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Sprach-Kitas vor Aus
Kitas in Forchheim blicken besorgt in die Zukunft
Die Bücherstube im Kinderhaus Verklärung Christi in Forchheim konnte aus Fördermitteln aus dem Programm Sprach-Kita entstehen, erklären Kerstin Neubauer (l.) und Andrea Saffer (r.).Forchheim & Fränkische Schweiz
Die Bücherstube im Kinderhaus Verklärung Christi in Forchheim konnte aus Fördermitteln aus dem Programm Sprach-Kita entstehen, erklären Kerstin Neubauer (l.) und Andrea Saffer (r.). // Carmen Schwind
Signet des Fränkischen Tags von Carmen Schwind
Forchheim – Ab Oktober soll das Förderprogramm „Sprach-Kitas“ gestrichen werden. Die Einrichtungen in der Region Forchheim kritisieren die Entscheidung.

„Ich möchte das Spiel mit heimnehmen“, entscheidet sich ein kleines blondes Mädchen, während sich ein kleiner dunkelhaariger Junge für ein Bilderbuch mit Tieren auf einem Bauernhof entscheidet.

Das Besondere an diesem Buch ist, dass die Tiere in deutscher und türkischer Sprache benannt sind. „At heißt Pferd“, sagt der Kleine noch und läuft mit dem Buch davon, das er daheim seinem Bruder zeigen will.

Bücherstube aus Fördermitteln finanziert

„Diese Bücherstube konnten wir anschaffen durch Fördermittel aus dem Bundesprogramm Sprach-Kitas, das jetzt vor dem Aus steht“, erklärt Erzieherin Andrea Saffer in der Kindertagesstätte (Kita) „Kinderhaus Verklärung Christi“ in Forchheim.

Sie selbst ist eine der zusätzlichen Fachkräfte, die aufgrund des seit 2016 geförderten Bundesprogramms „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ des Bundesfamilienministeriums im Kinderhaus eingestellt werden konnte.

Ab Oktober ersatzlos gestrichen

Dieses Programm soll nun ab Oktober ersatzlos gestrichen werden. „Dabei war das so erfolgreich und hat nachweislich sehr viel gebracht“, sagt Andrea Saffer und verweist auf Studien der Universität Bamberg. Diese würden bestätigen, dass die zusätzlichen Fachberatungen und Fachkräfte wichtige Impulsgeber für Eltern, Kinder und Kollegen sind.

„Eigentlich sollte es doch selbstverständlich sein, dass alltagsintegrierte sprachliche Bildung ein fester Bestandteil in der Kindertagesbetreuung ist“, meint Kerstin Neubauer, Leiterin der Kitas „Kinderhaus St. Josef“ und „Kita im Grund“ in Buckenhofen.

Kinder mit Migrationshintergrund oder Flüchtlinge

Denn einerseits gebe es viele Kinder mit Migrationshintergrund oder Flüchtlinge, andererseits aber auch viele deutsche Kinder, die gerade während der Pandemie wenig gesprochen haben.

„Die zusätzlichen Fachkräfte sind zudem ein niederschwelliges Unterstützungs-Angebot für die Eltern“, erklärt Jens Kuppert, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft „Katholische Kitas am Tor zur Fränkischen Schweiz“.

„Stimmt, denn wir nehmen uns die Zeit und besprechen mit den Eltern, wo das Kind noch Probleme hat oder wie weit es in der Entwicklung ist. Das fällt ohne das Programm weg“, bestätigt Kerstin Neubauer.

Erzieher erleben die Kinder täglich

Andrea Saffer ergänzt, dass Therapeuten ein Kind nur während einer Sitzung erleben. Eine Erzieherin erlebt es viele Stunden jeden Tag und kann es ganz anders beurteilen. Weiter erklärt sie, dass in eine Krippe ganz kleine Kinder kommen, die Sprache erst lernen müssen.

„Kinder, die sich gut ausdrücken können, sind selbstbewusst und haben bessere Chancen im Leben“, stellt Andrea Saffer fest. Deshalb sei das Programm für Eltern und Kinder sehr wichtig.

Fortbildungen zum Thema

„Aber auch für die Kollegen, denn wir gehen zu Schulungen und geben dann unser Wissen an die anderen weiter“, erzählt sie. Sie habe zum Beispiel eine Fortbildung zum Thema „Trauma und Traumstörungen“ besucht.

„Wir wollen Eltern beraten, unterstützen und ihnen Unsicherheiten nehmen. Kinder wollen wir stärken, sie sprachlich bilden und ihnen Selbstbewusstsein mitgeben“, fasst Andrea Saffer zusammen.

„Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll“

Das geschieht zum Beispiel mit den Spielen und Büchern, die Eltern und Kinder ausleihen können. „Wir wissen im Augenblick nicht, wie es weitergehen soll“, meint Jens Kuppert, denn das Programm läuft aus.

Die Fachkräfte wechseln entweder in Bundesländer, die das Programm weiterführen, oder gehen zurück in die Gruppen oder verlieren ihren Job.

„Das Problem ist nur, wenn in Bayern das Programm im nächsten Jahr weitergeführt werden sollte, dann sind die Leute weg und auch der positive Effekt. Man müsste dann wieder von vorne beginnen“, sagt Kerstin Neubauer. Deshalb wünschen sie sich eine schnelle und positive Entscheidung.

Reaktionen: Ende des Förderprogramms „Sprach-Kitas“: Das Ringen um eine Lösung

Seitdem das Bundesfamilienministerium Anfang Juli überraschend mitgeteilt hat, dass das Programm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ zum Ende des Jahres auslaufen wird, ist der Aufschrei groß. Was viele Einrichtungen und Eltern umtreibt: Wie geht es nach dem Ende des Programms weiter?

Das sagt das Bundesfamilienministerium

Auf Nachfrage teilt ein Ministeriumssprecher mit, dass Förderprogramme des Bundes in der Regel maximal fünf Jahre laufen würden. Dementsprechend sei das Ende des Programms „Sprach-Kitas“ nichts Ungewöhnliches.

Mit dem Kita-Qualitätsgesetz würde der Bund in den kommenden beiden Jahren insgesamt vier Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Die Länder müssten jetzt entscheiden, wofür sie ihren Anteil in Zukunft einsetzen. „Einer Weiterfinanzierung der Sprach-Kitas steht nichts im Wege, wenn sich die jeweiligen Länder dazu entschließen“, sagt der Sprecher des Bundesfamilienministeriums.

Fortführung des Programms nicht realistisch

Aus Sicht des bayerischen Staatsministeriums für Familie ist eine nahtlose Fortführung des Programms im Jahr 2023 aktuell allerdings nicht realistisch. „Bayern kann in der Kürze der Zeit nicht die erforderlichen Verwaltungsstrukturen schaffen, die hierfür notwendig wären“, sagt ein Ministeriumssprecher auf Nachfrage. Dies sei in in den wenigen Wochen und Monaten nicht umsetzbar.

Andreas Schwarz (SPD)Forchheim & Fränkische Schweiz
Andreas Schwarz (SPD) // Archiv

Das sagt SPD-Bundestagsabgeordneter Andreas Schwarz

Und wie reagieren die Politiker, die die Region in Berlin vertreten? Andreas Schwarz (SPD) teilt mit, dass er die Verunsicherung der Menschen sehr gut nachvollziehen könne. Man setze sich dafür ein, dass „die Strukturen des auslaufenden Programms erhalten bleiben, die Förderungen dauerhaft verstetigt werden und zugleich keine Finanzierungslücken entstehen“. Damit dies gelingt, benötige man eine baldige Einigung mit den Ländern.

Lisa Badum (Die Grünen)Forchheim & Fränkische Schweiz
Lisa Badum (Die Grünen) // Barbara Herbst, Archiv

Das sagt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Lisa Badum

Lisa Badum (Grüne) erklärte, dass in Bayern zwischen 2019 und 2022 zu wenig in Qualität oder Fachkräfte investiert wurde. Andere Bundesländer hätten das deutlich besser gemacht und teilweise eigene Landesprogramme zur Sprachförderung aufgelegt. Die Länder seien nun in der Verantwortung, Förderrichtlinien zu erlassen, damit die Fachkräfte weiter beschäftigt werden können.

Silke Launert (CSU)Forchheim & Fränkische Schweiz
Silke Launert (CSU) // Stephan Großmann, Archiv

Das sagt die CSU-Bundestagsabgeordnete Silke Launert

Silke Launert, CSU-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Bayreuth, sagt dazu: „Sprache ist der Schlüssel, mit dem wir uns Wissen aneignen. Jedes Kind soll von Anfang an Zugang zu guten Bildungsangeboten haben.“ So sei es absolut unverständlich unseren Kindern diese Startmöglichkeit vorzuenthalten.

Die Sprachentwicklung müsse gerade im Moment durch die Corona-Pandemie und die Ankunft ukrainischer Kinder in besonderem Maße gefördert werden. „Es ist wahr, dass wir uns in einer angespannten Haushaltssituation befinden und Ausgabenposten auf den Prüfstand stellen müssen. Bevor wir bei den Kindern jedoch zu sparen beginnen, sollten erst andere Möglichkeiten ausgereizt werden“, sagt Launert.

 

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