0
Die Macht der Basis
Frischer Wind für SPD: Ortsgruppe in Weilersbach gegründet
Es tut sich was,  an der SPD-Basis inmitten der Fränkischen Schweiz. Wie eine kleine Ortsgruppe der Beginn eines neuen Anfangs für die ganze Partei sein könnte.Forchheim & Fränkische Schweiz
Es tut sich was, an der SPD-Basis inmitten der Fränkischen Schweiz. Wie eine kleine Ortsgruppe der Beginn eines neuen Anfangs für die ganze Partei sein könnte. // Stephan Großmann
Weilersbach – Weilersbach hat jetzt eine SPD-Ortsgruppe. Was das über das politische Leben im Kreis verrät und warum dies sogar den Bundeskanzler freuen muss.

Den Abend historisch zu nennen, ist nicht untertrieben.

Neben dem Geruch von gebackenem Karpfen und frisch gezapften Seidla verströmt der Nebenraum einer Weilersbacher Gaststätte den Hauch des politischen Aufbruchs. Als erhebe sich ein Feuervogel aus der Asche, als ende hier und heute plötzlich die ewige Talfahrt der ältesten noch bestehenden und mitgliederstärksten Partei Deutschlands. Der SPD.

Bettina Drummer und Manfred Kemmerth: Ortsgruppe der SPD in Weilersbach

Bettina Drummer und Manfred Kemmerth gründen an diesem kalten Novemberabend nicht nur die erste SPD-Ortsgruppe in der Geschichte Weilersbachs. Sie senden vielmehr ein leuchtend rotes Signal. An die Anwesenden. Die Gemeinde. Den Landkreis. Deutschland.

An der Basis: die Doppelspitze der Weilersbacher SPD-Gruppe Manfred Kemmerth und Bettina Drummer (re.).Forchheim & Fränkische Schweiz
An der Basis: die Doppelspitze der Weilersbacher SPD-Gruppe Manfred Kemmerth und Bettina Drummer (re.). // Stephan Großmann

Die 25 Menschen in dem rot geschmückten Wirtshaussaal müssen nicht mehr überzeugt werden, sie atmen den sozialistischen Geist ohnehin längst ein. Auch ohne die roten Fähnchen zwischen den Bierdeckeln, auch ohne das italienische Arbeiterlied aus der bassigen Stimme Kemmerths.

Kurzzeitig fühlt sich der Beobachter in eine verrauchte Arbeiterkneipe versetzt, in eine Zeit, in der Gerechtigkeit und Aufstiegsversprechen noch echte Kampfbegriffe waren.

Bettina Drummer: „Gegengewicht in Weilersbach“

Im restlichen Ort geht es weniger rot zu. „Wir brauchen ein politisches Gegengewicht in Weilersbach“, sagt Drummer überzeugt. Und überzeugend: An den Tischen ertönt Applaus. Man wolle die SPD-Werte (Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität) in den Köpfen der Menschen verankern ergänzt Kemmerth.

Ob es ihnen gelingt, dort im sozialdemokratisch unbefleckten Weilersbach, das steht auf einem anderen Blatt. Aber es sei an der Zeit, so Drummer.

Aus vielen Gründen, unter anderem um weiteren Wahlerfolgen der in Teilen rechtsextremen AfD (14,3 Prozent bei der Landtagswahl 2023 im Ort) entgegenzuwirken. Übertragen auf die landkreisweiten Ergebnisse sah das Verhältnis nicht viel besser aus (SPD: 6,8 Prozent, AfD: 14,3 Prozent).

Positives Signal in schwierigen Zeiten

Die Meldung über die Gründung einer kleinen SPD-Vereinigung auf dem Land ist nicht so unspektakulär wie sie scheint.

Nicht nur die SPD kämpft seit Jahren gegen den Mitgliederschwund an. Ähnlich wie es Freizeitvereinen und Kirchen geht, ereilt auch die politischen Parteien ein eklatanter Mangel an Engagierten.

In der SPD wirkt die Parteibuch-Flucht noch einmal schwerer, weil die Partei es in den vergangenen Jahren kaum verstanden hat, politische Erfolge für sich zu nutzen. Misserfolge dagegen sammeln die Genossen (vor allem im Bund) wie Trophäen; ob sie dafür verantwortlich zeichnen oder nicht.

Oben scheint die SPD  schon  lange  nicht mehr zu sein.Forchheim & Fränkische Schweiz
Oben scheint die SPD schon lange nicht mehr zu sein. // Stephan Großmann

Prominente Beispiele aus Forchheim: Kirschstein, Gebhardt, Schwarz

Auch in der Region glänzt die SPD kaum, positive Schlaglichter werfen höchstens die Karrieren der einzigen beiden roten Bürgermeistersitze in Forchheim und Kirchehrenbach sowie das langjährige Mandat des Bundestagsabgeordneten Andreas Schwarz.

„Es ist sicher nicht immer leicht, sich zur SPD zu bekennen“, gibt Bettina Drummer offen zu. Dieses Bekenntnis stimmt in diesen Tagen mehr denn je.

Nach den zahlreichen Krisen der vergangenen Jahre dürfte sich die Sozialdemokratie am finanzpolitischen Aussetzer des Bundeskanzlers Olaf Scholz kaum erholen.

In Berlin. In München. Und an der Basis in der Fränkischen Schweiz.

Prominentes Vorbild für Manfred Kemmerth (links) und Bettina Drummer: Bundestagsabgeordneter Andreas SchwarzForchheim & Fränkische Schweiz
Prominentes Vorbild für Manfred Kemmerth (links) und Bettina Drummer: Bundestagsabgeordneter Andreas Schwarz // Stephan Großmann

Politikwissenschaftler Thorsten Winkelmann: Kaum noch langfristige Bindung an Partei

Dass sich Menschen von ihrer Partei abwenden, hat die SPD nicht für sich alleine gepachtet. Und doch attestiert der Erlanger Politikwissenschaftler und Parteienforscher Thorsten Winkelmann der Gesellschaft keine Politikverdrossenheit.

„Zwar binden sich immer weniger Menschen langfristig an eine bestimmte Partei. Aber zugleich konsumieren viele vor allem junge Leute immer öfter politische Inhalte. In der Fläche ist keine Abwendung von der Politik zu erkennen.“

Thorsten Winkelmann, Politikwissenschaftler an der FAU Erlangen-NürnbergForchheim & Fränkische Schweiz
Thorsten Winkelmann, Politikwissenschaftler an der FAU Erlangen-Nürnberg // Winkelmann/FAU

Aber, so Winkelmann, viel schwerer wiege es, dass die Menschen eher zur Systemverdrossenheit neigten. „Viele Menschen vertrauen dem Staat nicht mehr. Und zwar nicht nur an den linken und rechten Rändern, sondern auch zunehmend in der staatstragenden Mitte.“

Winkelmann: SPD in Bayern ohne Machtanspruch

Nicht einfacher macht es beispielsweise für die SPD in Bayern, dass die Partei im Freistaat zu sehr um sich selbst kreise. Dies hätten die jüngsten Landtagswahlen wieder gezeigt. „Ihr Wille zur Macht ist nicht spürbar“, sagt Winkelmann. Vor allem in Bayern habe die SPD den Charakter einer Volkspartei längst verloren, sagt der Politikexperte. Zudem nage der demografische Wandel am Bestand. Sein Fazit: Es brauche Impulse von unten, wenn oben Stillstand herrscht.

Die SPD, die altehrwürdige, aber schlafende Arbeiterprinzessin, wachgeküsst vom Weilersbacher Genossengeist?

Weilersbach gehört zum Ortsverein Ehrenbachtal in Kirchehrenbach

Noch sind Drummer, Kemmerth und Kollegen zu wenige für einen eigenen Ortsverein, ihre vorübergehende Heimat finden sie im Ortsverein Ehrenbachtal in Kirchehrenbach. Dessen Chef Laurenz Kuhlmann, zugleich SPD-Kreisvorsitzender, erzählt in seiner Motivationsrede aus den ersten Tagen seines Ortsvereins.

Wie man anfangs verspottet wurde, wie man sich freischwamm, wie man nun sogar die Bürgermeisterin stelle.

Je engmaschiger man sich in den Orten vernetze, desto mehr nähmen einen die Menschen wahr, erklärt Kuhlmann.

Politik muss vor Ort stattfinden, um die Menschen zu erreichen.Forchheim & Fränkische Schweiz
Politik muss vor Ort stattfinden, um die Menschen zu erreichen. // Stephan Großmann

Ein Blick auf die mitgliederstärksten Parteien im Landkreis Forchheim (CSU: 1450, Freie Wähler: 400, SPD: 360) bestätigt diesen Befund. Alle drei Parteien haben sich ein großes Netzwerk aufgebaut, sind in beinahe allen Kommunen aktiv, reden in Gemeinde- und Stadträten sowie im Kreistag mit.

Ob die Weilersbacher Genossen noch mehr Geschichte schreiben, wird sich noch zeigen.

Ein Anfang ist gemacht. Jetzt beginnt die Arbeit.

Lesen Sie auch:

Inhalt teilen
  • kopiert!