Am 26. Oktober sollte ein neuer Seelsorger in der Gemeinde Wallenfels offiziell seinen Dienst starten - nun kommt es allerdings doch anders: Das Erzbistum sieht nun doch davon ab, den Mann einzusetzen - denn er ist in der Vergangenheit offenbar als Missbrauchstäter in Erscheinung getreten. Und das, während er nicht weit von seinem jetzigen Einsatzort entfernt in einer Kronacher Kirchgemeinde als Pfarrer tätig war.
Zwei Tage vor offizieller Einführung: Betroffenenbeirat äußert Bedenken gegen Einsatz eines ehemaligen Priesters in Neuengrün
Doch noch einmal zurück zum Anfang: Der Betroffenenbeirat im Erzbistum Bamberg wendet sich am Donnerstagnachmittag (24. Oktober) an Erzbischof Herwig Gössl sowie Generalvikar Georg Kestel - das Schreiben ist zeitgleich auch an die Medien gegangen. Darin heißt es, dass der Betroffenenbeirat aus verschiedenen Quellen erfahren habe, dass ein ehemaliger Pfarrer als Seelsorger für die Pfarrei Neuengrün, die Filiale Wolfersgrün und die Filialgemeine Schnaid im Seelsorgebereich Frankenwald in zwei Gottesdiensten am Wochenende eingeführt werden soll. Und das, obwohl ihm vor etwa zwei Jahren die Auflage erteilt worden war, keine seelsorglichen Tätigkeiten auszuüben oder Gottesdienste zu leiten. "Die Begründung für die Auflage sei damals seine 'Missbrauchsvergangenheit' als Täter gewesen", steht in dem Schreiben.
Der Betroffenenbeirat habe auch erfahren, dass der Missbrauch durch den damals noch aktiven Pfarrer zwar schon vor Jahrzehnten stattgefunden habe, das Tatgeschehen an sich aber "als unstrittig feststehend" gesehen werden müsse. Eine Aufarbeitung mit dem damaligen Pfarrer und seinem Opfer habe allerdings nie wirklich stattgefunden. "Auch wissen wir, dass viele Seelsorger und Menschen in den Gemeinden sowie der Umgebung große Bedenken gegen die Beauftragung des ehemaligen Pfarrers haben, und dass eine tiefgreifende Spaltung in den Gemeinden befürchtet wird: das Unverständnis, ihn zu rehabilitieren, ist groß."
Betroffenenbeirat bittet Erzbischof und Generalvikar, von Einsatz des Pfarrers im Kreis Kronach abzusehen - mit Erfolg
Der Betroffenenbeirat bitte deshalb Erzbischof Herwig Gössl und Generalvikar Georg Kestel darum, von einer Beauftragung des ehemaligen Pfarrers für seelsorgliche Aufgaben abzusehen. "Aus diesen Gründen sehe der Betroffenenbeirat, auch mit Verweis auf die Interventionsordnung der Deutschen Bischofskonferenz, die Bedingungen für einen Einsatz des ehemaligen Pfarrers in der Seelsorge auf keinen Fall als erfüllt an", heißt es in dem Schreiben.
Das Erzbistum Bamberg reagiert sofort - und zieht die Notbremse: "Aufgrund der über den konkreten Fall hinausgehenden Irritationen, zahlreicher Rückmeldungen und geäußerter Bedenken sieht das Erzbischöfliche Ordinariat davon ab, den ehemaligen Pfarrer mit Aufgaben in der Seelsorge zu beauftragen. Insofern bleibt es bei der bisherigen Regelung, dass er auf die Ausübung seelsorglicher Tätigkeiten verzichtet", teilt Harry Luck, Pressesprecher des Erzbistums Bamberg, auf Nachfrage unserer Zeitung mit.
"Intime Beziehung": Das wird dem ehemaligen Pfarrer vorgeworfen
In diesem Zusammenhang erklärt Luck auch, was es mit dem Fall konkret auf sich habe - und warum der betroffene Pfarrer trotz der bekannten Vorwürfe gegen ihn bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand in einer oberfränkischen Gemeinde noch aktiv gewesen ist: Tatsächlich gehen die Vorwürfe laut Luck auf eine "intime Beziehung" zurück, die der ehemalige Pfarrer laut eigenen Angaben zwischen 1987 und 1994 mit einem Jugendlichen gehabt haben soll - zu Beginn dieser Beziehung sei der Jugendliche 14 Jahre alt gewesen. Als diese Vorwürfe bekannt geworden sind, wurde der Dienst des Pfarrers in einer Kirchgemeinde im Kreis Kronach sofort ausgesetzt - wenige Monate später wurde der Dienst in dieser Gemeinde gänzlich beendet.
Direkt im Anschluss habe sich besagter Pfarrer in psychotherapeutische Behandlung gegeben. Ein zeitgleich eingeleitetes Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft Coburg sei eingestellt worden, da die Vorwürfe nach damaligem Recht inzwischen verjährt gewesen sind. Weil ihm eine positive Prognose ausgestellt worden war, ist der Pfarrer wieder in der Pfarrseelsorge eingesetzt worden - unter der Auflage, dass sich besagter Pfarrer weiterhin psychotherapeutisch begleiten lassen müsse. "Nach heutigen Erkenntnissen wäre eine solche Entscheidung sicherlich anders ausgefallen", so Luck.
Pfarrer seit Vorfall im Kreis Kronach nicht erneut auffällig geworden
Der Einsatz in der neuen Pfarrei sei von Protesten begleitet worden. "Seit Mitte der 90er Jahre hat es aber keine weiteren Vorwürfe gegen den Pfarrer gegeben", so Luck. Erst nach dem Jahr 2010 - als der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche publik wurde - ist auch der Fall aus dem Kreis Kronach wieder diskutiert worden. 2011 habe es Gespräche mit dem Pfarrer, der Missbrauchsbeauftragten und dem Generalvikar gegeben, weil sich der Betroffene beim Erzbistum gemeldet hatte. Im Jahr 2012 habe der Pfarrer schließlich eine "Anerkennungsleistung" an den Betroffenen gezahlt. Auch die Diözesanleitung habe damals den Kontakt zum Betroffenen gesucht.
Die von der Deutschen Bischofskonferenz bereits im Jahr 2002 beschlossenen Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen seien im Jahr 2010 überarbeitet, erweitert und präzisiert worden. "Im Hinblick auf diese neuen Leitlinien wurden auf Initiative der Erzdiözese Bamberg und mit Einverständnis des Pfarrers im Jahr 2011 von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Kutzenberg zwei Gutachten erstellt, das 'psychiatrische Sachverständigengutachten' und das 'psychologische Zusatzfachgutachten'. Aufgrund dieser fachwissenschaftlichen Beurteilungen, die für den Verbleib des Pfarrers in der Pfarrseelsorge keine Gefährdung sah, blieb der Pfarrer weiterhin tätig", so Luck.
Protest gegen gottesdienstliche Aushilfen in der Pfarrgemeinde Wallenfels: Auflage gegen Pfarrer erteilt
Und wie ist es dann doch vor zwei Jahren zu der Auflage gekommen, dass der Pfarrer nicht mehr seelsorglich tätig werden darf? Das geht darauf zurück, dass der Pfarrer nach seinem Ruhestand von einer anderen oberfränkischen Gemeinde in den Frankenwald zurückgekehrt war - und dort gottesdienstliche Aushilfen wahrgenommen hat. "Aufgrund der in der Region neuerlich aufkommenden Diskussion um seine Person, wurde er im September 2022 vom Generalvikar gebeten, keine priesterlichen Dienste mehr wahrzunehmen."
Wie wird die Entscheidung vor Ort wahrgenommen? Jens Korn, Bürgermeister von Wallenfels, begrüßt es, dass sich Erzbischof Herwig Gössl der Entscheidung seines Vorgängers Ludwig Schick angeschlossen hat und den Pfarrer darum bittet, weiterhin von der Ausübung des priesterlichen Dienstes abzusehen. "In einem sehr ausführlichen Gespräch, um das mich Erzbischof Gössl gebeten hatte, habe ich mich dafür ausgesprochen, so zu verfahren." Er habe dies getan, weil er um die Einheit in seiner Stadt Wallenfels besorgt gewesen sei.
Bürgermeister von Wallenfels: Entscheidung geht eine emotionale Debatte voraus
"In den letzten Wochen kam es zu teils sehr emotionalen Diskussion zwischen Gläubigen, die ihn wieder im priesterlichen Dienst sehen wollen, und solchen, die dies aufgrund der Missbrauchsgeschichte unserer Pfarrgemeinde ablehnen. Allerdings wäre ich glücklicher, wenn uns diese Diskussionen erspart geblieben wären."
Der zweite Grund, weshalb er den Schritt begrüße: In den vergangenen Jahren habe er Kontakt zu Missbrauchsbetroffenen gehabt. "Ich habe Menschen kennengelernt, für die der erfahrene Missbrauch eine unauslöschliche Hypothek für ihr weiteres Leben ist. Anders als die Täter haben sie keine Möglichkeit auf eine zweite Chance." Seiner Meinung nach sollte ihnen von der Kirche mit Sensibilität und Respekt begegnet werden. "Die katholische Kirche muss, wenn sie glaubwürdig sein will, alles dafür tun, dass Wunden nicht aufgerissen, sondern geheilt werden."













