Autorenlesungen sind nicht ganz ungefährlich für die eigene Beziehung zum bereits gelesenen Buch. Denn die Kunst des Vorlesens geht nicht Hand in Hand mit jener des Schreibens. Nicht jeder, der gut schreiben kann, vermag auch gut vorzulesen. Ist das bei einer Lesung der Fall, kann die innige Beziehung zum vorher selbst Gelesenen ins Wanken geraten.
Andrea Sawatzki hat ein schweres Buch über ihre Kindheit geschrieben, über viele Jahre ihres jungen Lebens, bei denen man das Gefühl hat, zu untertreiben, wenn man sie als traumatisch bezeichnet. Geschafft hat sie das Schreiben mit Hilfe einer Verfremdung. Sie erzählt so, „dass ich in mir selbst eine Fremde sehen konnte, mit der ich nichts zu tun hatte. Ich verbarg mich“, schreibt sie im Vorwort, „um diese Person, die mir Angst machte, von außen betrachten zu können.“
Das Mädchen Andrea
Stellenweise wird im Buch diese Verfremdung spürbar, vor allem in den grausamsten Momenten. Manchmal rückt das Mädchen Andrea ein bisschen zu weit weg von der Leserin. Denn auch diese muss sich distanzierend wappnen, um dem Geschehen nicht zu viel Macht über sich zu gestatten. Es ist diese doppelte Distanz, die dann spürbar wird. Keiner von beiden kann man einen Vorwurf daraus machen, der Schreibenden nicht und der Lesenden nicht.
Beim Vorlesen aber holt Andrea Sawatzki die Lesende genau hier ab – und gestaltet somit eine Autorenlesung, die noch mehr Nähe zum Buch ermöglicht. Das gelingt der Autorin, indem sie beim Vorlesen hauchfeine, jedoch entscheidende Akzente setzt. Diese gestatten einen neuen Blick auf emotionale Details und rücken die junge Andrea näher.
Die Tatort-Kommissarin erleben
Noch etwas anderes macht diese Autorenlesung besonders. Andrea Sawatzkis angenehm professionelle Gelassenheit im Rampenlicht überträgt sich auf das Publikum. Viele im Saal sind gekommen, um diese bekannte Schauspielerin zu erleben, die „Tatort-Kommissarin“ zu sehen. Und indem Sawatzki nicht nur (grandios) vorliest, sondern auch gelassen und vor allem reflektiert erzählt, macht sie ihre Prominenz zur Nebensache und ermöglicht Nähe zur Autorin Sawatzki.
Diese erzählt die Geschichte ihrer Kindheit. Die junge Andrea ist noch keine zehn, als sie sich um ihren dementen Vater kümmern muss. In dem Buch geht es jedoch nicht ausschließlich um das Kind, betont die Autorin: „Es geht um drei Menschen, die aufgrund äußerer Umstände zerbrechen. Es geht außerdem um die Schuld des Kindes, um die Gedanken, wie man die Mutter und sich selbst von dem Vater befreien kann. Sehr harte Gedanken“, resümiert sie nachdenklich.
Mit 16 das Haus verlassen
Der Vater stirbt, als das Kind fünfzehn ist. Mit sechzehn verlässt Andrea das Haus, verdrängt nach und nach gründlich, lebt, wird Schauspielerin. Heute vermutet Sawatzki, dass sie bei ihrer Berufswahl dem Irrglauben erlegen sei, „dass man sich in der Schauspielerei selbst ablegen kann. Dass man, wenn man auf der Bühne steht, eine paradiesische Zeit ohne sich selbst erlebt, indem man einfach ein anderer Mensch wird. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, dass man sich immer mitnimmt, dass man sich nicht loswird.“
Immer wieder fallen im Verlauf des Abends Sätze wie diese. Sie lassen aufhorchen und gestatten ein Zuhören, das emotional mehr bewirkt als jeder eindringliche Ratschlag über den Umgang mit Schwerem. Andrea Sawatzki hat diese Autorenlesung zu viel mehr gemacht als zu der Lesung einer Autorin.
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