Wer sich mit dem Bau der Fulda-Main-Leitung P 43 befassen will, braucht viel Zeit und schnelles Internet: Seit Montag, 6. November, läuft die Behörden- und Öffentlichkeitsbeteiligung für den rund 102 Kilometer langen Abschnitt von Dipperz nach Bergrheinfeld bei der Bundesnetzagentur.
Die Unterlagen alleine für diese Trasse umfassen 5,8 Gigabyte Daten. Auf rund 9000 Seiten und 350 Karten wird dargelegt, wo und warum die Trasse den Westen des Landkreises Bad Kissingen trifft.
„Wenn gebaut wird, ist es zu spät“
„Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, uns zu beteiligen“, erklärte der Wartmannsrother Bürgermeister Florian Atzmüller beim Infoabend in seiner Gemeinde. Mehr als 150 Bürgerinnen und Bürger informierten sich über den Trassenverlauf.
„Wenn gebaut wird, ist es zu spät“, betonte ein Bürger. Sein Appell richtet sich vor allem an Bürgermeister und Gemeinderat, sich zu wehren.
„Sie spielen auf den Karten mit der Maus“
In Richtung der Tennet-Mitarbeiter sagte ein anderer: „Sie spielen auf den Karten mit der Maus, aber hier wird Natur zerstört, deshalb sind die Leute wütend.“ Immer wieder wurden die unberührte Natur im Schondratal, die Rodung von Wald und die Verschandelung der Landschaft angeprangert.
Auch die Brutgebiete des Rotmilans im Gemeindegebiet kamen zur Sprache: „Ein Windrad darf nicht laufen, wenn der Milan fliegt, aber hier werden Bäume mit Milan-Horst gerodet“, lautete eine Kritik.
80 Meter breite Schneise im Wald
Tennet-Sprecher Thomas Wagner bestätigte, dass die Schneise durch den Wald rund 80 Meter breit sein muss. Zumindest in Waldgebieten sei deshalb eine Bündelung mit der Gas-Hochdruckleitung geplant. Dafür gebe es bereits eine Schneise, die vermutlich nur erweitert werden müsse.
Martin Göbel, Bürgermeister der Gemeinde Karsbach, rechnete vor, dass die jetzt favorisierte Trasse durch Zeitlofs, Wartmannsroth und Karsbach 18 Kilometer länger als die Trasse entlang der A 7 sei. Zudem müssten dafür 27 Hektar Wald gerodet werden. „In Zeiten des Klimawandels ist das für mich erschreckend“, betonte Göbel.
Erdverkabelung ausgeschlossen
Tennet-Sprecher Wagner kündigte an, dass auch Waldbereiche überspannt werden könnten, dazu seien allerdings höhere Masten notwendig, die das Landschaftsbild stärker beeinträchtigen. Prinzipiell seien entlang der P 43 auch Testbereiche für Erdverkabelung geplant.
Allerdings seien für jeden Übergang von einer Freileitung unter die Erde weitere Masten und 130 mal 160 Meter große Übergangsanlagen notwendig. Das lohne sich nur, wenn es einen entsprechenden Nutzen gebe. Eine Erdverkabelung nur in Höhe einer Ortschaft, um ein oder zwei Masten einzusparen, schlossen die Tennet-Mitarbeiter auf Nachfrage aus. Nach aktuellem Stand sei eine Erdverkabelung in Bayern ausschließlich bei Zeuzleben vorgesehen.
Erneut Diskussion ums Wasserschutzgebiet
Immer wieder schlugen die Emotionen beim Infoabend hoch, wenn es um das Wasserschutzgebiet Bad Brückenau ging, das den Trassenverlauf entlang der A 7 verhindert. Karsbachs Bürgermeister Göbel erinnerte daran, dass dort erst vor gut zehn Jahren eine neue Autobahnbrücke gebaut wurde.
Zudem sei die Querung des Gebietes mit der Abwasserleitung von Riedenberg nach Trübenbrunn geplant. Nach Göbels Worten sei das Verbot von Masten in der Schutzgebietsverordnung einmalig. Wagner bestätigte, dass die Verordnung 2016 erlassen wurde. Die Fulda-Main-Leitung wird zwar erst seit 2019 geplant, allerdings habe es ab 2014 Pläne in der Region für den Südlink als Freileitung gegeben.
„Noch nichts entschieden“
„Es ist zwar ein Vorzugskorridor definiert, aber es ist noch nichts entschieden“, fasste Bürgermeister Atzmüller die aktuelle Diskussion zusammen. Sein Appell: „Jeder sollte die Möglichkeit zur Stellungnahme nutzen.“
Gerade einmal 880 Meter Abstand liegen zwischen dem östlichsten Haus von Dittlofsroda und dem westlichsten von Waizenbach.
Nur noch schmaler Korridor übrig
Weil die Fulda-Main-Leitung P 43 von Wohnbebauung in Bayern 400 Meter Abstand halten soll, bleibt also nur ein 80 Meter breiter Streifen mitten zwischen den beiden Wartmannsrother Gemeindeteilen, in dem die Freileitungen wohl später verlaufen wird.
Bürgermeister Florian Atzmüller verwies im jüngsten Infoabend mit einer zum Teil aufgeheizten Stimmung zusätzlich auf einen geltenden Bebauungsplan für Dittlofsroda: Aus seiner Sicht könnten die rot gekennzeichneten Bereiche sich vielleicht sogar überlappen. Das ist einer von vielen Einwänden, die die Gemeinde bei der Bundesnetzagentur geltend machen will.
Auch geringere Abstände möglich
Tennet-Sprecher Thomas Wagner verwies darauf, dass es in Bayern in begründeten Einzelfällen durchaus möglich sei, die vorgeschriebenen Abstände (400 Meter von geschlossenen Ortschaften und 200 Meter zu Aussiedlerhöfen) zu unterschreiten.
Klar sei allerdings, dass die Freileitung in der Gemeinde Wartmannsroth an mehreren Stellen von der Gas-Hochdruckleitung Sannerz-Rimpar abweichen müsse: Bei Heiligkreuz im Schondratal und bei Dittlofsroda reicht die unterirdische Gasleitung jeweils zu nah an die Häuser heran.
„Der Netzausbau drängt“
„Der Netzausbau drängt, wir müssen immer wieder Wind- und Solarparks abriegeln, weil das Netz nicht ausreicht“, warb Wagner für die neuen Leitungen. Das koste im Jahr rund zwei Milliarden Euro. „Das zahlen wir alle“, betonte Wagner, und: „Netz-Ertüchtigung steht vor Neubau, aber wir kommen nicht um neue Leitungen herum.“
Damit widersprach Wagner insbesondere Forderungen der Bürgerinnen und Bürger, die Trasse P 43 mod erneut zu prüfen: Zum einen sei eine politische Entscheidung gegen die P 43 mod gefallen, zum anderen habe die P 43 den Vorteil eines Ringschlusses im Höchstspannungsnetz: Es gebe bereits 380-Kilovoltleitungen von Fulda und Bergrheinfeld nach Frankfurt. Die P 43 bilde eine Verbindung zwischen Fulda und Bergrheinfeld und könne somit Ausfälle auf einer der anderen Leitungen kompensieren.
Entscheidung fällt bis Juni 2024
Tennet rechnet damit, dass bis Juni 2024 die Bundesnetzagentur den endgültigen Trassenkorridor für die P 43 festlegt. Das Verfahren sei zwar ergebnisoffen, aber: „Wir gehen davon aus, dass wir gute Vorarbeit geleistet haben.“ Deshalb plane Tennet bereits den genauen Verlauf der Leitung innerhalb des 1000 Meter breiten Korridors. Auch Wagner rief die Bürgerinnen und Bürger dazu auf, alle Hindernisse innerhalb des Korridors bereits jetzt an Tennet zu melden.
„Uns als Tennet ist es schnurzegal, wo wir die Leitung bauen. Wir müssen einfach zwei Punkte miteinander verbinden“, stellte Wagner klar. Der Auftrag dafür sei der vom Bundestag beschlossene Netzentwicklungsplan. Der jetzt festgelegte Vorzugskorridor sei einfach „der am wenigsten schlechte“.
Sachliche Argumente wichtig
Der Tennet-Sprecher äußerte großes Verständnis für die Sorgen und Bedenken der Betroffenen vor Ort, stellte aber gleichzeitig klar: „Am Ende werden einzig und allein die Fachargumente entscheiden.“
Kritik gab es in der Versammlung auch daran, dass Landrat Thomas Bold nicht anwesend war. „Das ist auch seine Heimatgemeinde, da könnte er ja mal da sein“, sagte ein Bürger. Bolds Stellvertreterin Brigitte Meyerdierks berichtete, dass der Landrat verreist sei. „Sonst wäre er natürlich heute da“, betonte sie. Die frühere Bad Brückenauer Bürgermeisterin schlug zudem vor, dass das Wasserwirtschaftsamt als Fachbehörde eingeladen werden solle, um die Beschränkungen im Wasserschutzgebiet Bad Brückenau zu erläutern.
Weitere Infos zur Fulda-Main-Leitung:
Netzbetreiber Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet informiert auf tennet.eu/de/projekte/fulda-main-leitung laufend über die aktuelle Entwicklung zur P 43. Unter anderem steht dort ein Geo-Informationssystem online, in dem der Nutzer sämtliche Infos entlang der Trasse einblenden lassen kann.
Bundesnetzagentur Für die Aufsicht und Regulierung der Netzbetreiber ist die Bundesnetzagentur zuständig. Die Bundesbehörde leitet auch die offizielle Öffentlichkeitsbeteiligung. Alle Infos dazu gibt es auf netzausbau.de/_tools/Stellungnahmen/beteiligung17-b_9/node.html.
Weitere Berichte zum Thema:

















