Aussicht, Küchenzeile, Bad. So klingt gutes Wohnen. Durchgangszimmer, Doppelstockbetten, abschließbarer Spind, Lärm, Scham. So klingt Realität.
Die Farbe ist noch frisch, man riecht es. Die Einrichtung ist karg, es stehen ein paar Betten an der Wand, daneben Spinde mit Schloss, eine kleine Küchenzeile. Sonst nichts, sodass es beim Sprechen sogar unangenehm hallt. Aktuell steht die Mehrbettzimmer-Wohnung leer, aber nicht mehr lange. Sie stehen nie lange leer. Für viele Menschen sind Zimmer wie diese die letzte Hoffnung, nicht auf der Straße leben zu müssen.
Haus der Wohnungsnotfälle Forchheim: Besseres Leben?
Aussicht. Wer das „Haus der Wohnungsnotfälle“, wie es die Stadt Forchheim offiziell bezeichnet, im Eggolsheimer Weg besucht, wird zweifellos mit diesem Begriff konfrontiert. Dort im äußersten Forchheimer Norden gibt es einen atemberaubenden Blick über die noch weitgehend unbebaute Flur, bei klarer Sicht kann man sogar bis Eggolsheim schauen. Und es gibt Aussicht auf ein besseres Leben, ein Zurück in eine wieder geordnete Welt.
Rosi, 64 Jahre alt: „Zu Hause ist es doch am schönsten“
Ihre Welt im Eggolsheimer Weg gefunden hat Rosi. Die 64-Jährige heißt eigentlich anders, will aber nicht in der Öffentlichkeit erkannt werden. Sie gilt als Urgestein der Einrichtung, ist von Beginn an hier. Eingezogen ist sie damals gemeinsam mit ihrem Mann. Als der an Krebs erkrankte und nicht mehr als Kraftfahrer arbeiten konnte, ging ihnen das Geld aus. Sie arbeitete zwar weiter in der Küche eines Großunternehmens in der Gegend, aber ihr Verdienst alleine reichte nicht. Zumal sie einen Großteil ihrer Ersparnisse in die Behandlung ihres Mannes investieren mussten. Plötzlich war das Geld weg, dann die Wohnung.
Mittlerweile ist Rosis Mann verstorben, sie lebt nun alleine hier. Ob sie sich wohlfühle? Sie lacht zahnlos. „Ich mache das Beste draus und nehme das Leben mit Humor.“ Auch ihr gehe es gesundheitlich nicht mehr so gut, doch sie brauche nicht viel, lese gerne, mache Kreuzworträtsel, unterhalte sich mit ihren Nachbarn. Sie schwenkt ihren Arm wie eine Stadtführerin über den Ausblick. „Urlaub brauche ich nicht, zu Hause ist es doch am schönsten.“
Zu Hause. So sieht sie es hier. Und doch antwortet sie, nach ihrem größten Wunsch gefragt, so: „Ich möchte gesünder sein, um wieder arbeiten zu können. Und dann hätte ich vielleicht wieder Aussicht auf eigene Wohnung.“
Lisa Herfurth vom Fachdienst Wohnungslosigkeit der AWO Forchheim
Treffen mit Lisa Herfurth. Sie wohnt nicht hier, lädt vielmehr in ihr kleines Büro mit der großen Glastür am Eggolsheimer Weg ein, von wo aus sie sich als die Leiterin des Fachdienstes Wohnungsnot der Forchheimer Arbeiterwohlfahrt (AWO) ihren Klienten annimmt. „Wenn die Menschen hier ankommen, sind sie oft innerlich am Boden“, sagt Herfurth. Mit ihren Wohnungen verlören die Leute ein Stück ihrer Identität, und zwar nicht nur, weil sie in der Regel einen Großteil ihrer Besitztümer zurücklassen müssten.
Hauptsächlich gehe es natürlich darum, ihnen schnellstmöglich ein Dach über dem Kopf zu geben. Aber nicht nur. „Meine Kolleginnen und ich sind ihre Vertrauensleute und helfen ihnen, etwa bei der überbordenden Bürokratie.“
Oft sind Depressionen und Suchtprobleme im Spiel
Und fast alle haben Hilfe nötig. Die meisten haben herbe Schicksalsschläge erlebt. Die Partner sind verstorben, sind selbst schlimm krank geworden, haben plötzlich ihre Arbeit verloren. „Dann geht es schnell“, so Herfurth. „Vor allem, wenn Depressionen oder Suchtprobleme eine Rolle spielen.“ Die Betroffenen finden über Monate nicht aus ihrem Tief heraus, öffnen keine Briefe mehr, plötzlich steht der Gerichtsvollzieher vor der Tür. „Dann fallen die Menschen aus allen Wolken, wie in einem schlechten Traum.“
Die wichtigste Erkenntnis: Es kann jeden treffen. Wenn Herfurth und ihr Team von einem Fall rechtzeitig erfahren, versuchen sie über die AWO-Fachstelle zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit präventiv zu helfen. Doch häufig ist es schon zu spät. Sobald jemand „unfreiwillig obdachlos“ wurde, wie es offiziell heißt, greift das Liegenschaftsamt der Stadt Forchheim ein. Denn alle Gemeinden sind verpflichtet, Notunterkünfte für Obdachlose vorzuhalten.
Andreas, 46 Jahre alt: „Wollte nie hier landen.“
Erster Anlaufpunkt in Forchheim ist oft der Eggolsheimer Weg. So war es auch für Andreas. Der 46-Jährige wurde aus der Wohnung geschmissen, in der er als Untermieter lebte. Vor knapp drei Jahren war das. Seither sucht er eine Wohnung, bislang erfolglos.
„Ich wollte nie hier landen“, sagt er. Aber er wüsste nicht, wohin sonst. Zeitweise hatte er mit psychischen Problemen zu kämpfen, auch familiär ist unter anderem mit seinen sechs Kindern in der Vergangenheit vieles nicht gut gelaufen. Er hat Arbeit, teilweise sogar zwei Jobs, ist willig. „Ich möchte gerne wieder ausziehen, doch so leicht ist das nicht.“
Als Übergangslösung gedacht, oft Daueradresse
So leicht ist es nie. „Zum Teil wohnen die Menschen hier bis ins hohe Alter“, sagt Lisa Herfurth. „Manche sogar, bis sie sterben.“ Ursprünglich war der Eggolsheimer Weg als Übergangslösung gedacht. Abstürzen, aufnehmen, ausziehen. Doch so funktioniert das nicht. „Der Wohnungsmarkt wartet leider nicht auf Menschen, die als aktuelle Adresse den Eggolsheimer Weg angeben“, so Herfurth. Der Eggolsheimer Weg: Hoffnungsschimmer und Stigma zugleich.
Stadt Forchheim, GWS und AWO Forchheim
56 Plätze gibt es in der Wohnanlage, verteilt auf 36 Zimmer. Voll ist es im Moment nicht. Aber der Herbst steht vor der Tür, der Bedarf wird steigen. Familien und Kinder leben hier nicht, die sind in dezentralen Wohnungen verteilt über die Stadt untergebracht.
Es gibt hier einen Waschraum mit Münzautomat, eine kleine Bibliothek, einige Plastikmöbel im Innenhof und Lisa Herfurths Büro. 2011 ist das stadteigene Gebäude als Obdachlosenheim eröffnet worden, verwaltet wird es von der Wohnungsbau- und Sanierungsgesellschaft (GWS), betreut von der AWO. Ganz umsonst wohnt es sich hier nicht, die Stadt erhebt eine Gebühr. Das muss sie, die wird in der Regel von Jobcenter oder Grundsicherung übernommen.
Laut dem Bundesamt für Statistik sind zum Stichtag 31. Januar dieses Jahres 215 wohnungslose Menschen im Landkreis Forchheim untergebracht, etwa zwei Drittel davon werden in der Stadt Forchheim gezählt. Im Eggolsheimer Weg wohnen im Moment 39 Personen, hauptsächlich Männer. Doch diese Zahl schwankt stetig. Es ist ein Kommen und Gehen.
Bernd, 67 Jahre: „Halte mich aus allem raus“
Wer gerne schnell wieder gehen möchte, ist Bernd. Auch der 67-jährige gebürtige Forchheimer heißt eigentlich anders. Jahrzehntelang bereiste er als Mitarbeiter der Ölindustrie die Welt, spricht mindestens ein Dutzend Sprachen, verdiente gut. Eine neue Liebe ließ seine Ehe scheitern, er überließ ihr die Wohnung, lebte eine Zeit lang im Hotel. Dann waren die Ersparnisse weg. Weil er nie bei einem deutschen Unternehmen angestellt war, kämpft er nun mit hohen Rechnungen für Krankenversicherung und für seine Altersbezüge.
Seit 2018 wohnt er im Eggolsheimer Weg. „Ich halte mich hier aus allem raus“, sagt er. Womit er die regelmäßigen Streitigkeiten meint, die nicht selten auch gewalttätig enden können. Eine Wohnung in Forchheim zu finden, hat er aufgegeben. Zu viele Rückschläge, zu wenig Perspektive. Er sieht traurig aus, selbst wenn er von seinem Traum erzählt, eines Tages mit seiner Freundin in Kamerun zusammenleben zu können.
Warum sich ein Blick über den Tellerrand der Gesellschaft lohnt
Zusammenleben. Das tun sie hier am Eggolsheimer Weg, trotz des zum Teil sicher begründeten schlechten Rufs. Diebstähle, Gewalt, Drogen gehören zum Alltag. Dass die Einrichtung direkt neben der Polizeiinspektion gebaut wurde, kann Zufall sein. Vielleicht aber auch nicht. Trotz allem helfen sich die Bewohner untereinander, wo sie können, sind füreinander da. Der eine richtet Handys neu ein, die andere verleiht Werkzeuge.
„Wir müssen uns doch unterstützen“, sagt Rosi dazu. Und lacht wieder. Es ist dieser Gedanke, der bleibt, wenn man einen Blick über den Rand der Forchheimer Gesellschaft wagt.
Der Gedanke, dass dieser Rand in Forchheim mit dem Eggolsheimer Weg überhaupt einen Platz hat, ist gut. Sozialpädagogin Lisa Herfurth nennt Forchheims Umgang mit Obdachlosigkeit gar „vorbildlich“. Der Gedanke jedoch, dass dieser Rand aus Menschen besteht, aus Einzelschicksalen, aus bewegenden Geschichten, die sich anzuhören lohnen, muss noch weiter keimen.
Gegen den prekären Wohnungsmarkt und die vielfältigen Auslöser für Obdachlosigkeit ist Lisa Herfurth selbst mit bestem Willen machtlos. Sie und ihr Team erhalten den Menschen in ihren ausweglos scheinenden Verhältnissen aber ihre Würde und schenken ihnen Zuversicht.
Dafür braucht es manchmal gar nicht viel. Manchmal reichen schon Bad, Küchenzeile, Aussicht.
+++ Bewohner aus Forchheim, die obdachlos sind, müssen sich beim Liegenschaftsamt der Stadt Forchheim unter Telefon 09191/714-258 obdachlos melden. Wer möglicherweise bald obdachlos werden könnte oder Probleme mit dem Mietverhältnis hat, kann sich auch an die Fachstelle zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit der AWO unter Telefon 09191/3405949 wenden.+++
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