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Rüstungs-Experte im Interview
Wie Oberfrankens Firmen vom Rüstungs-Boom profitieren sollen
Welche Bedeutung hat und bekommt die Rüstung für Frankens Wirtschaft? Christoph Heinen, Leiter des Innovationsnetzwerks Tech HUB SVI von der Bayern Innovativ GmbH, spricht im exklusiven Interview über die Chancen und Herausforderungen in der Region.
Welche Bedeutung hat und bekommt die Rüstung für Frankens Wirtschaft? Christoph Heinen, Leiter des Innovationsnetzwerks Tech HUB SVI von der Bayern Innovativ GmbH, spricht im exklusiven Interview über die Chancen und Herausforderungen in der Region. // Fotos: Axel Heimken (dpa), Tech HUB SVI
Forchheim – Unternehmen aus Franken finden im milliardenschweren Rüstungssektor ganz neue Chancen, sagt Innovations-Experte Christoph Heinen. Wo die Potenziale schlummern – und wo Hürden lauern.

Die Themen Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit gewinnen in Deutschland seit Jahren wieder an Bedeutung. Das drückt sich nicht nur in Debatten über eine neue Wehrpflicht oder etwaige Nato-Bündnisfälle aus, sondern dominiert vor allem auch die Gespräche über die Ausrichtung der deutschen Wirtschaft.

Um sich für die Zukunft aufzustellen, Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen sowie Start-ups zu vernetzen, gibt es in Bayern das in Nürnberg ansässige TechHUB SVI von der Bayern Innovativ GmbH. Im exklusiven Interview erklärt Christoph Heinen, Leiter des Innovationsnetzwerks Sicherheit bei der Bayern Innovativ GmbH, wie Franken auf den Rüstungs-Boom vorbereitet ist, warum viele Firmen Potenziale mitbringen und welche Hürden es noch zu überwinden gilt. 

Interview Christoph Heinen, Leiter Leiter Innovationsnetzwerk Sicherheit, Bayern Innovativ GmbH

Herr Heinen, Deutschland will derzeit in Windeseile nachholen, was jahrelang versäumt wurde. Um die Republik „kriegstüchtig“ zu machen (Boris Pistorius, Verteidigungsminister), will die Bundesregierung allein im laufenden Jahr fast 85 Milliarden Euro ausgeben. Eine gute Nachricht für die deutsche Wirtschaft, oder?

Christoph Heinen: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren nicht nur den Aufruf der Zeitenwende und die Aufstellung des Sondervermögens festgestellt, sondern eine komplette Umstrukturierung des gesamten Bundeswehrapparats und des Verteidigungsministeriums erlebt. Beide nehme ich derzeit als viel innovationszentrierter wahr, als es in der Vergangenheit der Fall war.

Christoph Heinen, Leiter des TechHUB SVI: „Wir sehen jede Menge Möglichkeiten, Innovationen aus der Fläche und aus Start-ups heraus an die Anwender zu bringen".
Christoph Heinen, Leiter des TechHUB SVI: „Wir sehen jede Menge Möglichkeiten, Innovationen aus der Fläche und aus Start-ups heraus an die Anwender zu bringen". // Foto: TechHUB SVI

Wer, glauben Sie, wird vom aktuellen Verteidigungs-Boom am meisten profitieren?

Die Bundeswehr erneuert sich gerade in Rekordgeschwindigkeit. Das Gute: Es geht nicht mehr nur darum, mit einigen großen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Sondern es geht um neue Ansätze mit ganz unterschiedlichen Unternehmen, die ihren Beitrag hierfür leisten können. Wir sehen jede Menge Möglichkeiten, Innovationen aus der Fläche und aus Start-ups heraus an die Anwender zu bringen.

Blicken wir in unsere Region, Franken gilt nicht als Ballungszentrum für die klassische Rüstungsindustrie. Ändert sich das gerade?

Das wird die Zeit zeigen. Die Wirtschaft vor allem in Oberfranken ist sehr stark im Zulieferbereich für die Automotive-Industrie tätig. Es gibt dort viele Kompetenzen, die in der Rüstungsindustrie gebraucht werden.

Was kann die Automobilindustrie, was im Rüstungssektor so gefragt ist?

Ein Beispiel: Lang setzten große Traditionsunternehmen auf Manufakturfertigung, in einzelnen Bereichen wechseln sie nun schon auf Serienfertigung. Und das, indem sie gezielt Kompetenzen aus der Automotive-Industrie zu sich geholt haben. Davon wiederum kann die oberfränkische Wirtschaft insgesamt profitieren.

Es geht um viele verschiedene Kompetenzen, vor allem Automation und Digitalisierung in der Produktion. Mit der Digitalisierung geht zum Beispiel das Thema Cybersicherheit einher, das in Rüstungsindustrie selbstverständlich auch eine große Rolle spielt. All das ist in Oberfranken bereits vorhanden.

Einige Großkonzerne aus der Region, wie Schaeffler beispielsweise, haben bereits gesagt, stärker ins Rüstungsgeschäft einsteigen zu wollen. Wie schaut es mit den Mittelständlern aus?

Wir nehmen insgesamt aus der hiesigen Automobilindustrie heraus ein großes Interesse wahr, in eine Kooperation mit der Rüstungs- und Verteidigungsindustrie zu gelangen.

Und warum ist das so?

Wir als TechHUB SVI sind auf der Suche nach Kompetenzen, um Innovationsprojekte zu starten. Viele auch bislang branchenfremde Firmen kommen zu unseren Netzwerktreffen und wollen ihre Expertisen einbringen. Sicher gibt es auch andere Unternehmen, die aktuell lediglich nach neuen Zielmärkten suchen, die sich durch das Sondervermögen ergeben haben. Das sind aber nicht die Akteure, die bei uns Anschluss suchen.

Bayern gilt jetzt schon als Zentrum der Verteidigungsindustrie in Deutschland. Wird Franken das neue Zentrum des Zentrums?

Was Bayerns Führungsrolle betrifft, stimme ich zu. Ich glaube aber nicht, dass es das eine Zentrum geben wird. Dafür sind die Themen zu unterschiedlich.

Nun ist es auch nicht so, dass eine Firma plötzlich komplett auf den Verteidigungssektor umschwenken muss, nur weil sie Interesse an dem Themengebiet bekundet, oder?

Höchstwahrscheinlich wäre es nicht sinnvoll, das gesamte Geschäftsmodell auf einen neuen Markt in einer sehr dynamischen Entwicklung umzustellen. Denn es geht in der Regel lediglich darum, einzelne Sparten umzubauen. Viele haben in der Vergangenheit schon mit der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zusammengearbeitet. Gleichzeitig erleben einige gerade einen Abbau im Sektor Automotive und wollen dies ein Stück weit durch den Defence-Markt kompensieren.

Welche Branchen kämen denn noch infrage?

Wir beim Tech HUB SVI besprechen regelmäßig mit den wichtigsten Akteuren die großen Themen und Technologiefelder. Unser Ziel: Innovation auf die Straße bringen. Im vergangenen Jahr war das Thema Drohne entscheidend. Und dafür braucht es nicht nur Spezialisten aus dem Bau militärischer Drohnen, sondern auch Expertise aus den Felder Sensorik, neue Werkstoffe, Künstliche Intelligenz. Für andere Fokusthemen gilt das ähnlich; unser Mehrwert für die bayerische Wirtschaft ist es, das Thema Verteidigungstechnologie branchenübergreifend anzugehen.

Zur Info: Was ist das TechHUB SVI eigentlich?
Zur Info: Was ist das TechHUB SVI eigentlich? // Bildmaterial: Bayern innovativ

Und für all diese Themen ist in Franken genügend Potenzial vorhanden?

Ob Digitalisierung, Materialforschung oder Elektronik – Franken verfügt über verteidigungsrelevante Schlüsselkompetenzen, die wir mittels TechHUB in die Anwendung überführen können.

Erwarten Sie einen anhaltenden und nachhaltigen Umstieg auf Rüstung? Oder eher einen Kurzzeiteffekt?

In der Frage schwingt mit, dass sich Verteidigungs- und Zivilthemen gegenüberstünden. Aber es gibt viele Übertragungseffekte. Wenn hier wie dort Innovationen entstehen, profitieren alle davon. So ergibt sich durch das Entwickeln moderner Verteidigungstechnologien für die gesamte Wirtschaft eine Nachhaltigkeit und andersherum.

Nun darbte die Rüstungsbranche lange Zeit unter einem gewissen Schmuddel-Image. Wie ist es heute?

Vertreter aus der Industrie schildern, dass sie oft vor verschlossenen Türen standen, wenn sie auf Forschungseinrichtungen und Universitäten zugegangen sind. Manche nannten Friedens- oder Zivilklauseln, andere lehnten es aus persönlichen Gründen ab. Seit ungefähr zwei Jahren erleben wir aber einen deutlichen Zulauf von Wissenschaftseinrichtungen, die kooperieren wollen. Gleiches erleben wir auch bei branchenfremden Unternehmen. Wir haben schon viele Projekte angestoßen, die früher so nicht möglich gewesen wären.

Abgesehen vom neuen Pioniergeist, welche Herausforderungen gibt es noch?

Innovationsprozesse werden offener und in kürzeren Zyklen gedacht... Hürden gab es und gibt es weiterhin. Wir bewegen uns als Innovationstreiber innerhalb dessen, was möglich ist. Und das ist eine ganze Menge.  

Der Freistaat rollt der Rüstungsindustrie aktuell den roten Teppich aus. Erst diese Woche hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ein Gesetz zur Förderung der Verteidigungsindustrie angekündigt. Dessen Ziel: Rüstungsunternehmen sollen sich einfacher ansiedeln, einfacher bauen und schneller planen können. Was halten Sie davon?

Es ist noch zu früh für eine Einschätzung. Aber das Gesetz wird ein großer Schritt in die richtige Richtung sein.

Herr Heinen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

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