Herr Brandenburg, Sie haben die digitale Revolution für Musik ausgelöst, indem Sie aufgezeichneten Ton von jeglichen Trägermedien befreiten. Wie kam es dazu?
Karlheinz Brandenburg: Das ging in Erlangen los mit meinem Doktorvater Professor Dieter Seitzer. Der hatte die Idee, Musik über ISDN-Anschlüsse in hoher Qualität zu den Leuten nach Hause zu übertragen. Das wollte er zum Patent anmelden, aber der Patentprüfer hat ihm gesagt, dass Musikübertragung in hoher Qualität viel höhere Bitraten erfordert, als es die ISDN-Leitung ermöglicht. Und unmögliche Dinge könnten nicht patentiert werden.
Daraufhin hat Professor Seitzer nach einem Doktoranden gesucht, der sich das mal näher anschaut. Ich war dort gerade mit meiner Diplomarbeit fertig und er hat mir das Thema vorgeschlagen. Ich habe mir zuerst gedacht „Naja, eigentlich hat der Patentprüfer Recht. Aber vielleicht wird da zumindest eine Dissertation draus und hinterher mache ich dann was Richtiges.“
Sie ahnten also nicht, dass aus der Idee einmal etwas ganz Großes wird?
Nein, meine eigene Einschätzung war damals am Anfang auch falsch. Aber ich habe dann jahrelang intensiv an der digitalen Audiokompression gearbeitet. Erst an der Uni als Doktorand, dann später im Team am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) bei Professor Heinz Gerhäuser. Als Doktorand habe ich noch selber programmiert und versucht, ob das Verfahren nicht vielleicht doch funktionieren könnte. Später war ich als Abteilungsleiter am IIS in der Standardisierung aktiv und bin um die ganze Welt gereist, um das von uns entwickelte Verfahren zu verbreiten und Lizenznehmer dafür zu finden.
Das Format MP3 ist ein großer Meilenstein gewesen, vergleichbar mit der Erfindung der Glühbirne oder des Dieselmotors. Deren Erfinder Thomas A. Edison und Rudolf Diesel kennt man auf der ganzen Welt. Auch MP3 ist weltweit ein Begriff, aber der Name Karlheinz Brandenburg kommt da nicht ganz mit. Wären Sie gern berühmter?
Ich habe den Eindruck, dass ich schon sehr berühmt bin. Mehr muss eigentlich nicht sein (lacht). Wenn ich wo bin wie kürzlich beim Digitalgipfel in Jena oder auf Konferenzen zur Audiotechnik werde ich dauernd von Leuten angesprochen, die mich zwar noch nie gesehen aber schon von viel mir gehört haben. Und dann werde ich öfter um ein gemeinsames Selfie gebeten. Und ich sage es mal so: Man muss nicht Fußballspieler oder Popstar sein, um nach Autogrammen gefragt zu werden.
Es gibt aber immer wieder auch die Situation, dass mich die Leute anschauen, als hätte ich einen Heiligenschein. Das mag ich eher weniger. Klar, ich habe gute Arbeit gemacht. Aber andere haben auch gute Arbeit gemacht. Dass daraus gleich ein Heiligenschein gezimmert wird, damit tue ich mich immer noch schwer. Auch nach so vielen Jahren.
Sie sind in die „Internet Hall of Fame“ aufgenommen worden, haben die Helmholtz-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Akustik bekommen, den Zukunftspreis des Bundespräsidenten, das Bundesverdienstkreuz und viele weitere nationale und internationale Ehrungen. Was bedeutet Ihnen die „Digital Processing Medal“, die Sie jetzt erhalten haben?
Das war mir so wichtig, dass ich meine Reisepläne geändert habe, um bei der Verleihung vor Ort zu sein. Ich genieße das natürlich, das will ich gar nicht bestreiten. Und jeder dieser Preise ist anders. Mir ist aber eines bewusst: Wenn man schon zehn Preise hat, dann kommen die nächsten viel einfacher. Aber es ist schon immer wieder toll.
Dä-dä-dä-dä, dä-dä-dä-dä … Der Song „Tom’s Diner“ von Suzanne Vega hat Sie damals bei der MP3-Entwicklung in Erlangen vor große Herausforderungen gestellt. Gefällt Ihnen das Lied ganz persönlich?
Immer noch, ja (lacht). Es gab andere Musikstücke, wo man zusammengezuckt ist beim Testen. Aber wenn heute „Tom’s Diner“ im Radio kommt, dann ist das immer ein schöner Moment. Ich habe Suzanne Vega auch schon zwei Mal getroffen. Sie weiß, welche Bedeutung sie für MP3 hat und bezeichnet sich selbst gern als „Mutter von MP3“. Als sie mal für ein Konzert in Nürnberg war, haben die Kollegen aus Erlangen ein Treffen mit ihr im Institut arrangiert. Dabei haben wir ihr erklärt, dass es nicht nur einen Vater von MP3 gibt, sondern viele. Und dann hat sie uns lachend gefragt, ob es denn so gut ist, wenn es eine Mutter und viele Väter gibt ...
Es gibt technische Standards, die sich unantastbar etabliert haben wie die DIN-Steckdose oder die Spurweite von Eisenbahnschienen. Andere Standards sind tot wie die Videokassette oder sterben gerade wie die Glühbirne. Wird es die MP3 ewig geben oder kommt irgendwann der Punkt, an dem wir sie nicht mehr benutzen?
MP3 ist das Verfahren, das überall abspielbar ist. Die Glühbirne hat mit den LED-Leuchten Nachfolger im selben Format bekommen und so ähnlich ist das bei MP3 auch: Das Nachfolgeverfahren heißt „Advanced Audio Coding“ (AAC) und ermöglicht bei niedrigen Bitraten die höchsten Tonqualitäten. Da werden keine Kompromisse mehr gemacht und auch goldene Ohren können keinen Unterschied mehr feststellen. Das ist der direkte Nachfolger von MP3 und deren Fortentwicklung. Das ist also eine große Erfolgsgeschichte, die bis heute weitergeht. Und die Grundidee der Audiokodierung wird auch in Jahrzehnten noch verwendet werden.
Die Schallplatte hat trotz MP3 überlebt und hat bis heute ihre Fans und ihren Markt. Wann haben Sie zuletzt eine Vinylplatte in der Hand gehabt?
Ich weiß zumindest, wo ich welche finde (lacht). Ich habe noch eine Wohnung in Erlangen, da stehen noch einige Platten rum. Aber in der Hand gehabt? Das könnte über zehn Jahre her sein. Ich weiß auch gar nicht, ob mein Plattenspieler in Erlangen noch funktioniert.
Der Mittelpunkt Ihrer Arbeit liegt seit mehr als 20 Jahren an der TU Ilmenau in Thüringen und Sie reisen regelmäßig um die ganze Welt. Wie oft sind Sie noch an Ihrer alten Wirkungsstätte in Erlangen anzutreffen?
So etwa einmal im Monat. Wir haben einen Freundeskreis, mit dem wir uns regelmäßig treffen. Das IIS in Erlangen lädt mich auch immer zur Weihnachtsfeier ein. Dieses Jahr schaffe ich das leider nicht, aber sonst bin ich da immer sehr gerne dabei.
Sie sind fast 70, forschen munter weiter und sind als Experte international gefragt. Ist das Wort „Ruhestand“ für Sie überhaupt vorstellbar?
Ehrlich gesagt: Nein. Ich verbiete auch allen Leuten, das Wort in Bezug auf mich zu verwenden. Ich habe erst kürzlich in Ilmenau eine neue Firma gegründet, da sind wir jetzt 17 Leute. Der Kontakt mit den jungen Menschen ist immer ein Frischebrunnen für mich. Wir versuchen da, im Audiobereich wieder Furore zu machen. Und das macht wieder richtig Spaß so wie vor 30 Jahren.
Man wird also wieder von Ihnen hören?
Ja, man wird noch von mir hören. Ganz sicher.
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