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Experte erklärt
Wie schafft man attraktive Ortskerne im Kreis Kissingen?
Innenstädte werden sich vom reinen Einkaufsort zum Erlebnisort wandeln, meint Volker Wedde vom Handelsverband Bayern.
Innenstädte werden sich vom reinen Einkaufsort zum Erlebnisort wandeln, meint Volker Wedde vom Handelsverband Bayern. // Angelika Despang
LKR Bad Kissingen – Das Thema Einzelhandel wurde beim Heimat-Monitor unterschiedlich bewertet. Experte Volker Wedde erklärt, wie die attraktive Innenstadt funktioniert.

Mehr und bessere Einkaufsmöglichkeiten – das war der Wunsch vieler Leserinnen und Leser im Heimat-Monitor der Saale-Zeitung. Wir haben Volker Wedde vom Handelsverband Bayern gefragt, wie man den Einzelhandel in die Innenstädte und Ortskerne der Region bringen und dort auch halten kann. Der 49-Jährige ist seit 2008 Bezirksgeschäftsführer für Unterfranken.

Was können kleinen Ortschaften und Gemeinden tun, damit sich Einzelhändler dort ansiedeln?

Volker Wedde: Insgesamt ist die Versorgung mit Einkaufsmöglichkeiten des täglichen Bedarfs in Unterfranken gut aufgestellt. Bei kleineren Ortschaften, die momentan noch unterversorgt sind, werden derzeit neue Formate ausprobiert, wie zum Beispiel digitale Klein-Supermärkte.

Dort loggt man sich per App oder Geldkarte ein, die Tür öffnet sich, man scannt seine Einkäufe ein und bezahlt digital, ohne Verkaufspersonal. Das ist eine gute Möglichkeit, um die Versorgung in kleinen Gemeinden und Ortschaften aufrechtzuerhalten, auch außerhalb der üblichen Öffnungszeiten. Tegut, Edeka und Rewe testen diese digitalen Mini-Supermärkte gerade aus, aber auch sie hängen von der Frequenz und dem Einkaufsverhalten ab und müssen sich rechnen.

Welche Hürden müssen Händler überwinden, um beispielsweise einen „Tante-Emma-Laden“ zu eröffnen?

Das Entscheidende bei jedem Dorfladen ist: Er muss gewünscht sein. Das heißt, der ernsthafte Wille muss da sein, er muss von den Menschen und der Gemeinde gewollt sein und es muss dann auch dort eingekauft werden.

Da gibt es gute Beispiele, die durch Genossenschaften von Bürgern entstanden sind und wo die Gemeinde das Ganze unterstützt, indem sie die Fläche zur Verfügung stellt, die Organisation übernimmt oder sogar die Verluste mitträgt. Ein Supermarkt üblicher Größe rechnet sich nicht in jedem Ort.

In den Orten, wo es kleine Läden gibt, ist die Sorge groß, dass sie schließen werden – was muss getan werden, dass sie erhalten bleiben?

Erstmal ist es schön, dass die stationären Geschäfte wieder im Focus der Menschen sind. Während der Pandemie haben wir ja gesehen, was los ist, wenn nichts los ist. Dadurch ist die Wertschätzung für den Laden vor Ort gestiegen und vielen wurde klar, dass er nicht selbstverständlich ist und wirtschaftlich betrieben werden muss. Die Menschen haben einen großen Einfluss mit ihrem Einkaufsverhalten. Die Kommunen können helfen, indem sie sich beispielsweise um Standorte bemühen oder bei der Nachfolge eines Geschäfts unterstützen.

Und der Händler muss natürlich auch seine Hausaufgaben machen, am Puls der Zeit bleiben und das anbieten, was die Leute wünschen – das betrifft nicht nur die Waren, sondern auch das Einkaufserlebnis. Es ist aber auch wichtig zu wissen, dass ein Vergleich zwischen verschiedenen Orten schwierig ist. Natürlich kann man sich das ein oder andere abschauen, aber letztendlich muss die eigene Positionierung in gemeinschaftlicher Kooperation aller Akteure überdacht und bearbeitet werden.


Auch in den Städten des Landkreises wie Bad Brückenau oder Bad Kissingen gab es Kritik, dass sie nicht attraktiv genug für eine Shoppingtour sind: in Bad Brückenau wurde bemängelt, dass es zu viele große Marken statt Einzelhändler gibt, in Bad Kissingen wird ein großes Zugpferd wie H&M oder Wöhrl gewünscht – wie finden Städte eine gute Balance zwischen kleinen Boutiquen und vielfältigem Angebot, ohne ihr individuelles Gesicht zu verlieren?

Das ist keine einfache Aufgabe, denn einerseits sind große Anbieter und Filialen wichtig, andererseits machen Fachhändler den Reiz einer Stadt aus. Da muss man den richtig Mix finden. Nun ist es so, dass große Häuser wie H&M derzeit eher ihre Flächenexpansion überdenken und sich auf größere Städte konzentrieren. Trotzdem können Kleinstädte überlegen, was sie großen Häusern anbieten könnten, was vor Ort fehlt und gefragt ist und auf die jeweiligen Geschäftsleiter zugehen.

Wichtig sind immer ausreichend hohe Frequenzen in den Städten. Die Rahmenbedingungen für große Häuser sind nicht immer leicht, denkt man an die Erreichbarkeit, die Parkmöglichkeiten oder den Denkmalschutz. In Bad Brückenau sind meiner Meinung nach gute Fachgeschäfte vorhanden und man kann gerade auch in kleineren Städten den Reiz des Ortes erleben. Zur Frage, wie man neue Geschäfte anziehen kann, gibt es übrigens ein neues Förderprogramm des bayerischen Wirtschaftsministeriums „Neue Läden und neue Ideen für Bayerns Innenstädte“. Da passiert gerade einiges.

Insgesamt wurde das Angebot an Lebensmittelgeschäften besser bewertet als das Angebot an Einzelhandelsgeschäften – warum ist das so?

Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist zunächst mal für jede Gemeinde wichtig und dementsprechend eher das Augenmerk. Der Einzelhandel lebt einerseits von hoher Frequenz und bringt andererseits Kaufkraft ins Zentrum. Da haben es große Städte leichter. Zudem haben sich unsere Städte und Ortschaften deutlich verändert, im Wohnort werden die Dinge des täglichen Bedarfs eingekauft, für Bekleidung oder ähnliches geht man auch in größeren Städten oder online shoppen. Das spürt der Handel vor Ort. Trotzdem können das Städte zum Beispiel anhand von baurechtlichen Vorschriften oder indem sie Immobilen kaufen und für den Handel herrichten, steuern. Gemeinden können sich gern auch an uns als Verband wenden.

Warum gibt es immer noch die Diskrepanz zwischen Innenstadt und grüner Wiese auch im ländlichen Raum wie im Landkreis Bad Kissingen?

Das ist eine Frage der Stadtpolitik. Sinnvoll ist die Arbeitsteilung, große Formate wie Möbelhäuser und Baumärkte am Stadtrand anzusiedeln und innenstadtrelevante Angebote im Zentrum. Dennoch haben die Städte in den letzten Jahren nicht sonderlich Einfluss genommen darauf. Wir sagen immer: achtet auf die innerörtlichen Strukturen, wenn zu viel Kaufkraft durch die grüne Wiese abgezogen wird, können sich die Geschäfte im Zentrum nicht halten.

Von 100 Euro, die im Einzelhandel von einem Kunden ausgegeben werden, landen nur drei bis fünf Prozent als Gewinn in der Kasse des Händlers. Das macht deutlich, dass der Einzelhandel extrem von Frequenz und Kaufkraft abhängig ist und die Rentabilität nicht allzu hoch ist.

Kann der Online-Handel für Einzelhändler eine Chance sein, indem Einkaufen vor Ort zum Erlebnis und zum sozialen Treffpunkt wird?

Man darf stationären und Online-Handel nicht mehr so genau trennen, denn die Händler vor Ort sind häufig auch im Internet vertreten.  Das gilt auch für den Fachhandel, wobei die wenigsten einen eigenen Onlineshop haben, sondern sich bei großen Plattformen anschließen. Viele Händler sagen inzwischen, dass es das stationäre Geschäft ohne die Hilfe des Onlineabsatzes nicht mehr ohne weiteres geben würde. Zudem sind die meisten Käufer hybrid, das heißt sie kaufen online und stationär ein.

Aber ja, genau die Anreize, die der stationäre Handel hat, muss er auch ausspielen, zusammen mit dem gesamten Netzwerk Innenstadt, nämlich Sehenswürdigkeiten, Erreichbarkeit, Aufenthaltserlebnis und gesellschaftlicher Treffpunkt. Das läuft schon gut, kann aber immer noch optimiert werden. Wenn Innenstädte gepflegt und gefördert werden, sind sie die Pulsader der Stadt – das kann kein Amazon.

Man sagt ja: Einzelhändler handeln einzeln – Was steckt dahinter?

Es ist so, in Gemeinschaften kommt man besser voran und wenn man sich mit einem gemeinschaftlichen Stadtmarketing positioniert, kann eine Stadt eine ganz andere Strahlkraft entwickeln. Da beteiligen sich manche Händler häufig bei Gemeinschaftsaktionen wie zum Beispiel einem verkaufsoffenen Sonntag, andere müssen mehr motiviert werden. Wenn jeder mithilft, kann eine Stadt davon nur profitieren.

Wie sehen Sie die Zukunft des Einzelhandels in der Region?

Wir haben in Unterfranken   eine gute Struktur im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland. Natürlich gibt es auch hier einen Strukturwandel: die Innenstädte werden sich vom reinen Einkaufsort zum Erlebnisort wandeln und es ist die Aufgabe des Einzelhandels, darauf einzugehen. Laut einer Befragung sind der Handel und die Gastronomie weiterhin die Hauptgründe, in die Innenstadt zu gehen. Die Menschen wünschen sich aber weitere Impulse, zum Beispiel Plätze zum Verweilen als Treffpunkt ohne Konsum. Da spielt Sicherheit und Sauberkeit eine große Rolle.

 Wenn das geboten werden kann, dann habe ich keine Bange um die Innenstädte. In der Pandemie konnten wir lernen, wenn das Menschliche fehlt und alles nach Hause bestellt wird, sind unsere Wohnorte um so vieles ärmer. Insofern haben die Innenstädte an Wertschätzung gewonnen. Die Menschen kommen gern hierher. Wichtig ist, dass wir alle sie herzlich empfangen.

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