Ein Epizentrum der Energiewende. Große Worte, mit denen Maximilian Dürre beschreibt, woran er und seine Leute tagtäglich in Forchheim arbeiten. Und von dort aus in die gesamte Welt exportieren. Um seine Aussage zu beweisen, lädt Dürre zu einem Blick hinter die Kulissen der Firma ein, die seiner Meinung nach die Gehirne für die Erzeugung und den Transport von Energie entwickelt und produziert. Ohne Forchheim keine Energiewende? Das wollen wir uns genauer ansehen.
Unscheinbarer Riese in Forchheim: Siemens Energy
Unscheinbar warten Geschäftsführer Maximilian Dürre und sein Mitarbeiter Florian Sichart auf einer Art Hinterhof eines großen Logistikgebäudes in der Nähe des Forchheimer Bahnhofs. Hinter den beiden, neben dem Eingang, kündet ein noch unscheinbareres Schild von der Firma, die im Inneren agiert: Siemens Energy. Genau, jener Dax-Konzern mit Sitz in Erlangen, der in mehr als 90 Ländern gut 97.000 Mitarbeitende beschäftigt und auf dessen Technologien laut eigener Aussage rund ein Sechstel der weltweiten Stromerzeugung basieren.
Vor einem Teil eben jenes Konzerns stehen wir in diesem Moment. Wenn man Dürre glauben darf, sogar einem der wichtigsten Teile. Während wir einen freien Besprechungsraum suchen, legt er bereits los und erklärt eifrig, was sein Team in Forchheim tut. „In Forchheim entwickeln wir zum Beispiel die Leittechnik für die Steuerung von Gleichstromübertragungsanlagen und flexiblen Drehstromübertragungssystemen“, erklärt Dürre. Er bemerkt die Fragezeichen in den Augen seines Gegenübers konkretisiert. „Vereinfacht gesprochen, entwickeln und testen wir Systeme, mit Hilfe derer Stromautobahnen elektrische Energie durchs ganze Land transportieren, Offshore-Windparks ans Netz angebunden und die Netzstabilität gewährleistet werden kann.“
Von der Idee zur Software
Das läuft in der Regel so, dass ein Kunde, beispielsweise ein Stromnetzbetreiber, eine Anlage samt Leittechniksystem bestellt. Etwa eine Konverterplattform, die als eine Art Umspannwerk beim Stromtransport von einem Offshore-Windpark an Land dienen soll. Dann legen Dürres Leute los. Die meiste Arbeit findet an Laptops statt, vor Ort und remote arbeiten Dutzende Softwareentwickler an den Programmen. Stehen die Studien und das Grobdesign so weit, kommen die Regelungstechniker und Elektrotechniker zum Zug und installieren die Steuerungssysteme in den vorab fertig gelieferten Schaltschränken auf, um sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Wie das aussieht, will er nun demonstrieren.
Wir verlassen den Besprechungsraum, passieren eine Brandschutztür und stehen im Herzstück des Forchheimer Siemens Energy-Standortes: dem Testzentrum. Dort reihen sich auf mehr als 6000 Quadratmetern Fläche, aufgeteilt auf zwei Stockwerke, Hunderte Computerschränke aneinander, dazwischen stehen Tische mit Computern und Kisten mit Tausenden Steckern und kilometerlangen Kabeln. Für den Laien sieht es aus wie ein viel zu groß geratener Serverschrank, wie ihn jede Firma irgendwo in einem Vorratsraum versteckt hat. Und ein bisschen stimmt es ja auch.
Testzentrum: Wie ein überdimensionaler Serverraum
Es ist recht kalt, die Kühlung läuft auf Hochtouren. Dürre übergibt das Wort an Florian Sichart, Softwareentwickler für Leittechnik. „Hier bauen wir die Systeme auf, die wir für unsere Kunden herstellen, und testen sie.“ Zumindest virtuell. Weil sie nicht für jeden neuen Auftrag erst ein komplettes Stromnetz bauen können, simulieren sie dessen Betrieb mit Hochleistungsrechnern und passen mithilfe des digitalen Zwillings ihr Produkt an die Erfordernisse und Kundenwünsche an. Immer und immer wieder durchlaufen die Systeme die akribischen Testverfahren. Erst dann kommen sie in den Einsatz. „Es gibt eine Null-Fehler-Politik“, sagt Dürre. „Nur was absolut störungsfrei funktioniert, wird den Kunden geliefert.“ Projekte können deswegen mitunter Jahre dauern.
Tausende Berechnungen während eines Augenblinzelns
Sichart erklärt die Komplexität der Computersysteme am Beispiel der Netzstabilität. Im Stromnetz müssen Frequenzabweichungen vermieden werden. Hierfür können zum Beispiel Schwungmasseräder oder eben Leistungselektronik und Computersysteme genutzt werden. Computersysteme von Siemens Energy zum Beispiel. Wenige Millisekunden hat der Computer Zeit, um zu messen, wie das Netz läuft, zu rechnen und gegebenenfalls zu regeln. Und das unaufhörlich.
„Wenn man sich vor die Anlage stellt und blinzelt, wurden in dieser Zeit 8900 Neuberechnungen durchgeführt“, sagt Sichart. Genauso ist es bei den Anlagen, die für Netzstabilität sorgen sollen. Fällt etwa ein Baum auf eine Leitung, muss man – also das System – schnell reagieren. Und das klappt: Laut Sichart habe ein Bundesbürger im Jahr 2022 wegen ungeplanter Störungen durchschnittlich nur 12,2 Minuten ohne elektrische Energie aushalten müssen. Dass unser Netz derart stabil ist, hat nicht wenig mit Arbeit von Dürres Leuten in Forchheim zu tun.
Siemens Energy Forchheim: 6000 Quadratmeter Testfläche
Knapp 200 Menschen verschiedener Nationen sind etwa täglich vor Ort, etwa 1000 Mitarbeitende haben eine Zugangsberechtigung, seit der Standort vor drei Jahren eröffnet worden ist. Außerdem kommen regelmäßig Kunden aus der ganzen Welt, um ihre bestellten Systeme abzunehmen. „Solche End-Tests können dann auch ein paar Wochen dauern“, sagt Dürre. Auch wenn sie in Forchheim „nur“ die Software für die Anlagen produzieren, ohne das Forchheimer Werk würde wohl weniger Windkraft produziert und Strom transportiert.
Und Dürre blickt zufrieden in die Zukunft, lässt sich auch von dem generellen Straucheln seines Konzerns nicht davon abbringen. Im Herbst 2023 ist da Unternehmen in die Schlagzeilen geraten, weil es um milliardenschwere staatliche Garantien bitten musste, um seine hohen Verluste seiner Windkraft-Tochter Siemens Gamesa zu kompensieren. Nun scheint es aufwärtszugehen. Wie Vorstands-Chef Christian Bruch bei der Vorstellung der neuesten Zahlen nun sagte, brauche der „schnell wachsende Strommarkt eine große Bandbreite“ an Produkten von Siemens Energy. „Besonders profitieren davon unsere Geschäfte mit den Gasturbinen und der Netztechnik.“ Siemens Energy ist sogar auf Kurs zum ersten Jahresgewinn seiner noch jungen Geschichte.
Also auch Dürres Geschäft in Forchheim. Das freut ihn und er geht bereits davon aus, dass ein weiterer Ausbau des Testzentrums notwendig sein wird. Aufträge gebe es genug, man habe gut zu tun, sagt er. Somit wächst es in Forchheim also weiter, das hiesige Epizentrum der Energiewende.
Lesen Sie auch:

















