Etwa 400 Patienten. So viele zählt der Forchheimer Kinder- und Jugendarzt Thorsten Fröhlich derzeit in seiner Praxis in der Innenstadt. Jede Woche. „Viel mehr geht nicht mehr“, sagt er.
Derzeit häufen sich vor allem Grippefälle, vereinzelt merkt er noch die Nachwirkungen des Respiratorischen Synzytial-Virus, kurz RSV. Zwar gebe es solche Krankheitswellen wie aktuell grundsätzlich häufiger. Heuer kämen die hohen Fallzahlen aber recht früh und deutlich.
Ortswechsel, im Norden Forchheims, Georg-Hartmann-Realschule. „Wir sind gezwungen, am Mittwoch alle siebten Klassen zu Hause zu lassen“, erklärt Schulleiter Jürgen Kretschmann.
Sechs Klassen sind betroffen, insgesamt 160 Schüler. Wie lange der unfreiwillige Ausfall die Jugendlichen treffen wird, ist unklar. „Wir fahren auf Sicht und müssen von Tag zu Tag neu entscheiden“, sagt er.
Krisenmodus statt Vorweihnachtruhe
Derzeit seien 18 von 75 Lehrkräften an der Realschule erkrankt. Somit könne er auch keinen Distanzunterricht anbieten, sagt Kretschmann. Immerhin gebe es einen Notdienst für jene Familien, die auf die Schnelle keine Betreuung organisieren können.
Ob in den kommenden Tagen bis zu den Weihnachtsferien noch weitere Klassen nach Hause müssen und welche, könne Kretschmann im Moment nicht sagen.
Während die Kreis-Gymnasien auf Anfrage melden, aktuell keinen Krisenmodus fahren zu müssen, ist die Lage an den Grund- und Mittelschulen ebenfalls angespannt. Wie Schulamts-Chefin Cordula Haderlein sagt, sei mehr als jede zehnte Lehrkraft derzeit erkrankt.
Auch unter den Schülern gebe es viele Ausfälle. „Es ist so, dass aktuell nicht mehr jeder Unterrichtsausfall kompensiert werden kann“, sagt Haderlein. Manche Klassen seien schon zusammengelegt worden.
Seit Wochen kämpfen deutschlandweit vor allem Kinder gegen Infektionen mit RSV. Die Ansteckungen damit gehen zwar wieder leicht zurück. Hinzu kommen aber die ungewöhnlich frühe Grippewelle, andere Atemwegserkrankungen und nach wie vor zahlreiche Coronafälle.
Als dramatisch bezeichnet die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) vor allem die Lage in den Kinderkliniken (etwa in Bamberg, Erlangen und Bayreuth).
Durch hohe Krankenstände beim Personal in den Kliniken (jeder zehnte ist laut DKG erkrankt) und bei den niedergelassenen Ärzten weite sich das schnell auf alle Gesundheitsbereiche aus.
Viele Kranke, aber kaum Medikamente
Und ein weiteres Problem grassiert seit Wochen: die Medikamentenknappheit. Dies betrifft auch die Versorgung im Landkreis Forchheim.
Michael Burkard von der Don Bosco Apotheke in Forchheim erzählt von seinem derzeitig unbefriedigten Alltag: „Ich zähle im Moment 120 Lieferdefekte. Das bedeutet, dass ich all die Präparate auf dieser Liste derzeit nicht bestellen kann.“
Angefangen von Fiebersäften und Zäpfchen für Kinder erstreckt sich der Mangel bis hin zu Antibiotika, Krebsmedikamenten und Insulin.
„Wenn ich einem Kunden einmal alles geben kann, was er braucht, ist das fast ein Glücksfall“, so Burkard.
Die Menschen kämen schon aus den letzten Winkeln des Landkreises zu ihm, weil sie glücklos von Apotheke zu Apotheke tingelten.
Die Mediziner schlagen Alarm bis nach Berlin. Laut Deutscher Presseagentur (dpa) fordert der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Andreas Gassen staatliche Krisenhilfe.
Druck wird noch weiter zunehmen
Die Gesundheits-Experten blicken indes besorgt auf die Festtage. So warnt der Vorsitzende des Weltärztebundes Frank Ulrich Montgomery vor weiter steigendem Druck über den Jahreswechsel, wie die dpa meldet.
„Ich gehe davon aus, dass diese akute Krise in der Kindermedizin noch bis Februar andauert“, sagte er.
Die Zahl der Infektionsfälle werde nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen voraussichtlich in den kommenden Wochen noch weiter steigen.
Während sich die Schulen und andere Bildungseinrichtungen wie zum Beispiel Kitas nun nur noch bestmöglich bis zu den Ferien durchschlagen müssen, wird es für Menschen wie Thorsten Fröhlich und Michael Burkard anstrengend bleiben. An und über die Feiertage hinaus.
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