Deutschland sieht wieder keinen Stich, haben viele selbst ernannte Fußballexperten vor der aktuell laufenden Europameisterschaft prophezeit. Das Gegenteil scheint der Fall, sowohl sportlich als auch nach Feierabend. Angesprochen auf die Frage, ob die DFB-Elf die letzten Gruppenspiele im Herzogenauracher Teamquartier auf der Videoleinwand im Freien hätte schauen wollen, antwortete Bundestrainer Julian Nagelsmann Folgendes: „Wir haben eine abartige Mückenplage. Wir müssen hoffen, dass ein bisschen Wind geht. Sonst gehen wir ins Büro.“ Im gesamten Freistaat häufen sich aktuell die Meldungen exorbitant häufig umher surrender Blutsauger.
Nach dem vor allem in Südbayern so verheerenden Starkregen und der aktuell sehr warmen Luft finden Mücken derzeit optimale Brutbedingungen. „Durch den vielen Regen haben sich Tümpel oder Pfützen gebildet, die sich nun ideal für die Eiablage eignen“, sagt Julian Heiermann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). „Das kann noch ein sehr mückenreicher Sommer werden.“ Bereits der kurze Winter sei den Mücken zupassgekommen, weshalb die Mückenweibchen im Moment wieder ausschwärmen. Laut Heiermann benötigen sie das Protein aus ihrer Blutmahlzeit, um nach der Befruchtung Eier zu bilden und abzulegen. Ohne Protein aus Blut können sich Mücken nicht fortpflanzen.
Mücken: Wie schlimm ist die Lage in Franken?
Fragt man bei den Menschen rund um den Homeground in Herzogenaurach, lässt sich auf den ersten Blick keine Plage erkennen. Herzogenaurachs Försterin Heike Grumann beispielsweise ist täglich in den Wäldern unterwegs. „Klar kriege ich auch täglich Stiche ab, aber das ist im Sommer doch normal.“, sagt sie. Gut seien die vielen sandigen Böden in der Gegend, in denen das Wasser gut und schnell versickern kann. „Ich kann uns nicht als großes Mückenplageland identifizieren“, meint Heiermann, schränkt aber ein, dass es sehr wohl große regionale Unterschiede geben werde.
Weg vom Wald, hin zum Wasser. Mindestens in der Nähe von Wasser legen die Stechmückenweibchen ihre Eier ab, in einem sechswöchigen Leben einer weiblichen Mücke kommen durchschnittlich 600 bis 800 Eier zusammen. Perfekte Bedingungen für die Mücken müssten sich demnach im Aischgrund finden, einem der bekanntesten Teichgebiete Deutschlands. Dort bewirtschaften etwa 1200 Teichwirte eine Wasserfläche von etwa 3000 Hektar. Für die Fußballexperten entspricht das etwa 4200 Mal dem Spielfeld im Nürnberger Max-Morlock-Stadion. Genügend Fläche für unzählige Mückeneier.
Teichgenossenschaft Aischgrund: „Gehört dazu"
„Klar gibt es Mücken, wir kennen das hier so“, sagt Walter Jakob, der Vorsitzende der Teichgenossenschaft Aischgrund. „Aber es sind nicht auffallend mehr oder weniger als in den Jahren zuvor.“ Überhaupt störe ihn der Hype, der jährlich um solche vermeintlichen Plagen entsteht. „Wir haben – zumindest hier im Aischgrund – eine intakte Natur, zu der gehören Insekten dazu. Auch Stechmücken, auf die stellen wir uns einfach ein.“
Weltweit sind laut Angaben des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Erlangen etwa 3.500 Stechmückenarten erfasst, allein in Bayern schwirren demnach gut 50 Arten um unsere Ohren herum. Als in erster Linie störend empfinden die meisten Menschen den Juckreiz nah dem Stich. Doch manche Arten können auch gefährliche Krankheiten übertragen. Allen voran die Asiatische Tigermücke. Seit kurzem läuft vom LGL aus das Bayerische Stechmücken-Monitoring, mit dem sich die Erlanger Experten weiteres Wissen über die Verbreitung sogenannter gebietsfremder Stechmücken erhoffen.
Warum Stechmücken so wichtig für die Natur sind
Und so wenig trostreich für den Geplagten das klingen mag, ein Plus an Stechrüsslern hat auch sein Gutes. Wie der Artenschutzleiter des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) Thomas Aumer mitteilt, profitierten einige Tierarten davon, beispielsweise Fledermäuse, Fische und Vögel. Aumer geht aber noch weiter: „Wichtig für die gesamte biologische Vielfalt wäre dauerhaft ein stabiler, artenreicher Insektenbestand, um das Insekten- und damit auch das Artensterben wieder einzudämmen.“ So seien die häufig nach Hochwasser auftretenden Überschwemmungsmücken für Vögel wie Mauersegler und Schwalben ein willkommenes zusätzliches Nahrungsangebot. „Wer diesen Vögeln Brutplätze anbietet, kann indirekt etwas gegen mögliche Plagen tun.“
Ob es sich nun langfristig lohnt, Nistkästen im Teamquartier des DFB anzubringen, sei dahingestellt. Weil aber der globale Warenhandel und die zunehmende internationale Mobilität des Menschen sowie anhaltende klimatische Veränderungen (Klimawandel) die Ausbreitung und das Überwintern gebietsfremder Mückenarten laut Nabu weiter begünstigen, müssen sich die Nagelsmänner und der Rest der Republik auf ein Zusammenleben mit den Mücken einstellen.
Was gegen die Mückenplagegeister helfen kann
Hier gibt es einige Tipps, um den Stechmücken (die entgegen landläufiger Meinung nicht vom Licht angezogen werden, sondern von menschlichen Duftstoffen, die bei der Zersetzung von Schweiß auf der Haut entstehen) zu entgehen. Wenn es schon zu spät ist, raten Experten unbedingt vom Kratzen ab. Dadurch könnten andere Erreger wie Bakterien am Mückenstich eindringen. Das Motto lautet: Vorsorge ist besser als Nachsicht.
Fünf Tipps gegen das große Stechen
- Wer keine Mücken mag, sollte windige Ecken aufsuchen, wenn es windig ist. Stechmücken mögen lieber Flaute.
- Ein Schlafzimmer mit Klimaanlage senkt das Risiko, des Nachts heimgesucht zu werden. Denn bei niedrigeren Temperaturen stechen Mücken weniger zu.
- Zersetzter Schweiß enthält Duftstoffe, welche Mücken zielsicher zu ihrer menschlichen Blutquelle führen. Eine tägliche Dusche (am besten mit geruchsneutraler Seife oder Duschgel) spült die Lockstoffe von der Haut.
- Je weniger Haut, desto weniger Andockstellen zum Blutsaugen: gut sind langärmlige Shirts und lange Hosen aus Baumwolle (möglichst in hellen Farben)
- Wer Sonnenschutzcreme verwendet, sollte diese etwa eine halbe Stunde vor dem Anti-Mücken-Spray auftragen.
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