe drauflegen, um erfolgreich sein zu können.
Gordon Herbert ist bekannt dafür, dass er früh „seine“ Top 12 festlegt. Erwartungsgemäß war der Würzburger Maxi Kleber, mit Dallas im NBA-Finale, kein Kader-Thema. Und auch Isaiah Hartenstein nicht, der angesichts seines „Monster“-Vertrags bei Oklahoma City Thunder Schlagzeilen macht. Warum nicht?
Von der Qualität her wäre Kleber natürlich ein Faktor, doch angesichts der Situation aus dem Vorjahr wollen wir das aktuelle Team nicht mit dieser Thematik strapazieren. Hartenstein ist ein Thema für uns, es gab schon Gespräche. Nach Olympia ist dies eine meiner Hauptaufgaben. Er kann zukünftig ein wichtiger Baustein werden.
„Ohne Armin Andres wären wir nicht Weltmeister geworden!“, betonte DBB-Präsident Ingo Weiss im April beim BBV-Jubiläum in Hallstadt. Mehr Wertschätzung geht eigentlich gar nicht. Welche Aufgabenbereiche meinte er wohl damit?
Ich begleite nun intensiv seit zehn Jahren den gesamten Profibereich, und es gelang mir als Ehrenamtler, einige organisatorische Bereiche, so zum Beispiel die Trainingsmöglichkeiten, zu verbessern. Da erst vor kurzem die Stelle des Sportdirektors besetzt werden konnte, hatte ich auch diese Zusatzaufgabe. Entscheidend ist wohl, dass ich es geschafft habe, den Kontakt zu den Spielern zu intensivieren. Es muss ein Umfeld da sein, dass die Leute gerne und mit Begeisterung kommen. Das war nicht immer so der Fall. Sie müssen sich respektiert fühlen.
Auch wenn ich heuer terminbedingt nicht in den USA war, mache ich doch viele Besuche. So in Mailand zu Maodo Lo und Johannes Voigtmann. Fragen und Probleme müssen frühzeitig geklärt werden. Bei den NBA-Klubs geht es vorrangig um Abstellungs- und Versicherungsfragen und ein gutes Verhältnis aufzubauen. Gut im Geschäft sind wir bei den Orlando Magic, dem Wagner-Klub. Denn einer ihrer Assistenztrainer, Bret Brielmaier, gehört bei uns zum DBB-Trainerstab.
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Im Prinzip lasse ich da die Spieler ganz in Ruhe, sie sollen sich auf ihre Vereinssituation konzentrieren. Ich kenne ja die Bundesliga-Szenerie ganz gut und sehe nur Handlungsbedarf, wenn es Probleme gibt. Eine besondere Situation gibt es natürlich bei den „Nachrückern“, die uns in den Qualifikations-Fenstern immer helfen. Letztlich ist für diesen Bereich aber unser Headcoach zuständig. Ich bin also nicht automatisch in der Brose-Arena, wenn ein Nationalspieler hier bei den Baskets antritt.
Sie gehören seit Jahren zum Stammpersonal auf der deutschen Bank und man kann sehr gut ihre Emotionen und das Mitfiebern beobachten. Wie können Sie in diesem „Tunnel“ eines Spiels die Schützlinge unterstützen?
Als ehemaliger Spieler und Trainer weiß man, was abläuft, was die Spieler denken und fühlen. Ich versuche stützend zu helfen, sie sind ja oft in einer gewissen Schockstarre. Ich lebe das Spiel mit und bin emotional sehr dabei. Dieses Mitleben ist wichtig. Bei der Vorbesprechung, in Auszeiten und auch in der Halbzeitpause halte ich mich komplett raus. Einzig im Vorfeld tausche ich mich mit unserem Trainerstab aus.
Zurück zu Olympia: Drei deutsche Teams sind am Start. Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten? Und macht es Sinn, in der Vorbereitungsphase auf Gruppengegner Japan und Frankreich zu treffen und auch gegen USA in London zu spielen?
Es muss alles passen und dazu ein Quäntchen Glück, dann ist eine Medaille drin. Das Erreichen des Halbfinals wäre schon eine große Geschichte, ist aber keineswegs utopisch. Nachdem wir erstmals in der Geschichte direkt qualifiziert sind, haben wir früh unser Programm festgelegt. Es war Zufall, dass die Gruppen nun so ausgelost wurden. In der heutigen Zeit ist dies nicht mehr ausschlaggebend, das Scouting ist so perfekt, dass man alles weiß. Hat also keinen Einfluss auf Olympia, auch wenn sicher etwas taktiert wird. Wie man im Vorjahr gesehen hat, macht auch das Treffen mit den USA Sinn. Das war ein Glücksgriff. Wir haben bemerkt, dass die US-Boys keine Übermacht sind und dadurch Selbstvertrauen gewonnen (Anm. d. Red.: 91:99 in Abu Dhabi).
Die Damen wollen das Unmögliche schaffen. Sie werden nach den jüngsten Erfolgen selbstbewusst an die Vorrundenspiele rangehen, haben aber mit dem „unschlagbaren“ USA-Team, dem Asienmeister Japan und Europameister Belgien drei Hochkaräter als Gegner. Die 3x3-Damen haben gute Medaillenchancen. Sie trainieren seit drei Jahren am Stützpunkt in Hannover, sind im weltweiten Ranking weit vorne und es sind nur acht Mannschaften am Start.
Zehn Monate sind seit dem WM-Triumph vergangen. Was hat der Titelgewinn bislang für Auswirkungen beziehungsweise Strahlkraft?
Seit der EM hat der Basketballsport großen Zulauf bekommen; allein im Minibereich über 50.000 Kinder. Insgesamt haben wir uns auf um die 250.000 Spielerpässe gesteigert. Limitierende Faktoren sind leider die Hallenkapazität und die Anzahl der Trainer. Wir sind damit die Mannschaftssportart, die die positivste Entwicklung gemacht hat.
Auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist viel größer geworden. Wir sind „Mannschaft des Jahres“, haben den Bambi bekommen (Anm d. Red.: derzeit in Andres-Besitz), wurden beim Sportpresseball geehrt und werden vom DOSB in Paris noch ausgezeichnet. Bei den Printmedien ist der Hype etwas abgeklungen und leider setzen die Öffentlich-Rechtlichen nur ganz wenig auf Basketball. Auf die BBL hatte der Titel keinen großen Einfluss gehabt.
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Nach Olympia erwartet die Sportöffentlichkeit in Kürze den Nachfolger von Medaillen-„Macher“ Gordon Herbert. Wie groß sind die Schuhe für den Nachfolger?
Angesichts des sensationellen Drei-Jahres-Plans von Gordon Herbert steht der Nachfolger sicher vor einer großen Herausforderung. Der Rucksack ist riesig, aber es beginnt auch ein neuer Zyklus. Sollten einige Spieler nach Olympia ihre DBB-Karriere beenden, muss dem Neuen nicht bange sein. Die „Next Generation“ steht schon in den Startlöchern, das Gerüst bleibt und wir setzen weiterhin auf gute Teamchemie und mannschaftliche Geschlossenheit.
Dass Gordie von vielen Top-Teams angefragt wird, ist zu verstehen. Die Abkopplung von einem Verein hat bei uns höchste Priorität, unser Headcoach soll das Team ganzjährig betreuen und beobachten. Ich führe seit Wochen Vorgespräche mit potenziellen Kandidaten, habe eine Liste, die sich täglich ändert. Umfang im einstelligen Bereich. Wir suchen intensiv.
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