Am Ufer der Saale treibt ein kleines Papierboot. Sorgfältig gefaltet ist es Sinnbild für Abschied und Neubeginn. Eine Libelle schwebt darüber – ein Moment, der Trost spenden kann. Solche Symbole und Rituale bieten in der Marbachtalklinik Bad Kissingen eine Möglichkeit, Trauer zu erleben und auszudrücken.
„Trauer ist so individuell wie der Mensch selbst“, erklärt Britta Söpper, leitende Psychologin der Klinik. „Und jeder braucht andere Wege, um damit umzugehen.“
Wenn Trauer zur Belastung wird
Verlusterfahrungen gehören untrennbar zum Leben dazu. Für viele Menschen ist Trauer ein Prozess, der mit der Zeit leichter wird. „Einen geliebten Menschen zu verlieren, kann unter Umständen eine langanhaltende Trauerphase nach sich ziehen. Abschied nehmen, Trauer zu verarbeiten, das braucht Zeit“, sagt Söpper.
Die meisten Menschen finden nach einer Weile zurück in ihr Leben. Doch manchmal bleibt der Schmerz, lähmt den Alltag und zieht sich über Monate oder Jahre.
In solchen Fällen, in denen Trauer zu einer so großen Belastung wird, dass sie das Leben einschränkt und die Lebensfreude nimmt, spricht die Fachwelt von einer anhaltenden Trauerstörung. Die Symptome reichen von tiefer Sehnsucht, Schuldgefühlen und emotionaler Taubheit bis hin zu sozialem Rückzug, Angstzuständen und massiven Einschränkungen im Berufs- und Privatleben.
Ein einzigartiges Therapiekonzept
Wird Trauer zur Belastung, bietet die Marbachtalklinik eine stationäre Behandlungsmöglichkeit. „Wir haben ein eigenes Behandlungskonzept, das es deutschlandweit so nicht gibt“, betont Dr. Klaus Hermann, ärztlicher Leiter der Klinik. „Unser Angebot geht deutlich über die übliche Trauerbewältigung hinaus. Es ist ein individuelles und spezialisiertes Angebot.“ Das Konzept wurde gemeinschaftlich entwickelt.
Dr. Max Bürger, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ergänzt: „Seit 20 Jahren befasst sich die Klinik im Rahmen des Therapiekonzeptes auch mit Trauer. Basierend auf diesen Erfahrungen und der positiven Resonanz und Offenheit der Belegschaft für das Thema wurde das neue Therapiekonzept entwickelt.“
Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung
Das Therapieangebot ist vielfältig. Im Mittelpunkt steht der gruppenorientierte Ansatz. In geschütztem Rahmen erfahren Patientinnen und Patienten, dass sie mit ihrem Schmerz nicht allein sind. Solidarität, Verständnis und gegenseitige Unterstützung prägen die Atmosphäre. Sätze wie „Das ist doch jetzt lang genug her“ oder „Stell dich nicht so an“ haben hier keinen Platz. Vielmehr wird Trauer als legitimer Teil des Lebens anerkannt.
“Trauer darf sein, sie darf aber nicht alles sein.
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Die Gruppentherapie ist nur ein Baustein des ganzheitlichen psychosomatischen Konzepts. Gestalttherapeutische Angebote ermöglichen einen nonverbalen Zugang zu Gefühlen und Erinnerungen. Farben, Formen und Materialien werden zu Ausdrucksmitteln, wenn Worte fehlen. Die künstlerische Gestaltung steht dabei nicht im Vordergrund – vielmehr zählt das Erleben selbst und der individuelle Weg, den jede und jeder geht, erläutert Söpper.
Trauerspaziergang und Naturerfahrung
Ein weiteres Element der Therapie ist der Trauerspaziergang auf dem „Weg der Besinnung“ in Bad Kissingen. Der etwa zwei Kilometer lange Weg mit zwölf kunstvoll gestalteten Stationen inmitten der Natur sei ideal, um Heilung anzustoßen, so Söpper. Bewegung, frische Luft und inspirierende Skulpturen schaffen Raum für neue Perspektiven und helfen, den Zugang zu den eigenen Gefühlen zu öffnen und helfen, dabei Belastungen zu verarbeiten.
„Auch dieser Trauerspaziergang wird psychotherapeutisch begleitet“, betont Söpper. „Die Kombination aus Bewegung und Naturerfahrung kann heilsam einwirken, die Bewältigung fördern und helfen, neue Wege im Leben zu finden.“
Für Menschen, die Halt im Glauben suchen, gibt es eine glaubensbasierte Trauergruppe, die sich 14-tägig zusätzlich zum bestehenden Programm trifft und von Seelsorgern aus Bad Kissingen begleitet wird. Die Teilnahme ist freiwillig, denn „Glaube könne eine Ressource in der Trauerbewältigung sein oder ein Hemmnis“, ergänzt Dr. Bürger. Auch Einzelgespräche, Entspannungsangebote, Sport und Bewegung sowie ein „Raum der Stille“ mit Skulpturen gehören zum therapeutischen Angebot.
Alltag neu gestalten
Das Ziel der Reha mit dem Schwerpunkt Trauerbewältigung ist es, einen neuen Bezug zum Verstorbenen zu gestalten und den Alltag neu zu ordnen. „Da gilt es unter Umständen, die Finanzen neu zu regeln oder Dinge zu lernen, die bisher ein Partner übernahm, wie etwa das Fahrzeug in die Werkstatt zu bringen. Diese Fragen werden konkret in der Therapie angesprochen“, berichtet Söpper.
Gerade die Gruppengespräche seien hierbei hilfreich. „Zu erfahren, dass andere ähnliche Probleme haben oder hatten, dass man mit seiner Trauer und seinen Schwierigkeiten nicht alleinsteht, kann entlasten und einen realistischeren Blick auf die eigene Situation zulassen.“
In der Gruppentherapie könne man erfahren, wie andere mit ähnlichen Themen umgegangen sind und dass Trauer auch Zeit und Raum braucht. Dass Trauer in Phasen kommt und es auch schwierige Tage und Zeiten gibt, wie Familien-, Gedenk- und Feiertage. „Trauer darf sein, sie darf aber nicht alles sein“, so Söpper. Die Therapie zielt auf ein „sowohl als auch“ und verfolgt das Ziel, der Trauer Raum zu geben, ohne das ganze Leben zu bestimmen.
Fünf Wochen für neue Perspektiven
Fünf Wochen dauert der Klinikaufenthalt – eine wertvolle Zeit, um sich auf sich selbst zu konzentrieren, den Austausch mit Gleichgesinnten zu suchen und das eigene Leben neu in den Blick zu nehmen. Dazu gehört es auch zu lernen, sich abzugrenzen und gleichzeitig für andere Menschen offenzubleiben. In einer Selbsthilfegruppe lernen die Patienten ein Format kennen, das auch am Heimatort genutzt werden kann.
Wissenschaft und Antragstellung
Das Trauerbewältigungskonzept der Marbachtalklinik wird wissenschaftlich von der Universität Eichstätt-Ingolstadt begleitet. Dr. Anna Vogel, in der Trauerforschung aktiv, bietet zudem Fortbildungen für das Personal an.
Der Weg in die Klinik beginnt mit einem Antrag bei der Rentenversicherung oder Krankenkasse, ergänzt durch einen ärztlichen Befundbericht. Die Wunschklinik kann im Antrag genannt werden.
Trauer ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Liebe und Verbundenheit. Die Marbachtalklinik Bad Kissingen zeigt, wie individuell und kreativ der Weg zurück ins Leben sein kann – und dass aus Schmerz neue Hoffnung wachsen darf.
















