Von Ermreuth nach Igensdorf sind es nur wenige Kilometer. Oben im Wald steht eine kleine Hütte. Zwei Brüder laden ihre Freunde hierher ein. Zum Feiern. Das Land schwankt da zwischen Lockdown, Homeoffice und Kurzarbeit. Von der Kritik an den Corona-Maßnahmen zu rechten Ideologen sind es manchmal nur ein paar Klicks.
Einmal ist auch eine junge Frau da oben in der Hütte. Er hat sie eingeladen. Zwischen den Beiden, die sich seit der Kindheit kennen, entwickelt sich gerade eine Liebschaft. Doch dann sieht die junge Frau in der Hütte eine Reichskriegsflagge hängen, sie erkennt die Bedeutung. Als dann noch rechte Parolen fallen, ergreift sie die Flucht. Sie spricht nicht mehr mit ihm.
Das Urteil
So hat all das angefangen, was in der jüngsten Silvesternacht zu dem Brandanschlag auf die Synagoge Ermreuth geführt hat. Der 22-jährige Täter ist jetzt, fast sechs Monate später, schuldig gesprochen worden. Zwei Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe, der Angeklagte bleibt damit in Haft. Eine Bewährungsstrafe kam für das Gericht nicht in Frage.
Er hat die Tat gestanden, seine rechtsextreme Gesinnung eingeräumt. Sich entschuldigt, bei den Ermreuthern, dem Bürgermeister, den Juden in Deutschland.
Doch was ist in der Nacht wirklich passiert? Fest steht: Der Tag beginnt früh für den späteren Täter. Am Morgen bricht er zu einer Treibjagd auf, sein Bruder ist dabei. Gegen Mittag sind sie zurück, es folgt ein gemütliches Beisammensein beim Jagdpächter, es gibt Bier, es gibt Schnaps.
Lesen Sie auch:
Interesse an Nazi-Propaganda
Er geht zwischendurch immer wieder raus, zum Rauchen. Dabei schaut er auf sein Handy. Googelt. Nach dem „Helden von Narvik“, einem Wehrmachtsgeneral, den die Nazi-Propaganda immer wieder verherrlicht hat. Er prüft über die Suchmaschine nach, ob das Lied „Das wahre Deutschland“ der Rechtsrock-Band „Stahlgewitter“ noch zu finden ist. Ist es. „Passt“, denkt er sich und geht wieder rein.
Irgendwann beschließen er, sein Bruder, dessen Freundin und die Tochter des Jagdpächters, zusammen mit dem Taxi nach Ermreuth zu fahren. Im Gasthaus „Zum weißen Lamm“ bestellt er 66 Gespritzte. Doch so viele Asbach-Cola will die Wirtin den Vieren nicht bringen. Schließlich wollen sein Bruder und die beiden jungen Frauen zurück in ihren Heimatort, um dort das neue Jahr zu begrüßen.
Hass auf Synagoge
Er will bleiben. Drüben im Hinterhof feiert ein Bekannter, seine besten Freunde sind auch da. Und die junge Frau von damals. Jahrelang haben sie kein Wort gewechselt, jetzt sagt sie zumindest „Hallo“. Doch auch an diesem Abend ist wieder mal von „scheiß Juden“ die Rede, die man „wegsprengen“ müsse.
„Im Freundeskreis ist die Synagoge nicht gerade beliebt“, sagt die junge Frau gut ein halbes Jahr später vor Gericht aus. Aber ob der Angeklagte an diesem Abend von den Parolen und der Idee, mal einen Feuerwerkskörper in die Synagoge zu schießen, etwas mitbekommen hat, kann sie nicht bezeugen.
Schließlich ist es Mitternacht, auf der Straße werden Silvesterraketen gezündet. Er geht die wenigen Meter rüber zur Synagoge. Zieht sich die Kapuze über den Kopf, darunter eine Kappe mit der Aufschrift „Unbeugsam“. Geht noch mal zurück, kommt gut 30 Sekunden später wieder. In der Hand hat er einen Feuerwerkskörper.
Katastrophe wäre möglich gewesen
Es ist so eine Fontäne, die man auf den Boden stellt. Nach dem Anzünden sprüht sie glühende Eisenteile in die Luft, bis zu sechs Meter hoch, drei Minuten lang. Versuche des Landeskriminalamts zeigen, so berichtet es ein Sachverständiger vor Gericht, dass der Feuerwerkskörper durchaus Türen, Möbel oder Fußabtreter in Brand setzen kann. Dann ist es theoretisch auch möglich, dass das Feuer auf das ganze Gebäude übergreift.
Er klettert auf die Bank, die vor der Synagoge steht, schlägt die Fensterscheibe ein, versucht dann mit einem Feuerzeug, die Fontäne anzuzünden. Doch es klappt nicht. Er geht wieder zurück zu den anderen. Sie fragen, was mit seiner Hand ist. Dann feiert er weiter, bis er gegen fünf Uhr früh auf einer Bank im Ort einschläft. Als er am Neujahrsmorgen aufwacht, läuft er nach Hause. Aber nicht in seine Wohnung nach Eckental, sondern zu seinen Eltern in einem Ortsteil von Igensdorf.
Bekannt als fleißiger Junge
Dort kennt man ihn, die Dorfgemeinschaft schätzt ihn. Er arbeitet als Mechaniker in einer Fabrik in Nürnberg. Wenn er von der Schicht kommt, hilft er dem Vater auf dem Bauernhof. Er hat sogar einen eigenen Mähdrescher und einen Bagger, mit denen er sich nebenbei noch etwas dazuverdient: ein fleißiger Junge. Die Mutter ist sich sicher: „Der wählt CSU.“
Doch sein Handy spricht eine andere Sprache. Dort finden sich Hakenkreuze, die Chiffren 88 und 18, die für „Heil Hitler“ und „Adolf Hitler“ stehen. Es sind zahllose Lieder darauf mit rechtsextremen Texten. Und immer wieder googelt er nach rechten Inhalten. Vom Sommer 2022, in dem er sich eine eigene Wohnung nimmt, bis zur Tat sind es mehr als 50 Suchanfragen. Darunter nach der Wehrsportgruppe Hofmann.
Und die hat wiederum eine ganz besondere Verbindung zu Ermreuth. Denn hier, im Schloss mitten im Ort, hatte die rechtsextreme Miliz in den 1970er Jahren ihr Hauptquartier. Auch wohnt ihr Gründer Karl-Heinz Hoffmann noch immer dort. Auf YouTube veröffentlicht er immer wieder Videos.
Tat weckt schlimme Erinnerungen
Im Januar 1980 wurde die Gruppe als verfassungsfeindlich eingestuft und verboten. Einige Monate später verübte ein früheres Mitglied der Gruppe das Oktoberfestattentat, im Dezember 1980 erschoss ein anderes ehemaliges Mitglied der Gruppe einen jüdischen Verleger und dessen Lebensgefährtin in Erlangen – nur gut zwölf Kilometer entfernt von Ermreuth.
Jetzt, nach seiner Tat, ist Ermreuth erneut bundesweit in den Schlagzeilen. Als der Ort, an dem jemand versucht hat, eine Synagoge anzuzünden. Vielen Juden macht das Angst. Es weckt Erinnerungen an ganz dunkle Zeiten. Doch diese Zeiten hätten die Lieder, die er auf seinem Handy hat, anscheinend gerne wieder zurück.
Lesen Sie auch:













