Mein Atemschutzgerät sitzt, ebenso Helm und Handschuhe. So schnell wie möglich klettere ich aus dem HLF 20, unserem Hilfeleistungslöschfahrzeug. Vorab hatte mich Gruppenführer Michael Götz mit Leinendecke, Schlauch, Werkzeug und Rauchvorhang ausgerüstet. Gemeinsam mit meinem jungen Feuerwehrkameraden Daniel Herold stecke ich die Leiter zusammen, trage sie zum brennenden Haus und klettere hinauf.
Mit jeder Sprosse steigt mein Puls.
Gleich ist das Fenster erreicht. Gleich wird es richtig brenzlig.
Reporter im Selbstversuch - die Bilderserie
Sebastian Müller arrangiert Übung für Journalisten
„Stopp, super gemacht“, ruft Sebastian Müller. Leicht irritiert wende ich mich hinab zum Kommandanten der Freiwilligen Feuerwehr Kirchehrenbach und begreife, dass es in dem Fenster vor mir gar nicht brennt.
Dass ich an diesem kalten Spätherbstabend nur an einer Übung teilnehme. Dass niemand wirklich in Gefahr ist und ich entspannt wieder nach unten klettern darf.
Selbstversuch bei der Feuerwehr Kirchehrenbach
Schnell bekomme ich ein Gefühl dafür, wie stark das Adrenalin ins Blut der Feuerwehrleute schießen muss, wenn sie einen echten Einsatz erleben. Wenn mich die eigens inszenierte Übung, in der ich als Journalist einmal selbst in die Rolle der Retter schlüpfen darf, schon derart aufputscht.
Freiwillige Feuerwehr: 24 Stunden lang und jeden Tag bereit
„Zum Glück ist Kirchehrenbach in den vergangenen Jahren von großen Brandeinsätzen und ähnlichen schlimmen Ereignissen weitgehend verschont geblieben“, sagt Müller, der die 54 in Kirchehrenbach aktiven Frauen und Männer der Feuerwehr dirigiert.
Nichtsdestotrotz müssen seine Leute, wie alle Freiwilligen, stets auf den Ernstfall vorbereitet sein. Tag und Nacht. „Unser Pager ist 24 Stunden auf Empfang“, sagt Müller.
Auch wenn es nicht ständig Einsätze gäbe; mit Lehrgängen und regelmäßigem Training kommen da einige Stunden zusammen. Allein das Team der Kirchehrenbacher Feuerwehr hat im Jahr 2022 mehr als 5100 Stunden geleistet. Allesamt ehrenamtlich.
Das bedeute für die Freiwilligen zwar einen Spagat zwischen Familie, Beruf und Rettungswesen. „Aber das Ergebnis ist die größte Motivation“, so Müller.
Übung bei der Feuerwehr zeigt, was die Freiwilligen leisten
Dies merke ich schon bei mir. Szenario zwei der Übung: Eine eingeklemmte Person gilt es aus einem Auto zu befreien. Ich wuchte den viel schwerer als gedachten hydraulischen Spreizer aus der Halterung, laufe zum Wagen.
Trotz fachkundiger Anweisungen brauche ich lang, um die Tür aus dem Auto zu bekommen. Wenn ich mir vorstelle, dass in der Realität ein Menschen hinter der anderen Seite des Bleches all seine Hoffnungen auf meine Fertigkeiten projiziert, wird mir ganz anders.
Aber nachdenken ist nicht angesagt. Sondern machen. Schließlich schaffe ich es doch noch, die Tür ist raus. Jetzt könnten sich Notfallsanitäter um den Verletzten kümmern. Erleichtert klappe ich mein durch die Anstrengung beschlagenes Visier nach oben.
Es gibt heute keine Sanitäter. Auch keine Verletzten. Was für ein Glück.
Über die 122 Feuerwehren im Landkreis Forchheim
Wer Sebastian Müller mit leuchtenden Augen über „seine“ Feuerwehr erzählen hört, versteht, warum kleine Kinder so versessen auf Feuerwehrautos sind und warum manche es ihr ganzes Leben lang bleiben.
Man tut Gutes, man wird gebraucht, man erlebt eine unfassbar enge Gemeinschaft.
Insgesamt gibt es fast 4700 aktive Männer und Frauen im Landkreis Forchheim, verteilt auf 122 Freiwillige Wehren und eine Werksfeuerwehr. Durch die flächendeckende Verteilung schaffen es die Retter in der Regel, in den vorgegebenen achteinhalb Minuten am Einsatzort zu sein. Im Durchschnitt brauchen sie sogar nur vier.
Zwar sind Kommunen verpflichtet, eine Feuerwehr vorzuhalten. „Wie gut die funktioniert, steht und fällt aber mit motivierten Menschen im Ort“, so Müller.
Kreisbrandrat Oliver Flake: Unsichere Zeiten nach Pandemie
Das weiß auch Oliver Flake, als Kreisbrandrat der oberste Feuerwehrler im Landkreis.
„Wir waren skeptisch, ob und wie es nach Corona weitergehen kann.“ Während der Pandemie fielen viele Übungen und Lehrgänge aus, es drohte ein Nachwuchsproblem.
„Aber wir sind im Großen und Ganzen gut durchgekommen. In der Jugendarbeit können wir sogar ein großes Plus vermelden“, sagt Flake. Dennoch möchte er nicht verhehlen, dass mit der unsicheren finanziellen Zukunft mancher Kommunen auch die Feuerwehren verängstigt auf kommende Budgets blicken.
„Momentan muss sich bei uns aber keiner Sorgen machen, dass einmal keine Feuerwehr mehr kommt.“
Freiwillige Feuerwehr: Wer dabei sein kann und was er tun muss
Bereits ab sechs Jahren können Kinder bei der Feuerwehr beginnen, anfangs sehr spielerisch. Schon ernster wird es bei der Jugendfeuerwehr ab zwölf Jahren, in der die Grundkenntnisse erlernt werden.
Wer die 100 Stunden Grundausbildung absolviert hat und mindestens 18 Jahre alt ist, darf dann zu echten Einsätzen mitfahren. In Kirchehrenbach sind es durchschnittlich etwa 30 im Jahr, landkreisweit mussten die Feuerwehren im vergangenen Jahr insgesamt fast 1600 Mal ausrücken.
Sebastian Müller berichtet stolz, dass aktuell wieder ein solcher Grundkurs läuft. Und zwar erlernen darin nicht nur fünf Eigengewächse aus der Jugendarbeit das Feuerwehr-Handwerk, sondern auch ein Quereinsteiger. Ein aus der Ukraine Geflüchteter, fügt er hinzu.
Respekt vor den Helfern der Freiwilligen Feuerwehr
Um mir und meinen Medienkollegen einen Einblick in die Welt des Feuerwehrwesens zu bieten, haben sich Sebastian Müller, Daniel Herold und Michael Götz mächtig ins Zeug gelegt.
So wie sie es eigentlich immer tun. Auch abseits des Scheinwerferlichts. Ich lege am Ende dieses kräftezehrenden Abends mehr als nur meine Leihuniform ab und ziehe den Helm vom Kopf.
Ich ziehe vor allem meinen Hut. Davor, was diese Frauen und Männer täglich leisten. Weil sie die Welt ein Stück sicherer machen wollen. Auch wenn ich hoffe, sie nie anrufen zu müssen. Es beruhigt mich, dass es sie gibt.
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