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Kita-Rechtsanspruch
Erzieherverband: „Situation wird sich verschärfen“
Auf dem Rücken der Kinder ausgetragen? Trotz des gesetzlichen Kita-Rechtsanspruchs hapert es bei der Betreuungssituation noch an vielen Stellen. Auch im Landkreis Forchheim warten noch viele Eltern auf einen Platz – vor allem in den Krippen.Forchheim & Fränkische Schweiz
Auf dem Rücken der Kinder ausgetragen? Trotz des gesetzlichen Kita-Rechtsanspruchs hapert es bei der Betreuungssituation noch an vielen Stellen. Auch im Landkreis Forchheim warten noch viele Eltern auf einen Platz – vor allem in den Krippen. // Matthias Hoch
Forchheim – Trotz gesetzlichen Kita-Rechtsanspruchs warten auch im Landkreis Forchheim Eltern auf einen Betreuungsplatz. Erzieherinnen fordern seit Jahren Verbesserungen, nun haben sie eine Petition gestartet.

Seit dem 1. August 2013 haben Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr bis zum Schuleintritt einen Rechtsanspruch auf frühkindliche Förderung.

Rein rechnerisch könnten die Kindergärten im Landkreis Forchheim den Platzbedarf ab 2025 zwar decken, in den Krippen ist dies in den nächsten Jahren kaum zu erwarten.

Ulrike Scharf (CSU): Bis 2028 Fachkräftebedarf in Bayern decken

Zwar blickt Bayerns Familienministerin Ulrike Scharf positiv in die Zukunft, einer neuen von ihr beauftragten Studie zufolge könnten bis 2028 50.000 weitere Kita-Plätze geschaffen werden.

„Setzt sich der Fachkräftezuwachs der letzten Jahre so fort, können wir zum Schul- und Kitajahr 2027/28 den Fachkräftebedarf decken“, sagte   Scharf am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

Interview mit dem Verband Kita-Fachkräfte Bayern

Ganz so euphorisch blickt der Verband Kita-Fachkräfte Bayern nicht auf die kommenden Jahre.

Wie weit der Anspruch auch nach zehn Jahren noch der Realität hinterherhinkt und was sich dringend ändern müsste, erklären die beiden Vorsitzenden Veronika Lindner und Lisa Pfeiffer im FT-Gespräch. 

Veronika Lindner, Vorsitzende des Verbands Kita-Fachkräfte BayernForchheim & Fränkische Schweiz
Veronika Lindner, Vorsitzende des Verbands Kita-Fachkräfte Bayern // Redaktion/Archiv

Frau Lindner, Frau Pfeiffer: Seit zehn Jahren gibt es nun den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in Bayern?

Veronika Lindner, Lisa Pfeiffer: Es stehen aktuell weder ausreichend Plätze noch die notwendige Qualität für eine gute frühkindliche Bildung zur Verfügung.

Durch den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Grundschulkinder ab 2026 wird sich die Situation noch weiter verschärfen. Es scheint, als hätte die Politik aus ihrem Fehler, den Anspruch auf einen Krippenplatz einzuführen, ohne ausreichend Kapazitäten im Vorfeld zu schaffen, nicht gelernt. Für die Kinder, Familien, die Bildungsqualität und auch das pädagogische Personal ist diese Entwicklung fatal.

Was nützt ein Rechtsanspruch, wenn er nicht umgesetzt werden kann. Was fordern Sie?

Wir fordern, dass die Qualität an erster Stelle stehen muss. Leider ist dies aktuell nicht der Fall.

Für mehr Qualität würden unter anderem folgende Maßnahmen sorgen: Ein standardisierter Einsatz von Hauswirtschafts- und Verwaltungskräften, um das pädagogische Personal zu entlasten und mehr Ressourcen für die Bildungsarbeit zu schaffen, eine vorgeschriebene Leitungsfreistellung und die Verbesserung der Arbeitssituation durch kleinere Gruppen und bessere Personalschlüssel sowie mehr Qualität in den Aus- und Weiterbildungen.

Der Rechtsanspruch, wie er aktuell besteht, sollte auf seine Umsetzbarkeit überdacht werden und darf nicht zu Lasten der Qualität und den damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die Kinder umgesetzt werden.

Bildung ist in Deutschland föderal organisiert. Teil des Problems?

Der Föderalismus hat Vor- und Nachteile. Es sollten auf jeden Fall bundesweite Mindestvorgaben geschaffen werden, die sich an den wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Das ist notwendig, um für Chancengleichheit zu sorgen.

Sie mahnen an, Kitas würden zu „Verwahranstalten“ verkommen, Leidtragende sind die Kinder. Wie könnte es besser gehen?

Wir müssen uns als Gesellschaft darauf besinnen, was für die Kinder wichtig ist. Sie müssen an erster Stelle stehen und die Auswirkungen der derzeitigen Bedingungen in den Einrichtungen im Hinblick auf eine gesunde Entwicklung der Kinder kritisch hinterfragen.

Viele notwendige Verbesserungen, die Gewerkschaften und Wissenschaft seit langem fordern, müssen endlich umgesetzt werden.

Sie haben eine Petition gestartet. Was versprechen Sie sich davon?

Wir möchten mit unserer Petition das Thema Kita mehr in die öffentliche Diskussion einbringen und der Politik einen Anlass bieten, ihre politischen Handlungen, die den Kita-Bereich betreffen, zu reflektieren.

Die politischen Entscheider müssen endlich begreifen, dass es höchste Zeit für weitreichende Veränderungen im System ist, um dieses vor dem Kollaps zu bewahren.

Außerdem möchten wir aufklären und zusammen mit 21 anderen Vereinigungen und mittlerweile schon fast 10.000 gesammelten Unterschriften ein starkes Zeichen dafür setzen, dass die Qualitätsverbesserung von nun an an erster Stelle stehen muss.

Frau Lindner, Frau Pfeiffer, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

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