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Innovative Krebstherapie
Hallerndorf: 100 Millionen Euro für 4 Teilchenbeschleuniger
So wie hier im CERN bei Genf sieht ein Teilchenbeschleuniger aus. In Hallerndorf soll die Technik allerdings eine Nummer kleiner gebaut werden.
So wie hier im CERN bei Genf sieht ein Teilchenbeschleuniger aus. In Hallerndorf soll die Technik allerdings eine Nummer kleiner gebaut werden. // francescodemarco/AdobeStock
Hallerndorf – In Hallerndorf könnten vier Teilchenbeschleuniger gebaut werden, um innovative Krebstherapien zu ermöglichen. Im Raum stehen eine Investition von 100 Millionen Euro und eine Revolution der Krebstherapie.

„Ich finde das hochinteressant“, erklärte Bürgermeister Gerhard Bauer, bevor er das Wort an Christoph Thiel übergab. Dieser stellte sich als Geschäftsführer der erst 2022 gegründeten Firma Lina Thera GmbH vor, die derzeit nur eine Büroadresse in Erlangen hat, sich aber laut Thiel mit ihrem neu zu errichtenden Produktionsbetrieb im Gewerbegebiet zwischen Pautzfeld und Schlammersdorf ansiedeln will. 

Rohstoffe für neuartige Krebstherapie werden knapp

Die von Lina Thera ins Auge gefasste Fläche am Ende der Straße „Am Binsig“ gehört der Gemeinde, die nun entscheiden muss, ob das Unternehmen dafür den Zuschlag bekommt. Das Unternehmen, das von Thiel als Start-Up bezeichnet wurde, will in Hallerndorf Radionuklide herstellen, die für die sogenannte Radioligandentherapie verwendet werden sollen. Dabei handelt es sich um eine innovative Krebstherapie, die „im Gegensatz zur Chemotherapie nicht den ganzen Körper des Patienten belastet“, erklärte Thiel. Vielmehr docke das radioaktive Medikament sehr spezifisch nur an den Krebszellen an und mache diese unschädlich. 

Diese Form der Therapie werde etwa bereits am Uni-Klinikum in Bayreuth eingesetzt und zwar „zu erfolgreich“. Denn aufgrund der steigenden Nachfrage würden die Rohstoffe nicht ausreichen, aus denen die neuartigen Krebsmedikamente hergestellt werden. Die benötigten Isotope wie etwa Lutetium-177 könnten in Deutschland derzeit nur in Kernreaktoren hergestellt werden. Die dort produzierbaren Mengen seien allerdings klein und die Reaktoren selbst seien in Deutschland nicht mehr erwünscht. 

Lina-Thera-Anlage soll in mehreren Modulen entstehen

Deswegen wolle Lina Thera statt dessen Teilchenbeschleuniger benutzen, um radioaktive Kupferionen des Isotops Cu-67 zu erzeugen. Die Produktionsanlage soll in mehreren Modulen entstehen, beginnend mit einem Bürogebäude und einem ersten Teilchenbeschleuniger. Die ersten Radionuklide könnten dann 2028 ausgeliefert werden. Bis 2034 könnten bis zu vier Teilchenbeschleuniger in Hallerndorf arbeiten. Dafür werde eine Fläche von rund einem Hektar benötigt, wie Thiel erläuterte. 

So wie in dieser ersten Grobstudie könnte der Betrieb von Lina Thera in Hallerndorf einmal aussehen.
So wie in dieser ersten Grobstudie könnte der Betrieb von Lina Thera in Hallerndorf einmal aussehen. // Lina Thera Gmbh

Er rechnete vor, dass damit eine Gesamtinvestitionssumme von 40 Millionen Euro allein für den ersten Bauabschnitt verbunden wäre, plus 20 Millionen Euro für jede weitere Ausbaustufe. Insgesamt wären also Investitionen von rund 100 Millionen Euro in Hallerndorf denkbar. Bereits bis zum Jahr 2032 könnte die Zahl der Mitarbeiter vor Ort auf rund 50 steigen, so Thiel. 

Eigener Mittelspannungsanschluss nötig

Stephan Beck (WG Willersdorf-Haid) wollte wissen, ob radioaktiv belastete Abwässer zu befürchten seien, was Thiel verneinte. Robert Linz (WG Trailsdorf) fragte nach, ob Lina Thera auch ihren Sitz nach Hallerndorf verlagern werde, was bedeutsam für die Gewerbesteuer sei. Was Thiel bejahte. Mathias Erlwein (CSU) vermutete einen hohen Energiebedarf des geplanten Betriebs. Thiel gab diesen mit rund zwei Megawatt pro Jahr und pro Teilchenbeschleuniger an. Früher oder später werde man deswegen einen eigenen Mittelspannungsanschluss benötigen. 

Peter Kotzer (WG Willersdorf-Haid) machte sich Sorgen wegen der Gebäudesicherheit und wollte wissen, ob es sich um ein erprobtes Verfahren handelt, das in Hallerndorf Anwendung finden soll. Laut Thiel werden radioaktive Kupfer-67-Ionen bereits in Nordamerika auf die beschriebene Weise produziert. In Europa gebe es bislang allerdings keine derartige Anlage. Die Herstellungsmethode selbst sei aber bereits seit den 1970er-Jahren bekannt. Neu sei allerdings die Dimension: Statt wie bislang 50 Dosen könnten 5000 Dosen pro Teilchenbeschleuniger und pro Jahr hergestellt werden. 

Ein Beschluss fällt noch nicht

Eine einzelne Dosis zur Verabreichung an Krebspatienten stelle einen Wert von 40.000 bis 50.000 Euro dar. Damit werde vor Ort eine große Wertschöpfung geschaffen. Bis 2032 könnte das Betriebsergebnis des Unternehmens laut Thiel auf 150 Millionen Euro im Jahr steigen. Die Radiopharmazeutika könnten aufgrund ihres radioaktiven Zerfalls ein bis zwei Tage lang verwendet werden; damit beschränke sich der Kreis der potenziellen Abnehmer auf Ärzte und Kliniken in einem beschränkten Umkreis, da weitere Transportwege nicht sinnvoll seien. 

Man sei im Gespräch mit der Regierung von Oberfranken für Regionalfördermittel und mit Investoren für die Finanzierung des Projekts, erklärte Thiel zum Schluss. Bürgermeister Bauer bedankte sich beim Vertreter von Lina Thera für die Vorstellung der geplanten Ansiedlung und rief das Ratsgremium dazu auf, weitere aufkommende Fragen zu sammeln, damit diese an das Unternehmen zur Beantwortung weitergeleitet werden können. Ein Beschluss, ob sich Lina Thera in Hallerndorf ansiedeln kann, fiel noch nicht.

Naumann unterstützt das Vorhaben

Einer, der sich in dieser Sache einen Erfolg wünschen würde, ist Forchheims Wirtschaftsförderer Viktor Naumann. „Hier geht es um eine Revolution in der Krebsbehandlung. Die Ansiedlung von Lina Thera ist eine einmalige Chance für Hallerndorf und die gesamte Wirtschaftsregion Forchheim, um ihre gesundheits- und medizintechnische Ausrichtung weiter zu stärken“ sagte Naumann gegenüber dem Fränkischen Tag. Er ist zugleich Geschäftsführer des Medical Valley in Forchheim, in dem sich Lina Thera übergangsweise ansiedeln will, falls der Standort Hallerndorf Realität wird, um von dort aus den Aufbau des Betriebs zu managen. 

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