Wer ab den 1990er-Jahren geboren wurde, wird sich vielleicht schwertun, wenn die überzeugte These lautet, dass früher die Sommer immer Badewetter hatten und im Winter Schnee lag. Was also ist dran, dass nicht nur Sommer und Winter, sondern generell die Jahreszeiten früher vermeintlich genau da stattfanden, wo man sie im Kalender verortet hatte. Der Frühling begann also im März mit mehr Sonnenschein und Wärme, der Sommer war im Laufe des Junis meistens sonnig und sehr warm, der Herbst langgezogen mit klarer Luft, herrlicher Sicht zum Bergwandern und der Winter begann spätestens in der Adventszeit mit dem ersten Schnee. Und an Weihnachten rieselten die Flocken, um die Romantik perfekt zu machen. Skifahren war bis spätestens Ende Februar selbst in der Fränkischen Schweiz möglich.
Ja, genau so war’s doch – oder vielleicht doch nicht? Stimmt es wirklich, dass die vier Jahreszeiten in unseren gemäßigten Breiten immer schön brav nacheinander ihr Wetterprogramm abgespult haben, wie es sich gehört? Ist es klimastatistisch nachweisbar, dass die Wetterströmungen früher wesentlich geordneter bei uns abliefen? Hier lässt sich an knallharten Fakten gemessenen und archivierten Wetterdaten nicht rütteln. So lassen sich die Aufzeichnungen von Temperatur, Niederschlag, Schneehöhen und Wind aus den Zeiten vor den 1990er-Jahren mit der heutigen Zeit vergleichen – auch für unsere Region.
Deutscher Wetterdienst liefert Statement
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) und die Welt-Wetter-Organisation (WMO) liefern eindeutige Statements. Waren die Sommer früher generell schöner und damit freizeittauglicher als heute? Eindeutig nein. Im Gegenteil. Gerade in den 1970er-Jahren und teilweise auch noch in den 1980er- Jahren gab es eine Reihe kühler und nasser Sommer, die nicht zuletzt die Reisefreudigkeit in den sonnigen Süden gerade zur Ferienzeit befeuerten. Waren die Winter früher immer kalt mit Schnee?
Eindeutig nein. Auch wieder in den 1970er-Jahren und teilweise in den 1980er-Jahren fanden mehrere schneearme und milde Winter statt. Wer erinnert sich allerdings gerne an Weihnachten mit Sprühregen und Plusgraden ohne eine einzige Schneeflocke? Natürlich hat unser Gedächtnis gezielt die grandiosen Ausnahmefälle gespeichert, dass die weihnachtliche Bescherung an Heiligabend bei Flockenwirbel stattfand. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Sommer, in denen genau in der Ferienzeit oder an den Wochenenden Schönwetterphasen waren, die besonders in den aktiven jungen Jahren abgespeichert wurden, wo man mit der Clique im Schwimmbad war und bis spät in die Nacht ums Lagerfeuer saß.
Altweibersommer ist möglich
Und jetzt noch zur Behauptung, dass früher die Jahreszeiten funktioniert hätten und jetzt nicht mehr. Ja, es ist tatsächlich nachweisbar, dass der Klimawandel zu mehr Unregelmäßigkeiten innerhalb der Übergangsjahreszeiten führt. So sind die Übergänge von frostiger Polarluft aus nördlichen Breiten hin zu mediterranen Warmluftschüben drastischer als früher. Hintergrund dazu sind die höheren Meeresoberflächentemperaturen, speziell des Mittelmeers, und die sich schneller aufheizenden Festlandflächen im beginnenden Frühjahr im Süden. Im hohen Norden können aber in den Monaten der Polarnächte unabhängig vom Klimawandel jeden Winter über in der Schneedecke extreme Kältereservoire aufgebaut werden.
Und wenn diese angezapft werden und auf die schon recht warme Mittelmeerluft treffen, dann kommt es uns vor, als ginge es von einem Tag auf den anderen vom Winter in den Frühsommer. Das Gleiche gilt umgekehrt für den Herbst. So sind bei stabilen Hochdruckwetterlagen mit noch immer überdurchschnittlich warmer Luft aus dem Süden langgezogene Spätsommerphasen bis hin in den Altweibersommer zu erleben. Kommt dann zwischenzeitlich über Skandinavien angesammelte Kaltluft bei Winddrehung auf Nord zu uns, wird schlagartig das Gefühl vermittelt, wir geraten von Sommer-Feeling in vorwinterliche Kälte – oft durch Windkälte und Nässe intensiviert.
Klimawandel beeinflusst Wetterumschwung
Zusammenfassend kann man also sagen, dass nicht die Jahreszeiten wegfallen, sondern häufiger abrupt wechseln. Die Amplitude zwischen überdurchschnittlich hohen und drastisch niedrigen Temperaturen, verbunden mit Umschwung von schönem zu nasskaltem Wetter, verstärkt diesen Eindruck. Wetter wird von jedem aus individuellem Blickwinkel erlebt.
Die Interpretation liegt im Auge des Betrachters. Mit der knallharten Statistik dagegenzuhalten und vorgefasste Meinungen auszuhebeln, ist dabei schwierig. Ob der Wechsel von diesem Sommer hin zu einem goldenen Herbst wieder den Vorstellungen entspricht oder sich eher abrupt vollzieht, kann jeder selbst beobachten. Gesprächsstoff liefert das Wetter allemal.
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