Im Zuge der Mobilitätswende soll künftig möglichst viel Verkehr von der Straße auf die Schiene umgelagert werden. Damit das gelingt, braucht die Deutsche Bahn jedoch in nahezu allen Bereichen zusätzliches Personal. Dieses soll künftig unter anderem im alten Stellwerk am Forchheimer Bahnhof ausgebildet werden. Hierfür hat die Bahn in den vergangenen Jahren rund 3,8 Millionen Euro in den Umbau der Liegenschaft zu einem modernen Trainingszentrum investiert. Ab 2024 sollen hier unter anderem Weichen-, Signal- und Fahrbahnmechaniker sowie Fahrdienstleiter aus- und weitergebildet werden.
„Die Schiene erlebt derzeit eine Renaissance“, erklärte Klaus-Dieter Josel, DB-Konzernbevollmächtigter für den Freistaat Bayern, in seiner Eröffnungsrede am Mittwochvormittag. Die Bahn sei der klimafreundlichste Verkehrsträger und habe daher von der Politik zuletzt viel Geld für den Ausbau ihrer Infrastruktur erhalten.
Jährlich 25.000 neue Mitarbeiter
„Nicht nur Geld spielt für uns derzeit eine wichtige Rolle“, betonte er. Mindestens ebenso wichtig seien die Mitarbeiter. „Jährlich holen wir derzeit rund 25.000 neue Mitarbeiter zu uns an Bord“, erläuterte Josel. Diese müssten für ihre Aufgaben qualifiziert und stetig weitergebildet werden.
Aus diesem Grund habe man sich entschieden, unter anderem in Forchheim eine Lehranlage aufzubauen. „Aus- und Weiterbildung sind die besten Investitionen, die man gegen den Fachkräftemangel tätigen kann“, sagte er weiter. In diesem Sinne stehe die Lehranstalt in seinen Augen geradezu für die Umsetzung des Bahn-Mottos „Starke Schiene“.
Mobilität Grundpfeiler der Wirtschaft
„Dieses Trainingszentrum ist ein ausgezeichnetes Aushängeschild für das Bahnland Bayern“, berichtete Christian Bernreiter (CSU), bayerischer Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr, in seiner Rede. Die Bahn setze mit ihm starke Akzente auf dem Weg zur digitalen Schiene. „Mobilität ist ein wichtiger Grundpfeiler der bayerischen Wirtschaft“, betonte er.
Auch aus diesem Grund sei es wichtig, dass der Ausbau insbesondere in der Region weitergehe. „Dafür brauchen wir aber dringend weitere Bundesmittel“, erklärte er. Er sei sich sicher, dass ihm in diesem Punkt alle anderen Verkehrsminister der Länder beipflichten würden.
Kirschstein über Lösung erfreut
„Für die Stadt Forchheim ist die Eröffnung der Lehranlage ein großer Schritt“, sagte Oberbürgermeister Uwe Kirschstein in seiner Ansprache. Die Stadt mache sich sehr genau Gedanken, wie Verkehrsinfrastruktur gelingen könne. Aus diesem Grund habe man sich vor einigen Jahren auch entschieden, den Platz vor dem Forchheimer Bahnhof aufzuwerten. Dies sei offenbar so gut angekommen, dass sich die Bahn mit ihrem Trainingszentrum für den Standort Forchheim entschieden habe. „Ich freue mich sehr, dass es so gelungen ist, das historische Stellwerk wieder mit Leben zu erfüllen“, sagte er.
Nach den Reden durften sich die hohen Gäste und Pressevertreter selbst ein Bild von dem neuen Trainingszentrum machen. In unterschiedlichen Räumen präsentierten Bahn-Mitarbeiter ihnen hierbei, wie die Aus- und Weiterbildung am Standort aussehen wird. So durfte Oberbürgermeister Kirschstein an einem Simulator für Fahrdienstleiter lernen, wie im Schienenverkehr heute Weichen gestellt werden.
Training im virtuellen Gleisbett
In einem anderen Raum präsentierte Felix Beißert, Referent der Bahn für Qualitätsmanagement im Bereich der Simulationstechnologie, wie Mitarbeiter mittels Virtueller Realität (VR) künftig wichtige Handgriffe erlernen, bevor sie diese praktisch am Gleis durchführen. „Für die Teilnehmer ist das deutlich sicherer, als wenn sie im realen Betrieb direkt am Gleis anfangen müssen, zu lernen“, erklärte er. Natürlich werde das Gelernte nach Abschluss des virtuellen Trainings auch in der Praxis abgeprüft.
„Zur Gewöhnung lassen wir die Schulungsteilnehmer in der Simulation einen Kaffee kochen", berichtet Beißert. Eigentlich sei diese Funktion als Scherz programmiert worden - habe sich überraschenderweise letztendlich jedoch als pädagogisch sinnvoll erwiesen. „Das ist ein Bewegungsablauf, der jedem irgendwie bekannt ist", erklärt der Experte. Das Szenario eigne sich also gut als Eisbrecher.
Auch dient das Kaffeekochen als eine Art Test. „Die Schulung mittels VR ist nicht für jeden geeignet. Manchen wird durch die Brille schwindelig", erläutert er. Das sei dann ähnlich wie Seekrankheit. Eine Teilnahme an Schulungen unter solchen Bedingungen sei leider nicht möglich.
Selbstversuch
Tatsächlich ist Gefühl nach dem Aufsetzen der Brille etwas ungewohnt, wie sich im Selbstversuch herausstellt. Grund hierfür ist unter anderem das leicht eingeschränkte Sichtfeld, welches die Brille bietet. Außerdem verliert man das Gefühl über Dimensionen - war der Raum, in dem man sich kurz zuvor noch befand, doch deutlich kleiner als die Welt, die sich einem jetzt eröffnet. Abhilfe schafft jedoch die eingebaute Teleporterfunktion, der Controller, welche in der virtuellen Welt die Hände ersetzen.
Anfangen tut das voreingestellte Szenario im Schaltwerk des Übungsbahnhofs. Mittels zwei Teleportersprüngen geht es zur Kaffeemaschine. Beim Greifen der Tasse wird die Tiefenwahrnehmung trainiert. Vorsichtig muss die Tasse in der Maschine platziert werden. Einen Knopfdruck später läuft die digitale Brühe in die Tasse. „Greife jetzt mal die Tasse und schütte den Kaffee weg", weist Beißert an. Gesagt - getan. Trinken kann man virtuellen Kaffee schließlich nicht. Kaum ist die Tasse wieder weggestellt, wirkt die Umgebung plötzich weniger seltsam. Glück gehabt - nun kann das eigentliche Schulungsszenario beginnen.
Virtuelle Realität bei der Bahn
Einsetzbar sei ein derartiger Simulator übrigens nicht nur, wenn es wie in Forchheim um Instandhaltungsarbeiten im Gleisbett gehe. „Wir können auch eine Vielzahl anderer Aufgaben – etwa im Servicebereich – darstellen“, berichtete er. Insgesamt verfüge die Bahn derzeit deutschlandweit etwa über knapp 55 solcher Systeme. Bis Ende des Jahres wolle man die Zahl aber auf über 100 steigern.
Wenn die Ausbildung im Stellwerk losgeht, sollen pro Jahr rund 560 Mitarbeiter am Standort Forchheim ausgebildet werden. „Zeitgleich haben wir Platz für rund 25 Teilnehmer“, berichtete auf Nachfrage Florian Reif, Leiter der Schulungsanlage.
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