Quo vadis, Innenstadt? Forchheims City kommt nicht zur Ruhe. Seit Jahren wird über Gestaltung, Leerstand, Belebung und Vernetzung aller Zentrum-Akteure diskutiert. Zuletzt wurde dann die Nachbesetzung des Citymanagements kurz vorm Ziel überraschend gestoppt, was die lang ersehnte Verbesserung für Händler, Vermieter und Anwohner weiter auf die lange Bank schiebt.
Der studierte Wirtschaftsgeograph Roland Wölfel gilt als Experte, wenn es um das Thema Innenstadtentwicklung geht. Der 60-Jährige aus Obertrubach ist Geschäftsführer und Gesellschafter der CIMA Beratung + Management Gesellschaft, einem bundesweiten Kompetenzzentrum für Stadt- und Regionalentwicklung.
Mit dem Fränkischen Tag hat Roland Wölfel im Exklusiv-Interview über brachliegende Potenziale in Forchheim und lohnenswerte Beispiele aus der Nachbarschaft gesprochen.
Herr Wölfel, was kommt Ihnen zuerst beim Stichwort „Innenstadt Forchheim“ in den Sinn?
Roland Wölfel: Es gibt viele Themen, die seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert werden. Der Paradeplatz ist das Paradebeispiel. Jetzt wird er angepackt und ich hoffe, dass andere Punkte folgen. Das Problem: Eine Zukunftsvision zur Innenstadt ist gerade nicht existent. Deswegen sprechen wir von Einzelproblemen wie Verkehr, Parken, Paradeplatz, Hornschuchallee sperren oder nicht sperren.
Woran hapert es?
Der größte Stolperstein ist, dass die Themen gegeneinander ausgespielt werden. Wenn die Vision klar formuliert wäre, etwa „wir wollen eine Innenstadt, die besser für Fußgänger/Radfahrer erreichbar ist, die eine bessere Aufenthaltsqualität aufweist, die nur bis zu einem gewissen Punkt mit dem Pkw erreichbar ist und der Rest der Erreichbarkeit durch umweltverträgliche Verkehrsmittel sichergestellt ist“, folgt eine klare Konsequenz für die Gestaltung des öffentlichen Raumes und die Funktion der einzelnen Bereiche.
Aber das ist noch nicht formuliert, es wird nur über Einzelnes geredet, zum Beispiel über den Paradeplatz, die Hornschuchallee, das Rathaus. Ich will der Stadt nicht Unrecht tun, vielleicht hat sie eine Leitlinie. Aber mir als Landkreisbürger erschließt sich nicht, wohin sich die Stadt entwickeln möchte.
Was tun?
Es braucht eine gemeinsame Initiative, eine Allianz. Das Gemeinsame schafft Verständnis für die Sicht der anderen und bereitet Kompromissfähigkeit vor. Früher reichten Stadtverwaltung und Handel, weil Innenstädte zu 80 Prozent aus Handel bestanden. Heutzutage sind mehr Akteure nötig; Politik, Verwaltung, Ärzte, Dienstleister, Eigentümer, Touristiker, Jugend… . Wenn es diese Plattform gibt, lässt sich eine gemeinsame Vision erarbeiten.
Und Forchheim hätte das Potenzial dafür?
Forchheim hat städtebaulich und finanziell das Potenzial. Die Stadt hat keine Krisenthemen und keine großen Strukturumbrüche. Weder brechen Industrien weg noch gibt es große innerstädtische Brachflächen. Vielmehr sind es „Luxusprobleme“ wie Zuzug und steigende Preise. Die Führungskräfte der Stadt haben es in der Hand, wie in jedem Unternehmen: Dort ist auch der Chef verantwortlich dafür, was am Ende herauskommt.
Sie haben soeben den CIMA Monitor 2021 veröffentlicht: Welche Haupterkenntnis haben Sie daraus ziehen können?
Der CIMA Monitor ist eine repräsentative Studie zu Innenstädten in Deutschland. Zentrale Erkenntnisse sind, dass wir nach der Pandemie mit fünf bis zehn Prozent weniger Besuchern in der Innenstadt rechnen müssen. Das wirkt sich auf Kaufkraft und Wertschöpfung aus. Handel bleibt, bei deutlich abnehmender Tendenz Besuchsgrund Nr. 1, allerdings gewinnen andere Faktoren wie Aufenthaltsqualität, Freizeitwert an Bedeutung, wogegen der Handel abnimmt, vor allem bei der jungen Bevölkerung.
Sind große Filialisten die Lösung?
Filialisten sind wichtig, weil sie medial präsent sind und in der Regel gute Online-Shops haben. Auf der anderen Seite gibt es den Trend zur Regionalität. Man braucht den Mix. Wie begleite ich die zukünftige Nutzung der Innenstadt aktiv: Dieses Thema muss angegangen werden. Das machen viele Städte zum Beispiel durch Pop Up-Stores oder Ansiedlungskampagnen. Wochenmärkte und gute Innenstadterlebnisse spielen eine immer größere Rolle.
Wie meinen Sie das?
Das Bespielen der öffentlichen Räume ist wichtig. Weihnachtsmarkt, ZirkArt, Kunsthandwerkermarkt sind gute Beispiele. Dabei ist eine gute Inszenierung wichtig, weil die die Menschen anzieht. Das Image der Stadt muss nach außen getragen werden, da sehe ich noch großen Handlungsbedarf. Viele Besucher, die nach Forchheim kommen, sind positiv überrascht. Wenn man die vorher mit den Qualitäten anlocken kann, könnte Forchheim die fünf bis zehn Prozent Corona-Frequenzverlust locker kompensieren.
Klingt doch positiv…
Es ist wichtig, dass sich Innenstädte neu erfinden und schauen, wie sie die Schwächung des Handels kompensieren. Wir müssen andere Besuchs- und Verweilanlässe schaffen, die Innenstadt muss zum sogenannten „dritten Ort“ werden. Der erste Ort ist die Wohnung, der zweite die Arbeitsstätte und der dritte der, an dem sich die Menschen treffen, austauschen und natürlich konsumieren.
Haben es Städte wie Forchheim auf Grund ihrer Kompaktheit da leichter als größere?
Definitiv. In Großstädten werden zentrale Lagen zugunsten der Stadtteilzentren verlieren. Die Distanzempfindlichkeit der Menschen ist gestiegen, das heißt, man fährt nicht mehr so weit wie früher. Was weiter weg ist, kann ich mir online besorgen. Nähe sticht Größe. In einem Umfeld von zwei bis drei Kilometern muss ein Großteil der Versorgungen möglich sein. Forchheim hat den Vorteil, dass es nur ein Zentrum hat und sich darauf konzentrieren kann.
Andere Städte schlafen nicht. Inwieweit muss Forchheim aufpassen, dass ihm andere den Rang ablaufen? Sogar im Landkreis?
Hauptwettbewerber sind Bamberg und Erlangen. Ich würde nicht die Alarmglocken läuten, aber viele Chancen bleiben in Forchheim (noch) ungenutzt. Zum Beispiel Ebermannstadt ist auf einem guten Weg, dort gibt es einen klaren Plan, fast keine Leerstände, man konnte neue Handelsbetriebe ansiedeln und forciert den Tourismus. Den Rang ablaufen wird es Forchheim aber nicht. Denn das hat die Größe und städtebaulichen Möglichkeiten, dennoch zu punkten. Zum Beispiel über kulturelle Veranstaltungen.
Sie haben die Anforderungen an die Städte der Zukunft erforscht. Wo gibt es für Forchheim den größten Nachholbedarf?
Handel ist da, auch Gastronomie ist ausgeprägt. Nun muss der öffentliche Raum eine Aufenthaltsqualität bekommen, um zum Anziehungspunkt zu werden. Von der Fußgängerzone abgesehen, gibt es aktuell keinen Platz, der als Anlaufstelle Zugkraft besitzt. Vor der Baustelle war es ein Stück weit der Rathausplatz, nun wird es bald hoffentlich der Paradeplatz.
Fußgänger, Autofahrer, Radfahrer: Öffentlicher Raum ist besonders umkämpft. Gibt es das Problem in Forchheim auch?
Wir haben nicht den Hochdruck wie in Bamberg. Aber umkämpft ist vor allem der Straßenraum. Etwa die Hornschuchallee, über die seit Jahrzehnten diskutiert wird. Es müsste eine mutige Gestaltung versucht und verkehrspolitisch angesetzt werden. Die Kfz-Orientierung in Forchheim ist groß. Es muss ein Umdenken gelingen und ÖPNV nicht als Kostenfaktor und notwendiges Übel angesehen werden, sondern als Chance, Nahmobilität anders zu organisieren.
Die meisten Besucher kommen wahrscheinlich aus Forchheim selbst. Wenn ich die Binnenverkehre reduziere, habe ich für die Menschen von außen, die auf Grund schlechter ÖPNV-Anbindung ans Auto gezwungen sind, genügend Platz zur Verfügung. Hier müssen wir neu denken. Beispiel: Wer eine Tiefgarage mietet, zahlt sicher das zigfache als für ein Jahresticket eines Anwohnerparkplatzes. Das ist ein sehr freizügiger Umgang mit städtischer Fläche. Wenn es teurer wäre, würde sich die Menschen eher nach Alternativen wie E-Bikes oder Car-Sharing umschauen. Eine Stadt darf ihre Flächen nicht verramschen.
Was kann Forchheim von anderen Städten lernen, und von wem zum Beispiel?
Vor 30 Jahren sind in Bayreuth die Autos noch über die Maximilianstraße gefahren, später wurde sie verkehrsfrei und mit Stadtwald, Wasser, Spielmöglichkeiten, konsumfreien Zonen und Gastronomie, so multifunktional gestaltet, dass trotz Rotmaincenter und Wegzug des C&A eine lebendige Innenstadt entstanden ist. Auch Coburg hat den öffentlichen Raum sukzessive zugunsten der Bürger entrümpelt. Die Qualität der öffentlichen Räume ist das zentrale Momentum.
Innenentwicklung ist das Gebot der Stunde. Denn Forchheim hat eigentlich den Vorteil, dass die Schulen zum Beispiel noch in der Innenstadt sind, es also keine „Campus-Tatbestände“ gibt. Das Krankenhaus ging zwar raus, aber das ist mittlerweile kompensiert, das Wohnen entsteht in der Innenstadt, was unmittelbare Kaufkraft mitbringt. Diese sogenannte gebundene Frequenz, also Arbeitsplätze, Behörden, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, müssen sich in der Stadt gut organisieren, denn dann habe ich die Stadt der kurzen Wege ohne viel störenden Verkehr. Das würde auch der Wohnqualität gut tun.
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