Bernd Montag breitet die Arme aus und schüttelt Frank-Walter Steinmeier freundlich die Hand. „Wir sind schon ein bisschen stolz über Ihren Besuch“, gesteht der Chef von Siemens Healthineers dem Bundespräsidenten gleich zur Begrüßung.
Der höchste Amtsträger der Republik hat sich am Dienstag nach Erlangen aufgemacht, um der fränkischen Medizinindustrie als mutmachendes Musterbeispiel zukunftssicherer Arbeitswelten höchstpersönlich seine Aufwartung zu machen. Unter der Überschrift „Werkstatt des Wandel“ will Steinmeier der Bevölkerung die Angst vor dem Wandel der Wirtschaft nehmen und der Transformation die notwendige Zuversicht verpassen.
Neues Training Center für Siemens Healthineers
Dass sich Steinmeier wohl kaum einen besseren Ort für diese Mission aussuchen konnte, schwant dem Bundespräsidenten wohl spätestens beim Aussteigen aus der Staatskarosse in der imposanten Allee am Röthelheimpark. Für rund 55 Millionen Euro hat der Gesundheitskonzern hier kürzlich ein funkelnagelneues „Training Center“ zur Aus- und Weiterbildung eröffnet (der FT berichtete).
Neben Kunden und Mitarbeitern aus aller Welt werden hier auch rund 500 Auszubildende fit gemacht für die moderne Arbeitswelt. Im ersten Stock lernt auch die 17-jährige Laura Katz aus Kersbach bei Forchheim, wie präzise Platinen der Spitzenklasse hergestellt werden.
Siemens Healthineers: 12.000 Mitarbeiter in Erlangen und Forchheim
„Ich mache eine Ausbildung zur Elektrikerin und bin jetzt im zweiten Lehrjahr“, sagt Laura und erzählt, dass es total viel Spaß macht, mit Menschen aus aller Welt an den Medizinprodukten der Zukunft zu arbeiten. Rund 70.000 Menschen beschäftigt Siemens Healthineers in 75 Ländern der Welt.
Allein 12.000 Mitarbeiter arbeiten aktuell am Heimatstandort in Erlangen und Forchheim. Die Tendenz scheint nach der sanften Abnabelung vom Mutterkonzern und dem erfolgreichen Börsengang vor fünf Jahren stetig nach oben zu gehen.
Fast 70 Prozent der Magnetresonanztomographen aus Erlangen und Computertomographen aus Forchheim gehen in den Export und sorgen für Rekordumsätze. Erst 2022 hatte der Konzern, der mit Siemens nicht nur im Namen weiter verbunden ist und heute die neuesten Geschäftszahlen vorstellen will, mit über 20 Milliarden Euro einen Rekordumsatz vermelden können.
Dieser Erfolg hat sich auch bis ins Schloss Bellevue herumgesprochen. Die Gesundheitswirtschaft biete nicht nur innovative Arbeitsplätze, sondern steuere laut Steinmeier auch immer mehr zum Bruttosozialprodukt des Landes bei. Mit dem entscheidenden Vorteil, dass Gesundheit im Gegensatz zu Autos etwa immer Konjunktur hat.
Trotzdem stünde die Medizinindustrie laut Healthineers-Boss Bernd Montag noch viel zu wenig im öffentlichen Fokus. Zumal sich in der Branche wie im Brennglas die Herausforderungen der Gesellschaft wie Digitalisierung und Fachkräftemangel widerspiegelten.
Als deutschlandweit größtes Unternehmen in der Gesundheitsbranche fungiert Siemens Healthineers auch im benachbarten „Medical Valley Center“ (MVC) als Ankerpunkt. Neben der Zentrale des Medizinriesen in der Henkestraße sitzt das Netzwerk aus mehr als 250 Pionieren, Forschern und Vorreitern der regionalen Medizintechnik.
„Wir wollen den Weg von der bahnbrechenden Idee bis zur tatsächlichen Verbesserung für die Patienten verkürzen“, hat Professor Jürgen Schüttler als stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats dem Bundespräsidenten zum Auftakt seiner Visite in Erlangen erklärt.
„Es gibt im Medical Valley Erfolgsgeschichten, die hier ihren Anfang nehmen, aber auch solche, die bereits geschrieben wurden – beide zusammen bilden ein starkes Fundament für den Innovationsgeist, den das Cluster prägt“, betonte Schüttler und schwärmte vom einzigartigen Ökosystem aus rund 100 Lehrstühlen und 500 Unternehmen der Medizinbranche in der Metropolregion.
Medical Valley Award für GraspAgain
Ein aktueller Shootingstar im fränkischen Medizintal ist das Team von „GraspAgain“ rund um Professor Allesandro Del Vecchio von der Friedrich-Alexander-Universität (FAU), das erst kürzlich mit dem mit 500.000 Euro dotierten „Medical Valley Award“ ausgezeichnet worden ist. „Wir wollen die Handfunktion von Menschen mit neuromuskulären Einschränkungen wie bei Querschnittsgelähmten wiederherstellen“, erklärte der Spezialist für neuronale Interfaces.
Im Werkstattgespräch hat Steinmeier erfahren, dass die Startbedingungen für Gründer etwa mittels Reduzierung von Bürokratie und flexiblere Finanzierung verbessert werden müssten. Auch könnten Gründerinnen noch besser unterstützt werden, um die männlich dominierte Gründungskultur in der Medizintechnik weiblicher machen zu können.
Derweil hat der Bundespräsident am Dienstag versucht, die Chancen und weniger die Probleme in den Vordergrund zu rücken - damit Deutschland die Transformationen gestalten könne und nicht erleiden müsse. „Wir haben das Potenzial dazu“, hat er vor seiner Abfahrt aus Erlangen betont.
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