Die CSU will die 10H-Regel aufweichen. Darüber haben wir mit dem aus Pinzberg stammenden Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) gesprochen.
Markus Söder und die CSU wollen einlenken, statt 10H könnten künftig 1000 Meter Abstand reichen. Wie finden Sie den Vorschlag?
Thorsten Glauber: Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergien. Erneuerbare Energien schützen nicht nur das Klima, sondern sichern auch Arbeitsplätze, wie das Beispiel der Glasindustrie im Frankenwald zeigt. Sie sichern unsere Zukunft in Form von Wirtschaftspolitik, Nachhaltigkeitspolitik und vor allem unsere Unabhängigkeit und Freiheit. Mehr Synergien gibt es fast nicht.
Kommt das Einlenken der CSU nicht reichlich spät?
Ich habe mich schon immer für eine Änderung bei 10H eingesetzt. Ich stehe für die Windkraft wie auch für alle anderen Formen der erneuerbaren Energien, also Photovoltaik, Biomasse, Wasserkraft. Mein Herz schlägt schon immer für die erneuerbaren Energien.
Also ist das Einlenken der CSU auch nur ein erster Schritt?
Wenn man Nachhaltigkeit, Klimaschutz und das Sichern von Wohlstand und Arbeitsplätzen zusammenbringen will, muss man diesen Weg gehen. Es gibt keine andere Möglichkeit. Wir haben einen Auftrag für kommende Generationen: Unsere Energieproduktion und unseren Lebensstandard so zu bestreiten, dass wir eine lebenswerte Zukunft für unsere Heimat schaffen.
Der Ausbau der Erneuerbaren bedeutet auch eine Sicherung des Wohlstandes in Bayern. Wir sind ein Handwerks- und Industrieland. Dafür brauchen wir Energie und die müssen wir produzieren.
Klingt nach Hubert Aiwangers Antrieb, als Wirtschaftsminister den Unternehmen Energiesicherheit bringen zu wollen. Aber reicht das aus, um Bayerns Umwelt zu retten?
Für unser neues Klimaschutzgesetz 2.0, das wir in der Staatsregierung und im Landtag beraten werden, brauchen wir die erneuerbaren Energien als wichtigen Baustein. Das ist untrennbar verwoben.
Sie sagten dem FT neulich, der Ausbau müsse staatlich gesteuert werden, aber bürgerverträglich ablaufen. Wie wollen Sie das zusammenbringen?
Wenn man die Pläne des Bundes anschaut, soll der Investor oder Betreiber eines Windrades in bestimmten Fällen einen Obolus abgeben für den Artenschutz. Aber mindestens ebenso wichtig ist es, dass es sogenannte Bürgeranlagen gibt. Der Bürger muss am Ende von der regionalen Wertschöpfung profitieren können. Das erwirtschaftete Geld muss in der Region bleiben.
Nehmen wir das Beispiel Mieterstrommodell: Wenn dabei am Ende die Kilowattstunde genau so viel kostet, wie wenn ich sie auf dem Markt einkaufe, dann gibt es keinen Vorteil mehr bei der Produktion vor Ort. Wer produziert, muss beteiligt sein und dadurch Vorteile genießen.
In Ihrem Heimatlandkreis Forchheim zum Beispiel spielt die Windkraft praktisch keine Rolle. Könnte sich das nun ändern?
Das müssen wir prüfen. Es gibt im Landkreis ein Windrad. Nun müssen wir die Regionen in Bayern in die Pflicht nehmen, die noch gar nichts unternommen haben. Windkraftausbau muss in allen 18 Planungsregionen vorangetrieben werden, nicht nur im Norden Bayerns. Es darf nicht ein Landesteil gegen den anderen ausgespielt werden. Es ist eine Aufgabe, die alle gemeinsam angehen müssen.
So summieren sich dann die Tausenden Windräder auf, die Ihr Parteichef Hubert Aiwanger für Bayern fordert: Ist das realistisch?
Wir haben Pläne, nach denen das möglich ist. Es ist Dynamik im Thema, im Moment findet ein Wandel statt, der so bisher nicht zu spüren war.
Wie meinen Sie das?
Die Fürsprecherschaft für erneuerbare Energie ist viel breiter aufgestellt. Wenn man weiß, dass uns Abhängigkeiten wie etwa vom Gas in heutigen Zeiten existenziell treffen könnten, wollen immer mehr Menschen eine regionale Energieform. In dem Maße habe ich das in den vergangenen Jahren noch nicht erlebt.
Dennoch muss für ein Umdenken erst eine durch den Krieg getriebene Angst aufkeimen…
Ich mache in 20 Jahren Politik nun den vierten Energiewende-Anlauf. Ich habe die Hoffnung, dass es diesmal klappt. Die Energiewende ist immer dann wieder zum Erliegen gekommen, wenn fossile Energien günstig waren. Das ändert sich. Im Moment bekommt jeder die Energiekrise im eigenen Geldbeutel zu spüren.
Oft werden große Anlagen vor Ort gestoppt, wegen lokaler Bürgerinitiativen zum Beispiel. Wird die Akzeptanz jetzt zunehmen?
Jedes heute geborene Kind wird sich nicht an erneuerbaren Energien stören. Es wird wissen, dass dies eine Notwendigkeit ist, um Natur und Umwelt zu erhalten.
Die heute Neugeborenen? Das heißt, in 18 Jahren erst wird die Akzeptanzlücke geschlossen…
Schon heute ist es der größte Teil der Gesellschaft, der diesen Weg mitgeht. Aber es wird auch immer einen Anteil derer geben, die es nicht wollen. Mein Anspruch ist eine Zukunft, die erneuerbar ist.
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