Es ist eigentlich ein normaler Donnerstagmorgen in Erlangen. Jana K. (Name von der Redaktion geändert) liegt in ihrem Bett und schläft, doch dann schreckt sie hoch. Jemand liegt auf ihr, versucht, ihr etwas einzuflößen. Fäuste treffen sie. „Er hat geschrien: Warum bist du nicht tot, ich habe dich erstochen. Erst da habe ich die Stiche realisiert“, erzählt die junge Frau gut ein halbes Jahr nach diesem Tag am Landgericht Nürnberg. Nur wenige Meter neben ihr sitzt der mutmaßliche Täter – ihr Exfreund.
Jana K. schafft es in jener Nacht im April, den Notruf zu alarmieren, wenig später sind Polizisten vor Ort. Während Beamte ihren Partner auf dem Flur vor der Wohnung dingfest machen und auf dem Boden festhalten, wird sie selbst erstversorgt, dann in ein Krankenhaus gebracht. Nach der Tat verbringt K. mehrere Wochen in einer Psychiatrie, erzählt sie. „Meine linke Gesichtshälfte funktioniert bis heute noch nicht richtig, er hat meine Nerven durchtrennt.“
Landgericht Nürnberg: Prozess um versuchten Totschlag
Ein paar Stühle weiter blickt Lukas M. (Name von der Redaktion geändert) stumm auf den Tisch vor sich. Hin und wieder ein leichtes Kopfschütteln, ansonsten ist aus dem Zuschauerraum keine Reaktion erkennbar. Als Fotos der Tatnacht auf den Bildschirmen gezeigt werden, scheint die Sachlage klar zu sein. Blutspuren an den Wänden und Türen, eine Blutlache auf dem Bett, daneben eine weitere Lache, vermutlich von dem Chlorreiniger, den M. versucht hat, seiner Freundin einzuflößen. Das Messer, das der 25-Jährige benutzt hat, liegt im Bad in einer Kiste.
Doch ganz so einfach ist es für die fünfte Strafkammer nicht. Denn M. hat eine Vorgeschichte. Zum Zeitpunkt der Tat soll er sich in einem Ausnahmezustand befunden haben. Von einer „paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie“ ist in der Anklageschrift die Rede. „Ich war nicht mehr bei Verstand, ich habe mir Sachen eingebildet. Dass sie nicht mehr menschlich sei und es auf mich abgesehen habe. Ich dachte, sie ist der Teufel“, schildert er vor Gericht.
Mutmaßlicher Täter aus Erlangen ist schuldunfähig
Beamte, die in der Tatnacht mit M. zu tun hatten, berichten, dass er kaum ansprechbar gewesen sei. „Ich habe ihn belehrt, aber ob er das verstanden hat, kann ich nicht sagen“, erzählt ein Polizist vor Gericht. Ein weiterer Beamter trifft M. auf der Polizeiinspektion. „Er hat von sich aus immer wieder gesagt, er sei verletzt. Er sagte, er wird angegriffen von Dämonen, Geistern und dem Teufel“, sagt eder Zeuge vor Gericht aus. „Sein Blick ging immer nur ins Leere.“
Während des ersten Prozesstages ergibt sich ein tragisches Bild der Wochen und Monate vor der Tat. Schon zweimal hatte M. vor besagter Aprilnacht Psychosen entwickelt. Die erste, so sagt er, sei in Hamburg aufgetreten, nachdem er entführt und vergewaltigt worden sei. Nach einer psychiatrischen Behandlung habe er die Medikamente eigenmächtig wieder abgesetzt. Er habe sie nicht mehr gebraucht, sagt er. Später verschlechtert sich sein Gesundheitszustand in Erlangen erneut. Wieder bekommt er Medikamente, wieder setzt er sie ab. „Ich dachte, ich bin geheilt“, erklärt er. Eine ambulante Therapie findet trotz ärztlicher Empfehlung nicht statt.
Drogenkonsum und abgebrochene Medikation
Seine ehemalige Freundin, das Opfer, berichtet jedoch, er habe die Medikamente nicht ganz abgesetzt. Sie selbst habe mehrfach neue Tabletten mit ihm in der Klinik geholt. „Aber er hat sich nicht an den Plan gehalten“, führt sie aus. Mal habe er ein paar Tage lang viel mehr Tabletten eingenommen, als ärztlich verordnet, dann wiederum tagelang gar keine.
Dazu sei der Konsum von Drogen gekommen: LSD, Kokain, Methamphetamin, magic mushrooms – die Liste an Substanzen, die er „nur ausprobiert“ haben will, ist lang. „Wenn er was genommen hat, hat es gereicht für drei Tage wach“, sagt das Opfer.
Dass sein Zustand erneut dabei sei, sich zu verschlechtern, habe M. selbst schon Monate vor der Tat bemerkt. „Ich weiß noch, dass ich komische Gedanken hatte“, erklärt er. Und auch Jana K. spricht von Veränderungen an ihm. Er sei aggressiv gewesen, schnell „hochgefahren“. Im Februar schlägt der Angeklagte auf seine damalige Freundin ein. Bilder zeigen ihr geschwollenes Gesicht und die Brandnarbe einer ausgedrückten Zigarette über ihrer Brust. „Ich wollte, dass er sich einweisen lässt, aber er ist nicht gegangen. Sogar meine Mutter hat ihm gesagt, er soll sich einweisen lassen“, berichtet sie.
Angeklagter sprach wochenlang von Dämonen und Engeln
Der Angeklagte hingegen behauptet, sie habe ihn nicht gehen lassen wollen. Auch dass er schon vor der Tat häufig von Engeln und Dämonen gesprochen habe, sagen beide übereinstimmend. Als der vorsitzende Richter nach der Reaktion der Angehörigen von M. fragt, überlegt dieser lange. „Eigentlich haben sie mich bestärkt“, sagt er.
Inzwischen, so betont er, sei er auf neue Medikamente eingestellt. „Ich habe verstanden, dass ich auf die Medikamente angewiesen bin, vermutlich ein Leben lang“, erklärt er. „Ich möchte ein anständiges Leben führen, ohne Straftaten.“ Für das Gericht bleibt in den folgenden vier Verhandlungstagen vor allem zu klären, ob M. weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und ob eine Unterbringung nötig ist.














