0
Kriegsindustrie in Franken
Nach Schaeffler: Auch Forchheimer Firmen setzen auf Rüstung
Die Rüstungsindustrie boomt in Deutschland, das merken nicht nur namhafte Hersteller wie Diehl aus Nürnberg. Auch bislang eher branchenfremde Firmen drängen auf den Markt. Auch in Franken.
Die Rüstungsindustrie boomt in Deutschland, das merken nicht nur namhafte Hersteller wie Diehl aus Nürnberg. Auch bislang eher branchenfremde Firmen drängen auf den Markt. Auch in Franken. // Foto: Diehl Defence GmbH & Co. KG
Forchheim/Herzogenaurach – Der Zulieferkonzern Schaeffler steigt verstärkt in die Rüstungsindustrie ein. Auch im Landkreis Forchheim setzen einige Firmen bereits auf den Wachstumsmarkt Militär. Andere zeigen sich bereit.

Gaza, Ukraine, Äthiopien, Sudan.

Weltweit gibt es aktuell zahlreiche Kriege sowie kriegerische Auseinandersetzungen, die obige Liste ließe sich fortführen. Was auf der einen Seite immenses Leid und Zerstörung mit sich bringt, sorgt auf der anderen Seite für volle Auftragsbücher in der Rüstungswirtschaft.

Rüstungsindustrie boomt: Rheinmetall, Airbus, Hensoldt und Diehl

Zuvorderst stehen die großen Namen wie Rheinmetall, Airbus, Hensoldt und Diehl (aus Nürnberg), insgesamt beschäftigt die Rüstungsbranche laut Bundeswirtschaftsministerium gut 105.000 Menschen, Branchen-Beobachter rechnen gar mit noch mehr. Tendenz: steigend. Ähnliches gilt für den Umsatz; so gibt allein Deutschlands größtes Rüstungsunternehmen Rheinmetall für das vorige Jahr einen Umsatz von beinahe zehn Milliarden Euro an. Tendenz wahrscheinlich: steigend.

Durch betriebswirtschaftliche Brillen blicken andere Branchen neidisch auf diese Entwicklungen. Mehr noch, immer mehr namhafte Unternehmen wollen vor allem in diesen unsicheren Zeiten an dem Rüstungsboom partizipieren. Auch in Franken.

Schaeffler Herzogenaurach: Ausbau des Rüstungsgeschäfts

Nachdem Klaus Rosenfeld Ende Juni in einem TV-Interview bereits angekündigt hatte, über einen größeren Einstieg der <strong>Schaeffler AG</strong> in die Rüstungsindustrie nachzudenken, legt der Vorstandsvorsitzende in einem Interview mit der Börsen-Zeitung Anfang September nach: „Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie. Ein Projektteam erarbeitet dazu die Details unserer Produkt-, Fertigungs- und Vertriebsstrategie.“

Schaeffler prüft Einstieg in Rüstungsindustrie
Derzeit liefert Schaeffler nur im Rahmen seiner Luftfahrt-Geschäfte in den USA für die Rüstungssparte (Archivbild). Daraus könnte bald schon mehr werden, sagt der Vorstandsvorsitzende Klaus Rosenfeld. // Julian Stratenschulte/dpa

Aber Verteidigung sei „kein Modethema“, so Rosenfeld, man müsse es langfristig denken. Auch benötige man hierfür ein „eigenständiges, sehr robustes Geschäftssystem“. Immerhin, der Herzogenauracher Zulieferer-Multi mit weltweit gut 112.000 Mitarbeitenden muss nicht bei null anfangen. Schaeffler sei schon immer mehr als Auto gewesen, betont Rosenfeld schon lange.

Neben der Automobilbranche bediene Schaeffler schon immer auch andere Sektoren, darunter die Rüstungsindustrie. „Wir produzieren zum Beispiel seit Jahren Lager für Militärflugzeuge“, sagt der Schaeffler-Chef im Interview weiter. Zwar mache das mit weniger als einem Prozent einen geringen Teil des Gesamtgeschäfts der Schaeffler-Gruppe aus, wie ein Sprecher sagt. Perspektivisch ist die Marschroute in Herzogenaurach klar: „Schaeffler könnte in verschiedenen Waffensystemen Beiträge als Zulieferer leisten, sei es Wasser, Luft oder See“, wie Rosenfeld bereits Ende Juni verkündet hatte.

Firmen aus Landkreis Forchheim: Ebenfalls bald Rüstungszulieferer?

Könnte Schaeffler als Blaupause für weitere fränkische Unternehmen dienen? Tatsächlich wäre das Thema Rüstung für einige Mittelständler in der Region interessant. Denn das Wachstumspotenzial sei in der Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft gemäß den NATO-Zielvorgaben und bundesdeutschen Plänen zur Steigerung des Verteidigungsetats groß, erklärt Malte Tiedemann, Experte für sicherheits- und verteidigungspolitische Fragen der IHK für Oberfranken Bayreuth.

Malte Tiedemann, Ansprechpartner für sicherheits- und verteidigungspolitische Fragen der IHK für Oberfranken Bayreuth
Malte Tiedemann, Ansprechpartner für sicherheits- und verteidigungspolitische Fragen der IHK für Oberfranken Bayreuth // Foto: Ochsenfoto.de

„Forschung und Entwicklung in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie bedeutete in der Vergangenheit auch meist ein Innovationsschub für einzelne zivile Branchen“, sagt er auf Anfrage von fraenkischertag.de. „Inwiefern die Transformation der Automobilindustrie dadurch vorangebracht wird, lässt sich nur schwer vorhersagen. Aufgrund der meist vergleichsweise kleinen Stückzahlen wird es aber wohl nur für einzelne Unternehmen eine Möglichkeit sein, sich breiter und resilienter aufzustellen“.

Firma Waasner: Momentan nicht, irgendwann vielleicht schon

Anders als beispielsweise das renommierte Prüf- und Kalibrierungslabor EMCC Dr. Rašek aus Ebermannstadt, das schon längst auf Kunden aus der Rüstungsindustrie setzt, wagen sich andere erst vorsichtig an die neuen Branchen heran.

So suche beispielsweise die Elektrotechnische Fabrik GmbH Gebrüder Waasner derzeit keine speziellen Kunden oder Anwendungen aus der Rüstungsindustrie. Geschäftsführer Michael Waasner fügt aber hinzu, dass er durchaus Potenziale für die Zukunft sehe: „Ich kann mir vorstellen, dass Drohnenhersteller im militärischen Bereich die nötigen Elektromotoren nicht mehr in China kaufen werden, sondern dort rein europäische Wertschöpfungsketten aufbauen werden. Das könnte für uns eine Chance darstellen.“

Wie schaut es bei Loparex und Weber & Ott aus?

Darüber hinaus gibt es einige Firmen, die indirekt bereits für die Rüstung produzieren. So meldet beispielsweise der Forchheimer Folienhersteller Loparex, dass manche ihrer Kunden Verbundwerkstoffe für Luftfahrt und Verteidigung einsetzen würden. Anders Weber & Ott aus Forchheim die ihre Kernkompetenz in der Mode sehen. Doch auch sehe man sich offen: „Seit vielen Jahren beliefern wir jedoch Polizei und Technisches Hilfswerk mit Hemden und Blusen. Vor diesem Hintergrund könnten wir unsere Erfahrung bei Bedarf auch für die Ausstattung der Bundeswehr einbringen“, schreibt eine Sprecherin auf Anfrage.

Viele Firmen zeigen sich öffentlich zurückhaltend

Es lassen sich in der Region weitere Firmennamen finden, die direkt oder indirekt für den Verteidigungssektor arbeiten beziehungsweise produzieren oder forschen. Doch viele davon wollen sich zu ihrem Engagement nicht öffentlich äußern, andere mit Bereich Rüstung in Verbindung gebracht werden. Diese Zurückhaltung hat mehrere Gründe. Zum einen kann sich die Rüstungsbranche trotz aktueller Entwicklungen noch nicht von ihrem Negativ-Image befreien. Und: Es sei nicht einfach, wirtschaftlich erfolgreich im Rüstungsmarkt Fuß zu fassen, sagen Wirtschaftsexperten.

„Die Hürden sind nicht zu unterschätzen. Der Wechsel von ziviler zu militärischer Produktion ist komplex“, schreibt IHK-Experte Malte Tiedemann. Die Rüstungsindustrie produziere in geringeren Stückzahlen, zudem würden Mitarbeitende einer zum Teil aufwendigen Sicherheitsüberprüfung durch Behörden und Nachrichtendienste unterzogen und die notwendigen militärischen Zertifizierungen seien häufig zeit- und kostenaufwendig.

 

Inhalt teilen
  • kopiert!