Eine Hose, einen Pullover. Mehr hat Paula Kastl aus ihrem alten Leben nicht mehr im Schrank hängen. Ihr altes Leben, das sie noch immer versucht, hinter sich zu lassen. Wofür sie auf einem sehr guten Weg ist, aber noch immer mittendrin steht.
Paula Kastl war stark übergewichtig. 160 Kilogramm zeigte die Waage noch vor ein paar Jahren an, bei einer Größe von 1,61 Meter. Mittlerweile hat die 25-Jährige ihr Gewicht halbiert und will anderen Menschen Mut machen. Daher teilt sie ihre beschwerliche Reise seit Jahren mit ihren Followern auf Instagram und TikTok, um das sensible Thema in den Blickpunkt zu rücken.
Adipositas: Volkskrankheit in vielen Industrieländern
„Es geht nicht um verschobene Schönheitsideale“, sagt Kastl. Dies ist ihr wichtig, zu betonen. Bodyshaming, Abnehmwahnsinn, Instagramability– mit solchen rein äußerlichen Begriffen will die junge Frau nichts zu tun haben. Ihr geht es nicht um eine Speckrolle zu viel an der Bikinifigur, ihr geht es um Gesundheit und Wohlbefinden. Denn Adipositas, eine auch als Fettleibigkeit bezeichnete chronische Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit, gilt vor allem in vielen Industrieländern seit langem als Volkskrankheit.
Laut den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2021 gelten in Deutschland 62,4 Prozent der Männer als mindestens übergewichtig, bei den Frauen sind es 42,5 Prozent. Als adipös eingestuft sind 14,8 Prozent der Frauen und 18,7 Prozent der Männer. Tendenz: steigend. Zur Berechnung wird in der Regel der sogenannte Body-Mass-Index (BMI) genutzt. Der BMI wird so errechnet: Das Körpergewicht in Kilogramm wird durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat geteilt.
Body-Mass-Index von 60 Punkten: „Kein Leben mehr"
Überschreitet der BMI die Punktzahl 30, gilt man als adipös. Paula Kastls BMI lag zuletzt bei 60. „Ich hatte Bluthochdruck, meine Gelenke haben geschmerzt, ich habe ständig geschwitzt“, erzählt sie rückblickend. „Das war kein Leben mehr.“
Schon als Kind sei nicht schlank gewesen, erzählt sie. Schlimmer sei es dann zusammen mit ihrem ersten Freund geworden, seine ungesunde Lebens- und Ernährungsweise hatte auf sie abgefärbt. In kürzester Zeit nahm sie mehr als 50 Kilogramm zu, gemeinsam aßen sie viel Fast Food und Süßigkeiten. Zwei Jahre lang steckte sie in der Beziehung fest, wie sie heute sagt. Am Ende zeigte die Waage bereits 130 Kilogramm an. „So habe ich dann meinen jetzigen Mann kennengelernt, doch weil meine Essgewohnheiten blieben, schnellte die Anzeige hoch auf 160 Kilogramm.“
Abnehmen wollte sie eigentlich immer, nur geschafft hatte sie es nie, wie sie sagt. Mit zunehmendem Gewicht verschlechterte sich nicht nur ihr körperlicher Gesundheitszustand, sondern auch ihr seelischer. Vieles hatte die junge Frau über die Jahre ausprobiert, um ihr Gewicht auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Allerlei Diäten, Sportprogramme, Verzichtsübungen. Doch nichts half dauerhaft. Der sogenannte Jo-Jo-Effekt hatte immer wieder zugeschlagen. „Irgendwann hat mir mein Papa von einer möglichen OP erzählt. Dann hatte ich wieder Hoffnung.“
Magenbypass am Klinikum Forchheim erfolgreich
Bestätigt wurde die Hoffnung dann am 7. Oktober 2021 im Klinikum Forchheim. Nach monatelanger Vorbereitung, Ernährungsplänen und psychologischen Gutachten wurde Paula Kastl am Adipositaszentrum operiert. Man legte ihr einen sogenannten Magenbypass, bei dem der Magen einige Zentimeter unterhalb des Mageneingangs abgetrennt wurde, übrig blieb nur ein kleiner Restmagen. Dieser wurde dann direkt mit dem mittleren Dünndarm verbunden. Eine zweite operative Möglichkeit wäre gewesen, den Magen operativ um etwa 90 Prozent des Magenvolumens zu entfernen. Dieser sogenannte Schlauchmagen hätte dann nur noch ein Volumen von 85 bis 100 Milliliter.
„Mittlerweile schaffe ich wieder Kinderportionen“, sagt sie und lacht. Kurz nach der OP sei nach zwei Löffeln Suppe oder zwei Bissen ins Brot Schluss gewesen. „Mein Geschmack ist noch komplett da, auch esse ich fünf, sehr kleine Mahlzeiten am Tag. Hunger habe ich eigentlich keinen mehr, nur noch Appetit.“ Und es hat funktioniert. Heute, knapp drei Jahre später, hat sie nicht wieder zugelegt. Obwohl sie mittlerweile sogar Mama geworden ist, spricht sie noch immer positiv von ihrem Gewicht. Und doch steht ihr noch ein weiterer Kampf bevor. „Laut meines Chirurgen sind zehn von meinen 80 Kilogramm überschüssige Haut von damals. Leider will die Krankenkasse die Entfernung nicht bezahlen. Doch das ziehe ich auch noch durch“, sagt sie.
Adipositas Selbsthilfegruppe: „Oft ein Teufelskreis"
Solche Vorbilder braucht es, sagt Beate Kircheis. Sie gehört zum Orga-Team der Adipositas Selbsthilfegruppe Forchheim-Bamberg. Mehr als 100 Menschen vernetzen sich dort in WhatsApp-Gruppen, zu den Treffen kommen in der Regel 15 bis 30 Betroffene.
„Viele krankhaft Übergewichtige erleben zusätzlich zu ihrem persönlichen Beschwerden Diskriminierung und Beleidigungen im Alltag. Manche ziehen sich zurück, essen aus Frust. Ein Teufelskreis“, so Kircheis. Zumal sich das Gesundheitswesen erst langsam dem chronischen Krankheitsbild Adipositas öffne, Betroffene oft viel Energie in Verhandlungen mit Krankenkassen und Medizinern stecken müssten.
Selbsthilfegruppen wie ihre wollen da gegensteuern. „Bei uns trauen sich viele, den ersten Schritt zu machen.“ Da bei den meisten – wie bei Paula Kastl – der konservative Weg über Diäten nicht funktioniert, krankhaftem Übergewicht dauerhaft zu entgehen, spielen Themen wie Operationen und alternative Möglichkeiten wie Abnehmspritzen oder Magenballons eine große Rolle. Vielversprechende Behandlungsmethoden gibt es viele, nicht alle sind seriös. Kircheis rät den Betroffenen daher, sich bei einer unverbindlichen Infosprechstunde in einem Adipositaszentrum anzumelden oder sich bei einer Selbsthilfegruppe zu melden. Wichtig sei es für Betroffenen (auch und vor allem nach einer OP), dass sie langfristig professionell begleitet und betreut würden.
Paula Kastl ist ihren Weg ohne Selbsthilfegruppe gegangen. „Ohne die großartige Unterstützung meiner Familie und meines Mannes hätte ich es aber nicht geschafft“, sagt sie. Und muss es weiter schaffen. Die OP von damals bezeichnet sie als Notausstieg, als letzte Chance, wenn alles andere nicht funktioniert. „Essen ist früher besonders in schlechten Zeiten mein bester Freund gewesen“, sagt sie. Damit dies nicht wieder geschieht, muss sie weiter an sich und ihren Gewohnheiten arbeiten. Wahrscheinlich ein Leben lang. Eine Hose und ein Pullover helfen ihr dabei, dies nie zu vergessen.
Wo Betroffene im Landkreis Forchheim Hilfe finden
Adipositas Selbsthilfegruppe Forchheim-Bamberg
Gruppentreffen jeden dritten Donnerstag in Forchheim (Klinikum Forchheim, Konferenzraum U101) und jeden ersten Dienstag in Bamberg (Bürgerhaus, Rosmarinweg 1, neben der Brose-Arena). Infos unter: www.adipositas-shg-forchheim-bamberg.de
Adipositaszentrum Forchheim
Unverbindliche Informationsveranstaltungen, anschließend Adipositassprechstunde (kostenfrei und unverbindlich, Termine telefonisch unter 09191/610201 oder im Netz unter www.klinikum-forchheim.de
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