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Sensationsfund
Höchstadter graben Bierfass von 1905 aus - heute Verkostung
Während der „Handschachtung“ am Karpfenkreisel legten die Bauarbeiter das über hundert Jahre alte Fass frei.
Während der „Handschachtung“ am Karpfenkreisel legten die Bauarbeiter das über hundert Jahre alte Fass frei. // Martin Regner
Höchstadt a. d. Aisch – Bauarbeiter haben am Karpfenkreisel ein über 100 Jahre altes Fass Bier einer heimischen Brauerei freigelegt. Wer kosten möchte, fährt heute nach Neuhaus.

Die Bauarbeiten zur Erneuerung der B 470 waren schon für manche Überraschung gut, aber damit hatte nun wirklich niemand gerechnet: In der Baugrube direkt am Karpfenkreisel in Höchstadt stießen die Arbeiter, die dort zurzeit mit den Händen graben, am Donnerstag auf ein altes Bierfass der Löwenbräu aus Neuhaus.

„Da habe ich auf einmal einen Gegenstand im Boden gespürt“, erinnert sich Jonas Bayerlein an den Moment kurz nach seiner Mittagspause am Donnerstag, als er gerade dabei war, das Loch im Boden weiter auszuheben.

„Ich habe nachgeschaut und zuerst gedacht, dass es vielleicht ein großer Steinbrocken oder eine alte Fliegerbombe sein könnte. Aber dann habe ich gesehen, dass da ein Holzfass in der Erde steckt.“

Im Bauhof wird gesäubert

Mit Schaufeln und ihren Händen legten Bayerlein und seine Kollegen das unverhoffte Fundstück vorsichtig weiter frei: „Wir wollten das auf keinen Fall kaputt machen. Da war ja womöglich noch was drin.“

Die Baufirma verständigte den Höchstadter Bürgermeister Gerald Brehm, der das Fass erst einmal in den städtischen Bauhof abtransportieren ließ. Dort wurde das Fundstück noch am Donnerstagnachmittag von einer dicken Schicht Schmutz und Erde befreit.

Unter dem Dreck kam ein ins Holz gebrannter Schriftzug zum Vorschein, der noch lesbar war: „H. Wirth Neuhaus“.

Braumeister bestätigt Schriftzug

Sollte hier also ein altes Fass Bier der heute noch existierenden Löwenbräu im Boden geschlummert haben?

Braumeister Hans-Günter Wirth, der heute die Neuhauser Brauerei leitet, hat sich jedenfalls bereits ein Bild von der Lage verschafft. Und er bestätigt gegenüber dem FT, dass es sich um ein Fass aus dem Betrieb seiner Familie handelt: „Der Schriftzug ist eindeutig von uns.“

Brauer  und Biersommelier Hans-Günther Wirth geht davon aus, dass das Bier im Fass ein Dunkles ist. Am Samstag wird er es anzapfen.
Brauer und Biersommelier Hans-Günther Wirth geht davon aus, dass das Bier im Fass ein Dunkles ist. Am Samstag wird er es anzapfen. // Martin Regner

Doch wie alt ist das Fundstück? Dazu kann auch Wirth nur Vermutungen anstellen, denn ein Produktions- oder Haltbarkeitsdatum ist an dem äußerlich stark in Mitleidenschaft gezogenen Fass nirgends erkennbar.

Einen Anhaltspunkt gibt es aber doch: „In der Familie erzählt man sich, dass im Dezember des Jahres 1905 ein Pferdefuhrwerk, das Bier unserer Brauerei in den mittleren Aischgrund transportieren sollte, bei Höchstadt verunglückt sein soll.“ Ein Teil der Ladung ging damals verloren.

Ist das Bier noch trinkbar?

Womöglich wartete das von der Kutsche gefallene und dann vergessene Fass demnach seit 118 Jahren auf seine Wiederentdeckung.

Die spannendste Frage in diesem Zusammenhang ist natürlich, ob der Inhalt diese lange Zeit, in die immerhin zwei Weltkriege und die deutsche Wiedervereinigung fallen, überstanden hat. Und ob das Bier im Fass womöglich sogar noch trinkbar ist?

Nach über 100 Jahren wieder im Besitz der Familie Wirth: das Fundfass vom Höchstadter Karpfenkreisel.
Nach über 100 Jahren wieder im Besitz der Familie Wirth: das Fundfass vom Höchstadter Karpfenkreisel. // Martin Regner

Die Antwort auf diese Frage gibt es am heutigen Samstag. Denn der Neuhauser Brauereichef hat sich mit dem Höchstadter Bürgermeister spontan darauf verständigt, den seltenen Inhalt des alten Fasses den von Umleitungen und Baulärm geplagten Höchstadtern zur Verfügung zu stellen. Und zwar kostenlos.

Das historische Fass soll am heutigen Samstag um 11 Uhr an der Lkw-Laderampe im Hof der Neuhauser Brauerei geöffnet werden.

Falls sich der vermutlich anno 1905 gebraute Inhalt gehalten hat, rechnet Wirth, der nicht nur Brauer sondern auch ausgebildeter Biersommelier ist, mit einem eher säuerlichen Aroma.

Trinkbar könnte der Gerstensaft seiner Einschätzung nach durchaus noch sein: „Es gibt regelrechte Fankreise für eigentlich überaltertes Bier. Nachdem das Fass für Jahrzehnte unter der Erde lag, könnte das Bier durchaus noch genießbar sein.“

Füllmenge von 16,4 Litern

Schließlich, so argumentiert Wirth weiter, war die unbeabsichtigte Lagerung dort sowohl kühl als auch dunkel. Beste Bedingungen also für eine lange Haltbarkeit.

Außerdem von Vorteil: Das umgebende Erdreich hat das Fass immer schön feucht gehalten. Das war wichtig, denn ansonsten wäre das Holz im Lauf der Zeit ausgetrocknet und hätte sich zusammengezogen: „Dann hätte das Fass undicht werden können.“

Nach Einschätzung des Brauers handelt es sich bei dem Fundbier wahrscheinlich um ein Dunkles. Diese Sorte war zur Jahrhundertwende weit verbreitet. Ein ins Holz geschnitzter Schriftzug auf der Oberseite des Fasses weist außerdem aus, dass es eine Füllmenge von 16,4 Litern hat.

Heute Verkostung in Neuhaus

Die Tage bis zur Verkostung verbrachte das historische Fass wohl behütet im Kühlraum der Löwen-Brauerei.

Wer eine Probe des vermutlich ältesten fränkischen Biers verkosten möchte, wird gebeten, zur feierlichen Öffnung des Fasses am heutigen Samstag um 11 Uhr in der Löwen-Brauerei in Neuhaus sein eigenes Sektglas mitzubringen.

Aufgrund des zu erwartenden Besucherandrangs bekommt jeder Interessent nur ein Schlückchen ausgeschenkt, erklärt Hans-Günter Wirth. Außerdem kämen im Sektglas die feinen Aromen viel besser zur Geltung als etwa in einem Krug.

Es dürfte sich lohnen, schnell zu sein. Das wertvolle Fundbier gibt es nur, so lange der Vorrat reicht.

 

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