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Forchheimer Kultkarren, Teil 4
Christina Soler und der grüne Heinrich von Forchheim
Kaum ein Auto in Forchheim ist so ein Hingucker wie dieser grüne Kombi des Typs Opel Rekord.
Kaum ein Auto in Forchheim ist so ein Hingucker wie dieser grüne Kombi des Typs Opel Rekord. // Martin Regner
Forchheim – Fahrzeuge sind aus Plastik, piepsen bei jeder Gelegenheit und sehen alle gleich aus? Nein, denn zum Forchheimer Straßenbild gehören auch alte Klassiker. Teil 4: Der Opel Rekord von Christina Soler

Es gibt wohl kaum ein Auto in Forchheim, das so ein Hingucker ist wie dieser grüne Kombi. Früher war der Opel Rekord ein unscheinbares Gesicht in der Menge, kaum jemand drehte sich danach um. Für ungezählte Handwerker im Deutschland der 1970er-Jahre stellte die Baureihe ein robustes Arbeitstier dar. Ein praktisches Alltagsfahrzeug mit viel Laderaum im Heck, mehr nicht. Heute dagegen sticht der 1976 gebaute Oldtimer aus der Masse der Fahrzeuge heraus und wer ihn auf der Straße sieht, schaut hin.

"Ich weiß, dass ich in etwas sehr Schönem sitze", sagt Christina Soler über ihren Oldtimer aus dem Baujahr 1976. An heutigen Automodellen findet die Forchheimerin keinen Gefallen.
"Ich weiß, dass ich in etwas sehr Schönem sitze", sagt Christina Soler über ihren Oldtimer aus dem Baujahr 1976. An heutigen Automodellen findet die Forchheimerin keinen Gefallen. // Martin Regner

Am Steuer sitzt Christina Soler, die beruflich Hausmeisterdienste, Gartenarbeiten und kleinere Reparaturen anbietet. Im üppig dimensionierten Laderaum des grünen Opel transportiert sie ihre Leiter und ihr Werkzeug. „Da habe ich richtig Glück gehabt mit dem Auto“, sagt sie im Gespräch mit dem Fränkischen Tag: „Den habe ich aus erster Hand von einem Gärtner aus Beilngries, der verstorben war. Seine Tochter hat den Opel dann schweren Herzens verkauft.“ Das war im Jahre 2010 und „seitdem habe ich keinen mehr gesehen wie meinen.“

Mit Dachgepäckträger besonders variabel nutzbar

Mit anderen Worten: Ihr Opel Rekord in der Version als „Caravan“, wie die Kombis im Hause Opel traditionell heißen, ist heute eine richtige Rarität. Noch dazu mit originalem Dachgepäckträger, der die Variabilität und die Zulademöglichkeiten noch einmal deutlich erhöht. Diese Fahrzeuge wurden zumeist in zweiter und dritter Hand aufgebraucht, den Rest erledigten Rost und TÜV. So kommt es, dass von dem einstigen Massenmodell heute kaum noch Exemplare als Oldtimer vorhanden sind.

Ein Blick auf die Armaturentafel mit dem Charme der 70er-Jahre. Damals hatten auch Stereoanlagen und Fernsehschränkchen eine ähnliche Holzoptik.
Ein Blick auf die Armaturentafel mit dem Charme der 70er-Jahre. Damals hatten auch Stereoanlagen und Fernsehschränkchen eine ähnliche Holzoptik. // Martin Regner

Wer einsteigt, hat das Gefühl, auf den mit braunem Kunstleder bezogenen Sitzen gleichsam in einer anderen Zeit zu landen. Eine Zeit, in der 100 PS für einen Mittelklasse-Kombi völlig ausreichten. Die Armaturentafel mit ihren klassischen Rundinstrumenten besticht durch ihre Applikationen mit Holzmaserung. Genau so sahen früher in den 70ern auch Stereoanlagen und Fernsehschränkchen in den deutschen Wohnzimmern aus.

Im Innenraum hört man nur das Flüstern des Motors

Ein Detail an ihrem Auto gefällt Christina Soler besonders gut: Es ist ein touristischer Aufkleber an der rechten unteren Ecke der Windschutzscheibe, der darüber informiert, dass der Opel bereits die Scheitelstrecke der Tauernautobahn in Österreich absolviert hat. „Genau so einen Aufkleber hatte früher auch mein Papa an seinem Opel Rekord.“ Das Auto des Vaters war damals kein Kombi, sondern eine Limousine, aber es war im gleichen Grünton lackiert, erinnert sich Christina Soler. Als sie vor 14 Jahren ihren Oldtimer kaufte „hat mein Papa noch gelebt und der war wahnsinnig glücklich, wie er den gesehen hat.“

Ein Detail mit großer Bedeutung: Genau so einen Aufkleber trug einst auch der Opel Rekord von Christina Solers Vater.
Ein Detail mit großer Bedeutung: Genau so einen Aufkleber trug einst auch der Opel Rekord von Christina Solers Vater. // 

Der Federungskomfort des grünen Kombis vermittelt das Gefühl, in einer Sänfte zu sitzen. Kaum ein Schlagloch, das der Opel nicht souverän wegbügelt. Im Innenraum herrscht derweil gelassene Ruhe, nur dezent hört man den Zweiliter-Benzinmotor flüstern. Das Schalten übernimmt die Automatik. „Das Fahrwerk habe ich komplett überholen lassen“, erklärt Christina Soler dazu. „Vorher hat auf den schlechten Forchheimer Straßen alles geklappert, das war nicht mehr auszuhalten.“

Im Winter wird das Blech von Streusalz verschont

Und auch sonst kümmert sich Soler sehr fürsorglich um ihr Auto: Rost, sofern er sich trotz Hohlraumversiegelung zeigt, wird umgehend beseitigt und „das mache ich mit meinem Freund zusammen alles selber.“ Im Winter, wenn auf den Straßen Salz gestreut wird, muss der bald 50 Jahre alte Opel zur Schonung des Blechs nicht mehr arbeiten: „Dafür habe ich ein Winterauto. Einen alten VW Polo. Auch ein altes Auto. Ich habe noch nie einen Neuwagen gehabt.“

Der Kühlergrill des Opel Rekord vereint feine Linien mit Dynamik - eine Kunst, die man im heutigen Automobilbau wohl verlernt hat.
Der Kühlergrill des Opel Rekord vereint feine Linien mit Dynamik - eine Kunst, die man im heutigen Automobilbau wohl verlernt hat. // Martin Regner

Und das hat Soler auch nie bereut: „Der Opel ist ein Raumwunder. Da habe ich Platz. Ich fahre nie schnell, sondern gemütlich. Und ich weiß, dass ich in etwas sehr Schönem sitze.“ Überhaupt sei ihr Ästhetik sehr wichtig, erklärt die studierte Werbegrafikerin: „Mich macht es traurig, was ich jeden Tag auf der Straße sehen muss und wohin sich das Autodesign entwickelt hat. Alle Autos schauen heute gleich aus und haben keinen Charakter mehr. Diese dicken Klötze, da ist nichts mehr mit Eleganz dabei, nichts mehr Schönes.“

In einem Atemzug mit Werken von Goethe und Stifter

Ihren noch mit filigranen Linien gezeichneten Oldtimer hat sie im Laufe der Jahre deswegen sehr lieb gewonnen: „Ich weiß, dass ich den bis zu meinem Tod fahren will, wenn er das aushält“, sagt sie lächelnd. Und der Opel ist für seine Besitzerin fast so etwas wie ein Freund geworden: „Ich begrüße ihn in der Frühe und verabschiede mich von ihm am Abend. Manchmal rede ich auch ein bisschen mit ihm.“ Und einen Namen hat der alte Wagen auch: „Er heißt Heinrich. Nach dem Erstbesitzer.“ Der, wie wir schon wissen, Gärtner im oberbayerischen Beilngries war.

Und wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, dass der grüne Opel ein Stück deutsches Kulturgut ist, dann sollte er mit dieser Namensgebung endgültig erbracht sein. Trägt doch eines der bedeutendsten Werke des Schriftstellers Gottfried Keller aus den Jahren 1854/55, das gern in einem Atemzug mit Johann Wolfgang von Goethes „Wilhelm Meister“ und Adalbert Stifters „Nachsommer“ genannt wird, den Titel „Der grüne Heinrich“.

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