Während die Deutung des Ortsnamens Neuses keine Schwierigkeiten macht, bleibt die Wortherkunft von Poxstall mehrdeutig. Nach der Ortsnamensforscherin Dorothea Fastnacht tauchen beide Dörfer erstmals in Urkunden des 14. Jahrhunderts auf.
Neuses heißt so viel wie der „neue Sitz“. Es ist als „Newsezze prope Munreichsperg“ im Güterverzeichnis des Bischofs von Bamberg (1326-28) dokumentiert, was so viel heißt wie der „neuerbaute Wohnsitz bei Niedermirsberg“. Das kann der Hof gewesen sein, den der Bamberger Bischof einem ritterbürtigen Dienstmann als Lehen (zur Leihe) dafür gibt, dass er seine Burg Reifenberg verwaltet und militärisch leitet. Fastnacht vermutet aber, dass die Ortsgründung schon früher erfolgt sei und meint, dass das noch in der „Zeit des 1190 ausgestorbenen Geschlechts der Herren von Reifenberg“ gewesen sein könnte.
Als Ortsname taucht Neuses mehrfach auf, wie ein Blick ins Internet zeigt: allein in Bayern 21 Mal, davon ganz in der Nähe als Ortsteil von Eggolsheim, von Erlangen oder von Roßtal. Die heutige Schreibweise „Neuses“ hat sich aus Newsezze, über Newsez (1373), Neusezze (1374), Newses (1387) entwickelt, erscheint erstmals so im Jahr 1450, taucht aber auch danach in anderen Versionen auf.
Reh-, Ziegen- oder Schafbock
Poxstall: „Wo sich die Flur krümmt und Böcke sind“. Unbestritten ist die Bedeutung des Grundworts „-stall“, die sich aus dem Mittelhochdeutschen „stal“ herleitet und nicht wie heute nur einen Platz oder eine Stelle „zum Einstellen des Viehs“, sondern allgemein „Wohnsitz“ oder „Wohnort“ bedeutete. Dagegen ist die Erklärung für das in alten Urkunden unterschiedlich geschriebene Bestimmungswort „Pox-“ schwieriger. Vereinfacht steckt in ihm zunächst die Bezeichnung für ein Tier (Reh-, Ziegen-, Schafbock) oder eine Person, die so (Pog/Bog/Pock usw.) heißt. Es trägt aber andrerseits auch als „Bog“ die Bedeutung von „Bogen, Krümmung“ und meint dann die Lage des Orts.
Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass sich Poxstall tatsächlich am Hang zur Langen Meile hinauf „krümmt“. Dass dann hier 1489 ein „Hans Pogholtz“ in „Pogstal“ einen Hof innehatte, der zum Burggut Reifenberg gehörte, legt nahe, dass sich die Ortsbezeichnung an Geografie und Nutzung der Berghänge orientierte. Hier konnten Schafe weiden, Ziegen grasen und Rehe sich im Gebüsch verstecken.
Akten aus dem Stadtarchiv Ebermannstadt belegen, dass das Gelände für Neuses-Poxstall bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts Einnahmen einbrachte. Die „Ortseinwohner Neuses-Poxstall“, das heißt die Grundeigentümer, stimmten jährlich darüber ab, an wen, zu welchem Preis und welchen Bedingungen sie ihre „Schafhut“ verpachteten. Aus dieser Perspektive ist die Erklärung des Namens als ein Ort, an dessen Krümmung „Böcke“ sind, durchaus einleuchtend.
Die Landgemeinde Neuses-Poxstall
Beide Dörfer standen bis 1802/03 unter der Herrschaft der Bamberger Fürstbischöfe. Als Napoleon dann das Erste Deutsche Reich zu Fall brachte, die geistlichen Fürstentümer auflöste und das Kurfürstentum Baiern zum Königreich erhob, kamen Neuses und Poxstall unter bayerische Landeshoheit. Mit der Modernisierung der bayerischen Verwaltung wurden sie 1818 zu einer Gemeinde vereint. Nach den Städten bekamen auch die Dörfer auf dem Lande eigene Zuständigkeiten und Verantwortung und wurden sog. „Ruralgemeinden“.
Bis 1971 währte diese Selbstständigkeit, dann wurde Neuses-Poxstall nach Ebermannstadt eingemeindet. In dieser über 150 Jahre währenden Periode machten zwei Personen von sich reden.
Der eine war Lorenz Schriefer. Er wurde 1911 in Neuses-Poxstall geboren und stand 1933 im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Er hatte in Gaiganz, wo er als Dienstknecht angestellt war, in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai aus Eifersucht Josef Wiesheier niedergeschlagen und ihn am Rand des Dorfweihers bewusstlos liegen lassen. Wiesheier, 26 Jahre alt und aktiv bei der nationalsozialistischen SA, war im flachen Wasser ertrunken.
Begräbnis mit großem Pomp
Weil Gaiganz eine Hochburg der Bayerischen Volkspartei und Schriefer Mitglied ihrer schon zuvor aufgelösten Bayernwacht war, bauschten die Nationalsozialisten die Eifersuchtstat zu einem politischen Attentat auf. Noch am selben Tag kamen 19 Gaiganzer in Schutzhaft. Wiesheier wurde vier Tage später mit großem Pomp zu Grabe getragen. An die 20.000 Personen sollen daran teilgenommen haben, darunter bis zu 6000 uniformierte SA-Männer mit ihrem Stabschef Ernst Röhm und Gauleiter Hans Schemm an der Spitze.
Schriefer wurde am 27. Juli 1933 in einem nur zwei Tage dauernden Prozess wegen Mordes zum Tode verurteilt. Das Schwurgericht ging nicht auf die näheren Tatumstände ein und ließ auch unberücksichtigt, dass Schriefer mit fünf Maß Bier betrunken war. Eine Revision wurde abgelehnt, ebenso wie sein Gnadengesuch an Reichsstatthalter Ritter von Epp. Am 9. September 1933 wurde Schriefer in Ebrach durch das Fallbeil hingerichtet und sein Leichnam der Anatomie in Würzburg überlassen.
Eine sehr lange Amtszeit
Der „Wirtshanni“ war Bürgermeister von 1919 bis 1953. Ob es das woanders auch gab? Dass ein Bürgermeister von der Weimarer Republik über NS-Diktatur, Kriegsende und Besatzungszeit bis in die Bundesrepublik ununterbrochen im Amt blieb? In Neuses-Poxstall war das der Fall: Der Gastwirt Johann Kraus (1877 bis 1967) wurde nach dem Ersten Weltkrieg Bürgermeister und bis 1933 immer wiedergewählt, war Mitbegründer der Feuerwehr und des Krieger- und Militärvereins.
Im „Dritten Reich“ blieb er im Amt, weil in Neuses-Poxstall die NSDAP nicht Fuß fassen konnte. Bei Reichstagswahlen hatte sie vor Hitlers Machtübernahme jeweils nur eine Stimme, danach im März 1933 ganze fünf erhalten. Wohl oder übel musste der „Wirtshanni“ im „Dritten Reich“ im Amt belassen werden wie auch fast alle Gemeinderäte, die 1929 noch demokratisch gewählt worden waren.
Sehr oft wieder gewählt
Offensichtlich honorierte die amerikanische Besatzung nach 1945 die Widerstandsfähigkeit des Ortes. Johann Kraus blieb Bürgermeister, wurde 1946, 1948 und 1952 wieder gewählt und trat im November 1953 im Alter von 77 Jahren von seinem Amt zurück. Wohl kaum einer schätzte zu dieser Zeit, was seine Jahrzehnte währende Amtszeit für eine Leistung bedeutete: 1919 demokratisch gewählt, dann nach 1933 die Nazi-Diktatur im Amt durchgestanden, 1945 von den Amerikanern akzeptiert und ab 1946 noch drei Mal wieder gewählt. Wahrlich eine politische Biografie mit Seltenheitswert, bei der man sich fragt, wie Kraus das geschafft hat.
Lesen Sie auch:














