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Handelsübliches Hausmittel
Warum Backpulver für Winzer verboten wurde
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Winzer können seit diesem Jahr kein gewöhnliches Backpulver mehr als Grundstoff im Weinbau einsetzten. // Uwe Anspach, dpa
Signet des Fränkischen Tags von Helena Trevisan
Würzburg/Iphofen
Würzburg/Iphofen – Gegen die Pilzkrankheit „Echter Mehltau“ nutzten viele Winzer gewöhnliches Backpulver. Jetzt entzog die EU die Zulassung als Grundstoff - zum großen Ärger.

Backpulver war für viele Winzer über Jahre ein bewährtes Mittel gegen Echten Mehltau. Die Pilzkrankheit befällt Weinreben und andere Pflanzen mit einem weißen Belag und kann die Ernte stark schädigen. Handelsübliches Backpulver, also Natriumhydrogencarbonat, gilt als günstige und umweltschonende Alternative zu chemischen Pflanzenschutzmitteln.

Seit diesem Mai darf Backpulver aus Bäckerei- oder Landhandel im Weinbau nicht mehr eingesetzt werden - zur Empörung des Fränkischen Weinbauverbands. Hintergrund ist die Zulassung des Pflanzenschutzmittels „NatriSan“ in Deutschland und Österreich. Der Wirkstoff im neuen Mittel der Firma Biofa aus Baden-Württemberg: Natriumhydrogencarbonat, also exakt der Backpulver-Stoff.

Haushalts-Backpulver hat seine Zulassung verloren

Seit 2015 galt Backpulver in der Landwirtschaft als „Grundstoff“. Also als Stoff, der zwar nicht in erster Linie für den Pflanzenschutz gedacht, aber da nützlich und deshalb erlaubt ist. Laut europäischem Pflanzenschutzrecht können sogenannte Grundstoffe allerdings nicht gleichzeitig auch Pflanzenschutzmittel sein.

Genau das ist hier der Fall: Seit Anfang 2025 ist mit „NatriSan“ ein Pflanzenschutzmittel mit identischem Wirkstoff offiziell zugelassen. Dadurch verlor das gängige Backpulver seinen Status als frei verwendbarer Grundstoff. Im Weinberg gilt Natriumhydrogencarbonat jetzt rechtlich als Pflanzenschutzmittel.

Echter Mehltau an einem Rosenblatt.
Echter Mehltau an einem Rosenblatt. // Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG)

Mit der Zulassung von „NatriSan“ haben Deutschland und Österreich die EU-Richtlinie umgesetzt. Seither ist die Verwendung von handelsüblichem Backpulver hier nicht nur im Weinbau, sondern auch für Hobbygärtner verboten. Selbst Restbestände dürfen Frankens Weingüter nicht mehr verwenden. Stattdessen müssen offiziell zugelassene Natrium- oder  Kaliumhydrogencarbonat-Produkte wie auch „Kumar“ von Certis Belchim genutzt werden.

Ärger für Winzer: Als Pflanzenschutzmittel kostet es mehr

Für viele Winzerinnen und Winzer ist die Aberkennung von Backpulver als Grundstoff ein Ärgernis: Das neu zugelassene Pflanzenschutzmittel kostet laut Fränkischem Weinbauverband rund 5,10 Euro pro Kilo – herkömmliches Backpulver war für etwa 1,20 Euro erhältlich. „Das bedeutet für unsere Betriebe einen klaren Wettbewerbsnachteil zu anderen europäischen Winzern“, kritisiert Michael Bock, Referent des Weinbauverbands.

Winzermeister Simon Ender vom Weingut Hans Wirsching in Iphofen (Lkr. Kitzingen) macht eine simple Rechnung auf: Ein Hektar mit Backpulver zu behandeln koste zwischen 6 und 7 Euro pro Saison. Mit Produkten von Biofa oder Certis Belchim schätzt er die Kosten auf 80 Euro pro Hektar.

Backpulver-Verbot „nicht nachvollziehbar“

Auch Biowinzer Gerald Baldauf aus Ramsthal (Lkr. Bad Kissingen“) hält das Backpulver-Verbot für „nicht nachvollziehbar“. Im Bio-Weinbau gebe es „sowieso nur sehr wenige Wirkstoffe auf natürlicher Basis“. Das landläufige Hausmittel rechtlich zu verbieten sei da „niemandem schlüssig zu erklären“.

Peter Rudloff vom Juliusspital in Würzburg sieht einen praktischen Vorteil bei den Handelsmarken. Das Würzburger Weingut verwende „Kumar“ seit einigen Jahren: „Besonders gut finden wir, dass das Produkt ein Netzmittel enthält, das den Wirkstoff besser an der Pflanze haften lässt. Etwas, das man bei einfachem Backpulver erst zusätzlich besorgen musste.“

Fränkischer Weinbauverband fordert gleiche Wettbewerbsbedingungen in EU

Er verstehe, dass Biofan mit dem neuen Mittel Geld verdienen und so seine Forschung im Bereich Pflanzenschutz finanzieren wolle, sagt Christian Stahl, Inhaber des Winzerhofs Stahl im mittelfränkischen Auernhofen. „Aber in Europa sollten alle Länder die gleichen Spielregeln haben.“

In einem Punkt herrscht unter Frankens Winzern Einigkeit: Die aktuelle EU-Regelung wird als ungerecht empfunden. Besonders kleinere Betriebe seien betroffen.  Der Fränkische Weinbauverband fordert deshalb die Wiedereinführung günstiger Grundstoffe in Deutschland: „Die Wettbewerbsbedingungen innerhalb der EU müssen gleich sein.“

Weitere Länder könnten folgen

Der unterfränkische CSU-Europaabgeordnete Stefan Köhler sagt, er könne „nachvollziehen, dass die zusätzlichen Kosten für Winzer ärgerlich sind“. Er hoffe, dass Zulassungsverfahren gerade für nicht-chemische Stoffe künftig einfacher werden. „Wenn wir wirklich chemischen Pflanzenschutz reduzieren wollen, brauchen wir wirksame biologische Mittel als Alternativen.“

Er rechne damit, dass Länder wie Italien und Frankreich folgen und Backpulver ebenfalls in Landwirtschaft und Weinbau verbieten, sagt Köhler. „Zumindest bis zum Ablauf der NatriSan-Zulassung im Jahr 2036 wird sich jedoch an der Nicht-Zulassung für Backpulver als Grundstoff höchstwahrscheinlich nichts ändern.“

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